Hildesheim - In der Kaiserstraße kommt es regelmäßig zu Staus, auch in der Schuhstraße stehen die Fahrzeuge oft Stoßstange an Stoßstange. Wer dorthin unterwegs ist, soll ab sofort schon auf den Zufahrtswegen erfahren, dass der Verkehr im Zentrum stockt – und dieses daher möglichst umfahren. Die nötigen Informationen liefert ein digitales Verkehrsleitsystem. Am Montag schaltet die Stadt die Anlage ein.
Neun Infotafeln zeigen in Hildesheim Staus und Umleitungen an
Deren sichtbarstes Zeichen sind Anzeigetafeln am Fahrbahnrand: Die jeweils zwei mal zwei Meter großen Geräte stehen an insgesamt neun Stellen rund um die Innenstadt. Darunter sind unter anderem der Berliner Kreisel, der Kennedydamm, die Bückebergstraße/B1 und die Marienburger Straße.
Auf den Displays sollen im Fall des Falles die Stau-Meldungen für die Kaiserstraße und/oder die Schuhstraße aufleuchten – samt der Nummer der empfohlenen Umleitung. Von denen gibt es acht, die Stadt hat insgesamt knapp 50 Hinweise entlang der Routen anbringen lassen, um diese auszuschildern.
Drei verschiedenen Quellen liefern Daten an Verkehrsrechner
Doch wie stellt die Verwaltung eigentlich fest, dass der Verkehr stockt? Das melden zwei Umweltsensoren (sie messen in Kaiser- und Schuhstraße die Luftbelastung), 44 Induktionsschleifen (sie erfassen an 21 Straßen die Verkehrsmenge und die Art der Fahrzeuge) und 23 Bluetooth-Scanner (sie berechnen die Geschwindigkeit, mit welcher der Verkehr vorankommt).
Die Daten gehen im Gebäude der Berufsfeuerwehr am Kennedydamm ein, dort steht der Verkehrsrechner der Stadt. Er ermittelt, wie viele Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sind, wie schnell oder langsam sie fahren und wie es um die Luft in Schuh- und Kaiserstraße bestellt ist. „Erst, wenn es in allen drei Kategorien schlecht aussieht, geht es los“, erklärt Peter Nolden vom Fachbüro PVT, das die Einführung des Systems für die Stadt vorbereitet hat.
Sieht der Verkehrsrechner Handlungsbedarf, füttert er die Info-Tafeln mit den Stau-Hinweisen und den Umleitungsempfehlungen. Dann schaltet der Computer alle Ampeln so, dass Kaiser- und/oder Schuhstraße entlastet werden. „Um den Verkehr zu reduzieren“, erklärt Bettina Beyer, Verkehrsingenieurin bei der Stadt. Zudem analysiert der Rechner die Verkehrslage auf den Umleitungsstrecken, wählt die beste aus und steuert die Ampeln so, dass es auf dieser Route zügig vorangeht.
Stadt betont: Erfolg hängt von Akzeptanz der Autofahrer ab
Wichtig: Das System basiert auf Freiwilligkeit – das heißt, die Fahrer können auch auf ihrem eigentlichen Kurs durch die Innenstadt bleiben. Der Erfolg hänge daher ganz wesentlich von der Akzeptanz durch die Verkehrsteilnehmer ab, sagt Kai-Uwe Hauck, Chefs des Fachbereichs Tiefbau der Stadt: „Wenn sich niemand an die Empfehlungen hält, kann das Ganze auch keine Wirkung entfachen.“
Für diese Akzeptanz wiederum sei es wichtig, dass die Umleitungen wirklich Vorteile brächten – was voraussetzt, dass die Daten gut seien, betont Hauck. Um das sicherzustellen, haben die Verwaltung, PVT und die Firma Swarco, die das Verkehrsleitsystem installiert hat, dieses seit Mitte April im Probebetrieb getestet, Modellrechnungen mit der Wirklichkeit abgeglichen, die Plausibilität der Werte überprüft. Und festgelegt, was der Rechner überhaupt für einen „Stau“ halten soll – zum Beispiel, wenn es länger als 140 Sekunden dauert, auf der Kaiserstraße von der Ecke Kennedydamm bis zur Kardinal-Bertram-Straße zu fahren.
Kein Stau? Dann bleiben die Infotafeln am Starttag dunkel
„Das System wird laufen“, versicherte PVT-Vertreter Nolden kurz vor dem Start an diesem Montag, auch Verkehrsingenieurin Beyer von der Stadt ist zuversichtlich. Doch man werde auch immer wieder mal nachsteuern müssen. Kuriosität am Rande: Es kann durchaus sein, dass die Info-Tafeln auch nach der offiziellen Inbetriebnahme erst einmal weiter dunkel bleiben – nämlich dann, wenn der Verkehrsrechner keinen Grund sieht, einzugreifen. Beyer glaubt daran aber nicht so recht: „In der Kaiserstraße kommt es ja an Werktagen regelmäßig zu Problemen.“
Doch was ist eigentlich, wenn die Navigationsgeräte in den Autos oder Apps auf den Smartphones gar keinen Stau ausmachen und deshalb auch keine Umleitung empfehlen? Dann sollten die Fahrer trotzdem dem Verkehrsleitsystem folgen, rät Tiefbau-Chef Hauck. Aus gutem Grund, erklärt Experte Ralf Junghans von Swarco: Apps wie Google Maps würden – anders als der Rechner in Hildesheim – keine Verkehrsmengen erfassen und berücksichtigen.
System einmalig in Deutschland – Stadt hält Ball dennoch flach
Die Stadt gibt die Kosten für das Leitsystem mit zwei Millionen Euro an, sie selbst zahlt davon keinen Cent: Der Bund übernimmt 1,4 Millionen Euro, das Land die übrigen 600000 Euro. Nach Angaben der Swarco, einem Unternehmen für Verkehrstechnik, ist das Hildesheimer System einzigartig in Deutschland. „Jedenfalls, was das Zusammenspiel all der beteiligten Bausteine angeht“, sagt Thorsten Hellmers vom Vertrieb der Firma. Stadt-Mitarbeiterin Beyer geht mit diesem Hinweis gleichwohl zurückhaltend um: Erst einmal müsse sich zeigen, ob alles in der Praxis so funktioniere wie gedacht. „Da macht es keinen Sinn, wenn wir vorher groß trommeln.“
