80 Beteiligte

Zum ersten Mal streiken die Schauspieler am Theater in Hildesheim – mit Folgen fürs Programm?

Hildesheim - Das gab es noch nie: Die Gewerkschaften haben Beschäftigte auch am tfn aufgerufen, die Arbeit niederzulegen. 80 Mitglieder sind dem Ruf gefolgt. Welche Auswirkungen für das Publikum möglich sind.

Neben den Ensembles aus Schauspiel, Musical und Oper hat sich auch künstlerisches Personal aus der Requisite, der Vermittlung und dem Chor angeschlossen. Foto: Björn Stöckemann

Hildesheim - „Bühnengeschichte“ haben die Beschäftigten am Theater für Niedersachsen (tfn) an diesem Dienstagmittag geschrieben, verkündet Sonja Isabel Reuter. Die Opernsängerin steht mit einem Megafon vor etwa 80 Kolleginnen und Kollegen vor dem Stadttheater. „Streik“ steht auf Schildern. Zum ersten Mal seit Gründung der GDBA, der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger, hat das künstlerische Personal an den öffentlichen Theatern die Arbeit niedergelegt.

Grund sind die Verhandlungen zwischen GDBA und dem Deutschen Bühnenverein über den sogenannten Normalvertrag Bühne (NV-Bühne). Seit Monaten streiten Arbeitgeber und Arbeitnehmer über dessen Ausgestaltung. Konkret geht es um Ruhezeiten, den Ausgleich von Überstunden und verbindliche Arbeitsverträge. Gerade stocken die Verhandlungen. Die Arbeitnehmer werfen dem Bühnenverein vor, Vereinbarungen auf die lange Bank zu schieben. An 90 Theatern in ganz Deutschland finden deswegen Warnstreiks statt.

Gewerkschaft und Beschäftigte sind „aufgewacht“

Der Protest richte sich also nicht gegen das tfn, betonen die Verantwortlichen. „Im Gegenteil“, betont Jan Kämmerer, seit 25 Jahren in der Gewerkschaft und in Hildesheim als Erzähler im „Leben des Brian“ oder aktuell aus der „Hochzeit in Hollywood“ bekannt. „Ein Tarifvertrag macht es auch Intendanten leichter, gegenüber Geldgebern für mehr Mittel zu argumentieren.“ Es ist sein erster Streik. Die Gewerkschaft sei in den vergangenen Jahren aufgewacht, erklärt er, und die Beschäftigten nehmen die Vorgaben vom bisherigen NV-Bühne nicht mehr hin.

„Wir bekommen die besten Leute irgendwann nicht mehr ans Theater, wenn es nicht möglich ist, seine Kinder in der Spielzeit am Nachmittag mal zu sehen“, meint er. Als Gastdarsteller am tfn haben die Verhandlungen ihm schon einen Etappensieg gebracht. Es gibt jetzt einen Tarifvertrag für Gastengagements. Der NV-Bühne betrifft die sogenannten Solisten. Das sind Schauspieler, Opensänger oder Musicaldarsteller, aber auch Beschäftigte in der Dramaturgie, der Requisite, Regie-Assistenz.

Alles hängt von der nächsten Verhandlungsrunde ab

Was Reuter, Co-Vorsitzende der GDBA in Hildesheim, beim ersten Warnstreik freut: Neben dem Bundesverband Schauspiel (BFFS, eine weitere Gewerkschaft für Solisten) haben auch die Gewerkschaften der Orchester und Chöre (VDO und unisono) ihre Mitglieder zur Beteiligung aufgerufen. Dabei gelten für deren Mitglieder andere Tarifverträge. Auch Ver.di unterstützt die GDBA. „Wir waren noch nie so gut organisiert“, betont Opernsängerin Reuter.

30 Minuten am Mittag sind für den Warnstreik angesetzt. Die Arbeitsniederlegung soll den Proben- und Bürobetrieb lahm legen. Vorstellungen sind nicht betroffen – Reuters Co-Vorsitzender Ole Riebesell spielt zum Beispiel während des Streiks an einer Schule in Goslar. „Es ist ein Konflikt zwischen uns und dem Bühnenverein“, erklärt Reuter. „Der soll nicht das Publikum betreffen.“ In der nächste Phase sei es aber möglich, dass es zu Verzögerungen von Vorstellungen komme, um das Publikum zu informieren. „Das hängt von der nächsten Verhandlungsrunde ab.“

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