Hildesheim - Natürlich musste sie Sängerin werden: Melody ist ihr zweiter Vorname.
Es gibt ein Foto von Alyssa Melody, da ist sie ungefähr sechs Jahre alt. Sie sitzt in einem Zimmer, das mit Girlanden geschmückt ist, offenbar gibt es in ihrem Elternhaus gerade was zu feiern. Auf dem Schoß hält sie eine riesige Gitarre. Mit ihrer kleinen Hand greift sie einen Akkord, während sie die großen Augen halb schüchtern, halb kokett auf die Kamera richtet. „Ich hab Musik gemacht, solange ich denken kann“, sagt das Mädchen von damals heute, ungefähr 26 Jahre später.
Es ist einer dieser heißen Nachmittage, Alyssa sitzt mit einer Cola Light im Wienerwald am Hohnsensee. Sie sieht nicht erschöpft aus, nicht müde, aber eigentlich müsste sie es sein. In nur zwei Tagen hat sie einen Auftritt beim Maschseefest in Hannover und einen bei einer riesigen Malle-Party am Wannsee in Berlin absolviert. Das war viel. Aber noch längst nicht genug. „Zehn Auftritte pro Monat wären super“, sagt Alyssa, die ihre Cola in der Hand hält, als wollte sie sich daran vor allem abkühlen. „Das wäre eine gute Basis, um von der Musik zu leben.“
Manchmal flippen die Leute vor der Bühne komplett aus
Hunderte und Tausende feiern da, wo sie auftritt, wo sie über die Bühne tobt, die Leute animiert, wo sie singt, am liebsten live, wo sie tanzt und schwitzt und den Rhythmus vorklatscht und alles gibt, und manchmal flippen die Leute vor der Bühne dann völlig aus und singen mit, als wäre Alyssas Lied eine Hymne, die sie schon ihr Leben lang geliebt haben. Ein Ohrwurm im Partysound:„Wie Kometen durch das All / Raketenvoll! Mit Überschall!“ Mit ihrem Publikum reißt sie, wie man so sagt, die Bude ab.
Nun also Hohnsen statt Masch- oder Wannsee. Hier ist es auch schön. Ruhe statt Party, Entspannung statt Vollgas. „Ich bin total gern hier“, sagt Alyssa und sieht sich um. Sie trägt ein Kleid, das lange Haar glatt gekämmt, sie wirkt mädchenhaft und auf den ersten Blick ganz anders als bei ihren Bühnenauftritten. „Na klar, wenn ich auf der Bühne stehe, spiele ich ja auch eine Rolle“, sagt sie. „Da trage ich andere Klamotten, da bewege ich mich anders, da sehe ich anders aus. Aber das alles bin auch ich.“
Ein Satz, der ihr eine Menge bedeutet. Der, wenn sie ihn sagt, mehr meint als die berühmte Authentizität, die viele Künstler für sich in Anspruch nehmen. Ich zu sein, das verlangt in der Welt des Partyschlagers vor allem, das System zu erkennen, das dahintersteht. Ein System von Vermarktung und Stereotypen. Man sei als Frau bitte jung, blond, extrovertiert und überaus schlank – außer natürlich da, wo man selbst am Ballermann noch mit Textil verhüllt sein muss. Eine gute Stimme hingegen ist fakultativ: nett, aber nicht unbedingt erforderlich, dafür gibt’s notfalls ja Technik.
Sie ist im Megapark die „Newcomerin 2025“ geworden
Nicht mit Alyssa. Sie hat immer an ihrer Stimme gearbeitet, sagt sie, sie will auch nicht von anderen vermarktet werden, will sich nicht diktieren lassen, was sie singen oder anziehen soll, sie will auch keine Agentur, die nur daran interessiert ist, selbst von den mageren Anfangsgagen noch die Hälfte als Provision einzustreichen und ansonsten einfach mal abzuwarten, ob und wann sich der Erfolg einstellt oder auch nicht. Deshalb die viele Arbeit. „Deshalb bin ich auch froh, dass ich keine 20 mehr bin, sondern schon einige Erfahrungen in der Branche sammeln konnte“, sagt Alyssa Melody und guckt ein bisschen wie die Sechsjährige, die sie war.
