Jo-Bad

Wenn bei Badegästen die Gemüter hochkochen: Betreiber Mehler investiert jetzt beim Hildesheimer Jo-Bad stärker in die Sicherheit

Hildesheim - Gutes Wetter, dann sind 5000 Besucher keine Seltenheit. Doch beim Zusammentreffen vieler Kulturen auf engem Raum gibt es auch Auseinandersetzungen. Was Bad-Betreiber Matthias Mehler dagegen unternimmt und welches Projekt er noch anschieben will (mit Kommentar).

Ein Security-Team kümmert sich in dieser Badesaison um die Sicherheit auf der Jo-Wiese. Foto: Julia Moras

Hildesheim - Als erstes bittet er in den Schatten und bestellt ein Mineralwasser – die Sonne knallt vom Himmel an diesem Samstag. Temperaturen über 30 Grad Celsius. Jo-Wiesen-Betreiber Matthias Mehler hat eigentlich allen Grund zur Freude: Vor den beiden Kassen stehen die Leute Schlange. Für Mehler eine einfache Rechnung: Wahrscheinlich werden es am Ende des Tages 5000 Besucher sein, Sonntag wird wohl der sechste von kalkuliert zehn „guten Tagen“ der Jahressaison von 120 Tagen sein. Das sieht schon mal gut aus.

Doch er weiß auch: Nach dem Ferienanfang sinken die Besucherzahlen wieder. Aber die Kosten bleiben. Im Mai musste er allein für die Gaskosten 21.000 Euro überweisen, im Vorjahr waren es knapp 5500 Euro in einer zudem schlechten Saison. Und er hat noch einmal kräftig ins Personal investiert. Allein heute sind fünf Securitykräfte im Einsatz. „Sicherheit geht vor“, sagt Mehler.

Denn die Sicherheit wird nicht nur von den Rettungsschwimmern und Bademeistern gewährleistet. Die Sicherheit bezieht sich auf alles, was auf der Wiese und vor dem Eingang passiert. Fahrraddiebe schlagen außerhalb, Taschendiebe auf dem Gelände zu, hinzu kommen Auseinandersetzungen unter Badegästen oder Gefahrensituationen wie vor Kurzem das mit dem Kind, das von einem seiner Leute vor dem Ertrinken gerettet wurde.

Mehler lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen, auch nicht von der Geschichte, als sein Mitarbeiter das kleine Mädchen mit den Schwimmflügeln gesehen hat, das sich gerade ins Schwimmerbecken stürzt, die Arme nach oben gestreckt. Als der Mitarbeiter lossprintet, um ins Becken zu springen, ahnte der, was gleich passieren wird: Die Kleine geht unter. Sie kann nicht schwimmen.

Mit dem geretteten Kind an der Hand sucht er den Vater auf, der auf sein Handy starrt, ohne den Blick zu heben, als die beiden kommen. „Ihr Kind wäre beinahe ertrunken“, sagt der Helfer. Antwort des Vaters zum Kind: „Ich habe dir doch gesagt, du sollst da nicht hingehen“ und daddelt weiter auf dem Handy.

„Wir haben es allein heute mit Menschen aus mehr als 20 Nationen zu tun, und jede Kultur ist anders“, sagt Mehler. Es gibt viele Vorbehalte und Vorurteile übereinander. Wenn er frühmorgens von den Schwimmern angesprochen wird, klagen die über ihre Beobachtungen vom Vortag, wie junge Männer Mädchen hinterhergucken, die sehr leicht bekleidet sind. Oder der Vater, der beleidigt reagiert hatte, als er bemerkt, wie seine kleine Tochter im Badeanzug betrachtet wird. Bei heißem Wetter kochen eben die Gemüter hoch, weiß Mehler.

Und er hat reagiert, hat an der HAWK als Unternehmer einen Kursus über interkulturelle Kommunikation belegt. „Klingt sperrig“, sagt er, „aber es hat bei mir einen Schalter umgelegt. Man muss wissen, warum andere Leute anders ticken.“ Deswegen wird er nach der Badesaison sein Stammpersonal ebenfalls von der HAWK und der VHS in Kooperation schulen lassen.