In der Halle 39 hatte sie einen ihrer ersten Auftritte in Hildesheim. Jetzt, mit Anfang 30, ist sie bei Festivals in Deutschland, auf Mallorca und in der ARD-Sommerhitparade gewesen. Im berühmten Party-Tempel Megapark wurde sie im Frühjahr zur „Newcomerin 2025“ gekürt. Inzwischen ist sie fast nicht mehr im richtigen Alter, um am Ballermann noch als Newcomerin gehandelt zu werden. Trotzdem hat sie sich über den Sieg wahnsinnig gefreut, sagt sie. Der hat ihr gleich den nächsten Auftritt im Olymp der Malle-Stars eingebracht: Im Oktober wird sie wieder auf der Insel sein und im Megapark auftreten.
Hier, wo Abend für Abend 6000 Menschen feiern, sind sie alle gewesen, die Großen der Szene: Mickie Krause, Mia Julia, Isi Glück oder Julian Sommer und ja, früher auch mal der König von Mallorca, Jürgen Drews. Auf dieser Bühne zu stehen, auf der sie alle standen, das ist schon was, sagt Alyssa, das wäre als Lebensentwurf schon ihr Traum. „Musik ist mein Plan A“, sagt sie, und das könnte auch wieder so eine „Träume nicht dein Leben“-Floskel sein, wenn man nicht wüsste, was bei ihr hinter diesem Satz steckt.
Oft verschiebt sich ihr Feierabend in Richtung Nacht
Zum Beispiel die Tatsache, dass sie Lehrerin ist, dass sie Tag für Tag an einer Schule nahe Hannover Deutsch und Musik unterrichtet. Dass alles, was sie als Sängerin unternimmt, ihren Feierabend in Richtung Nacht verschiebt. Sie liebt ihren Brotjob, sagt sie, sie mag das alles sehr, die Kinder, die Schule. Aber noch lieber will sie eben singen. Bevor sie zum Partyschlager kam, war sie im Songwriting und im Pop unterwegs, noch heute singt sie auf Hochzeiten.
„Derzeit mache ich noch alles allein“, sagt sie. Auftreten natürlich sowieso, aber auch Songs aufnehmen, Radiosender, Plattenfirmen, Produzenten und Veranstalter kontaktieren, ihre Flugtickets buchen oder mit dem Auto von A nach B fahren, auf jeder Bühne die Tontechnik klären, ihre Outfits zusammenstellen, ihr Make-up, nach der Show am Merchandising-Stand stehen, Videos aufnehmen, schneiden und Social Media füttern, Fanpost beantworten, Rechnungen schreiben.
„Ich hab keinen Assistenten, keinen Fahrer oder Stylisten“, sagt sie. „Manchmal kommt eine Freundin zu Auftritten mit, dann bin ich schon froh. Vor allem, wenn ich nicht nach der Show nachts allein drei Stunden wieder nach Hause zurückfahren muss.“ Wenn allein diese Fahrerei jemand übernehmen könnte! Ja, sie weiß, dass sie im Augenblick einen krassen Spagat hinlegen muss – und sie weiß, dass sie den vielleicht nicht ewig durchhält. Aber auch das ist Plan A. Lange Tage und kaum ein Wochenende, an dem nicht ein Auftritt ansteht oder Studioaufnahmen oder beides. Plan A ist harte Arbeit.
Doch Alyssa zuckt die Schultern, sie sagt sehr ruhig: „Es ist viel. Aber ich denke, ich bin zuverlässig und diszipliniert.“ Erfolg hat seinen Preis. Und in einer Branche wie dem Partyschlager sind Illusionen fehl am Platz. Die Leichtigkeit, die das Ganze nach außen versprüht, existiert vor allem vor der Bühne, obendrauf eher weniger. Wer hier landen will, muss das wirklich wollen.
Es gab schon Fans, die haben Gläser auf die Bühne geworfen
„Auch die Fans können knallhart sein“, sagt sie. Es kam schon vor, dass Leute – wohl betrunken – Gläser auf die Bühne geworfen haben, wenn ihnen die Show zu lahm war. „Mir ist sowas zum Glück noch nie passiert, aber ich habe es bei Kollegen gesehen.“ Nie, nie dürfe man glauben, das läuft schon irgendwie von selbst mit der Stimmung. „Und nie darf man unvorbereitet rausgehen. Das ist der größte Fehler, den man machen kann.“ Selbst die Ansagen der Künstler zwischen den Songs, die so locker und spontan klingen, jedes „Seid ihr gut drauf?“ und „Habt ihr Bock auf Paaaaarty?“ – alles erprobt und geplant.
„Man kann sich viel von denen abschauen, die vom Partyschlager leben“, sagt Alyssa und trinkt einen Schluck Cola. „Die machen Party mit den Leuten, solange ihr Auftritt dauert. Aber hinterher packen die ihre Sachen und sind weg.“ Nicht sofort, sagt sie, das nicht, sie nehmen sich schon noch Zeit für die Fans, für Autogramme und Selfies. Nahbarkeit ist schließlich essenziell in der Branche.
Genauso wie Trinken und Feiern, eben dazu sollen viele Party-Hits ja animieren. Die Kunst allerdings besteht darin, die anderen das tun zu lassen, wovon man selber nur singt. „Wer wirklich professionell arbeitet, den siehst du nach seinem Auftritt nicht irgendwo versacken“, sagt Alyssa. Und so macht sie es nun auch. „Zu allen cool sein, nett sein, bei den Fans sein. Aber das war’s.“
Dabeihaben will man Party-Schlager, aber nicht ganz vorn
Nüchtern lassen sich auch Enttäuschungen besser verdauen, von denen sie in all den Jahren schon einige erlebt hat. Die letzte im Fernsehen, als sie bei „Immer wieder sonntags“ antrat und in der fünften Runde ausschied. „Da hatte ich das Gefühl, dass man Party-Schlager zwar dabei haben wollte, weil man auch beim Öffentlich-Rechtlichen weiß, dass viele Leute das mögen – aber eigentlich schon feststand, dass so ein Song nicht gewinnen würde.“ Dass das Publikum bei der Abstimmung eher auf ihrer Seite war als auf der ihres Mitstreiters, der dann ins Final einzog – das ist eine subjektive Empfindung, das lässt sich nicht nachmessen. Aber, ach naja. Alyssa macht diese Handbewegung, die sagt: Komm, hak’s einfach ab.
Einen ihrer schönsten Bühnenmomente erlebte sie im kleinen Fuhrbach: Beim Malle-Festival sang sie zum ersten Mal „Raketenvoll“ – da war der Song offiziell noch gar nicht erschienen, aber die Leute feierten und sangen und wollten Zugaben, als hätten sie nur auf dieses eine Lied gewartet. Ein Moment, der sie bewegte. Mit solcher Begeisterung hatte sie in diesem Augenblick nicht gerechnet. Ihr Staunen hielt noch an, als sie sich hinter der Bühne verschwitzt ein Handtuch schnappte, eine Flasche Wasser, als sie sich umzog und kurz darauf in ihr Auto stieg, um die knapp 100 Kilometer zurück nach Hause zu fahren, selbst als sie längst wieder dort angekommen war, hier in Hildesheim.
Keine Frage: Der Stellenwert des Mallorca-Partysounds steigt. „Das ist keine Nische mehr“, sagt Alyssa, „inzwischen werden gefühlt überall Malle-Festivals organisiert.“ Das Publikum wird breiter, sagt sie, das ist nicht mehr nur eine Generation, nicht nur eine bestimmte Klientel, das sind nicht einfach Arbeitslose, die den ganzen Tag im Unterhemd mit einer Dose Bier verbringen, weil sie ohnehin nichts anderes zu tun haben. Die Leute wollen feiern, das haben die Veranstalter erkannt, und der Erfolg gibt ihnen Recht.
Vielleicht wird der Megapark eines Tages ihr Arbeitsplatz
Auch in Hildesheim ist die Mallorca-Party, die inzwischen jährlich stattfindet, erfahrungsgemäß ausverkauft. Ein Event, das schon weit vor den Festivaltoren beginnt, eigentlich schon beim Publikum zu Hause, wenn es sich stilecht anzieht, wenn viele vorglühen. Draußen vor den Kassen singen sie: „Pyrotechnik ist doch kein Verbrechen, wir lassen Emotionen freien Lauf“ und „Tausche Ring gegen Bier, Slip gegen Wodka, düdüdüdü, auf Malle bin ich Rockstar!“ Man bringt sich in Stimmung mit Ballermann-Hits.
Es sind noch nicht Alyssa Melodys Songs, die sie hier singen. Vielleicht aber wird es bald so sein. Vielleicht wird Mallorca eines Tages ihr zweites Zuhause, der Megapark zu einer Art Arbeitsplatz, das Singen und Tanzen und Entertainen ihr einziger Job. Vielleicht geht Plan A auf. Schon am Samstag wird Alyssa weiter daran arbeiten, dass es so kommt. Dann nimmt sie neue Songs auf, und wenn alles gut läuft, schaffen die es auf viele Bühnen und Festivals. Darauf eine Cola!