Im seinem elften Jahr als Bad-Betreiber, die nächsten fünf Jahre sind bereits mit der Stadt vereinbart, setzt Mehler zudem auf mehr Security, auch um seine Leute an den Beckenrändern zu entlasten. So wie Dennis Schulz, Fachangestellter für Badebetriebe, der seine Runden um das Schwimmerbecken dreht, immer alle Gäste im Blick. „Haben Sie mal ein Pflaster“, wird er gerade angesprochen. Klar, auch das. „Wir haben eine Riesenkiste mit Erste-Hilfe-Material“, sagt Mehler.

Dann gibt es diese Tage, an denen sich jemand ein Fußgelenk bricht, dazu kommen zahlreiche Insektenstiche und ein bis drei Polizeieinsätze täglich an heißen Tagen. „Meine Sicherheitsleute sollen nicht den Helden spielen“, sagt Mehler. Wird es kritisch, kommt eben die Polizei.

Das ist normal bei 5000 Menschen auf engem Grund, bei lauter unterschiedlichen Typen, findet Mehler. „Wir sind hier nicht im Ruhrgebiet oder in Berlin, aber immerhin in einer Großstadt“, sagt er, „solche Konflikte finden Sie überall im Stadtgebiet“. Oder mal Jugendliche, die Schnaps ins Bad geschmuggelt haben und die sich später nicht mehr unter Kontrolle haben oder der Familienvater, der eine Kiste Bier ins Bad schmuggeln wollte, versteckt unter Badetüchern im Kinderbollerwagen.

Ach ja, den See gibt es ja auch noch. Und den neuen Strandstand für die DLRG-Truppe, die dieses Wochenende mit je fünf Leuten vor Ort ist. Zwei sind gerade am Nichtschwimmerbecken im größten Trubel im Einsatz. Auf dem Stand sitzt Claas Schindler, DLRG-Chef, der eine Vereinbarung mit Mehler geschlossen hat. Seine Leute schieben hier an den Wochenenden ehrenamtlich Dienst und am Ende der Saison gibt es eine „ordentliche Spende“ von Mehler für die Jugendarbeit.

„Wir haben beide etwas davon“, sagt der, und er wäre nicht Mehler, wenn er nicht schon das nächste Projekt in der Schublade hätte. Die alte DLRG-Bude hinten am See sei abgängig und abgelegen. Er kann sich in der Nähe des Kanutenzentrums einen festen Ort für die DLRG vorstellen. Nur er könne das nicht finanzieren. Er ist schon dankbar, dass die DLRG sich bereitgefunden hat, künftig für ihn mit im Boot zu sein.

Dann geht er zurück über den Rasen zum Haupteingang. Einen Rasen, den er „selbstverständlich“ nicht sprengen wird. „Ein ökologisches Unding.“ Dabei hat er für den Badebetrieb pro Saison rund 15 Millionen Liter Wasserumsatz, drei Millionen Liter fassen alle Becken. Er rechnet penibel mit der SeHi beim Abwasser ab. Von der Rechnung zieht er die verdunstete Menge runter. Dabei zählt jeder Badegast, der nass aus dem Wasser kommt und in der Sonne wieder trocknet. „Sie glauben gar nicht, was dabei zusammenkommt“, sagt Mehler und lacht.


Kommentar: Gut investiert: in Sicherheit und Ehrenamt

Dass Mehler als Jo-Wiesen-Betreiber stärker in die Sicherheit investiert, ist allein schon deswegen eine kluge Entscheidung, weil in einer zunehmend offeneren Gesellschaft auch das Konfliktpotenzial steigen kann. Und er zeigt, dass sich auch auf kreative Art gegensteuern lässt. Er schult seine Leute im Umgang mit anderen Kulturen. Dabei setzt er auf Hildesheimer Ressourcen wie die HAWK und die VHS. Und er beschäftigt Kräfte, die mehrere Sprachen beherrschen. Auch das ist pure Integrationsarbeit. Zudem spielt er beim Thema Sicherheit über Bande ein neues Projekt an. Die DLRG ist bei ihm als Badeaufsicht und Rettungsteam ehrenamtlich fest mit im Boot. Nun rührt er die Trommel, dass die ein neues Vereinsdomizil bekommen. Möglichst am Jo-Wiesen-Badestrand. Eine gute Idee für die Stadtpolitik, das möglich zu machen.

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