Kreis Hildesheim - Zwei absolute Großprojekte im Harz sollen dafür sorgen, dass die Trinkwasserversorgung in weiten Teilen Niedersachsens auch bei zunehmender Trockenheit angesichts des Klimawandels langfristig gewährleistet ist. Zudem sollen die Vorhaben den Hochwasserschutz stärken.
In beiden Fällen sollen auch Stadt und Landkreis Hildesheim deutlich profitieren. Entsprechende Pläne haben die Harzwasserwerke am Montagvormittag offiziell dem niedersächsischen Umweltminister Christian Meyer (Grüne) präsentiert. Noch in diesem Jahr sollen Machbarkeitsstudien starten.
Grane-Talsperre viel höher
Die Grane-Talsperre ist schon jetzt der bei weitem größte Stausee im Westharz und das Rückgrat der Trinkwasserversorgung im südlichen Niedersachsen. Die Harzwasserwerke versorgen die Hälfte ihrer Endkunden von hier aus. Doch das Hildesheimer Unternehmen plant, das Reservoir oberhalb von Langelsheim noch einmal deutlich zu vergrößern: Der Staudamm am Nordrand des Harzes soll je nach Konzept um fünf bis zwölf Meter höher werden.
Das hätte erhebliche Auswirkungen auf die Kapazität des Stausees, der momentan ein Fassungsvermögen von 46,4 Millionen Kubikmetern hat. Würde die Talsperre um fünf Meter erhöht, könnte sie 11,5 Millionen Kubikmeter zusätzlich speichern, bei zehn Metern mehr wären es 25 Millionen Kubikmeter zusätzlich. Bei einer maximal möglichen Erhöhung um zwölf Meter könnten sogar 31 Millionen Kubikmeter Wasser mehr zurückgehalten werden. Zum Vergleich: Die Innerste-Talsperre kann derzeit im Höchstfall insgesamt 19,3 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen.
Zweiter Innerste-Stausee?
Eben wegen dieser geringen Größe ist die Innerste-Talsperre ein Stück weit das Sorgenkind der Harzwasserwerke, wie deren Geschäftsführer Lars Schmidt am Montag beim Ortstermin an der Grane-Talsperre sagte: „Sie ist nicht sehr groß, hat aber ein großes Einzugsgebiet und läuft recht schnell voll.“ Wie zur Zeit. Zu 85 Prozent ist der Stausee inzwischen gefüllt, die Harzwasserwerke lassen deshalb derzeit mehr Wasser ab, als neu hineinfließt: „Wir müssen Kapazität für ein eventuelles Hochwasser frei halten“, erklärte Schmidt.
Trinkwasser hat natürlich die höchste Priorität überhaupt
Die Überlegungen der Harzwasserwerke sehen deshalb weiter vor, eine zweite Innerste-Talsperre ganz neu zu bauen. Diese soll südlich und damit oberhalb des bereits vorhandenen Stausees im Bereich zwischen Wildemann und Lautenthal entstehen. Die Mini-Siedlung Hüttschenthal müsste dafür weichen, die Landesstraße zwischen Wildemann und Lautenthal teilweise verlegt werden.
Stollen zur Grane?
Die zusätzliche Talsperre soll zum einen den Hochwasserschutz entlang der Innerste und damit auch in Stadt und Landkreis Hildesheim verbessern, zumindest so weit Wassermassen durch massive Niederschläge oder die Schneeschmelze im Harz zustande kommen, wie Schmidt erklärte.
Doch das ist nicht der einzige Aspekt. Zugleich würde es dieser neue Stausee den Harzwasserwerken ermöglichen, gespeichertes Wasser in sehr großen Mengen durch einen noch zu bauenden Stollen in Richtung Grane-Talsperre fließen zu lassen, da letztere niedriger liegt. Schon jetzt transportiert das Unternehmen Wasser aus der Innerste- in die Grane-Talsperre. Doch dafür muss das kühle Nass mit großem Aufwand über einen Berg gepumpt werden. „Das kostet uns schon bei normalen Energiepreisen allein an Stromkosten rund eine Million Euro im Jahr“, berichtete Schmidt. Zudem sei die Kapazität der Rohrleitung sehr begrenzt.
Analyse nach Hochwasser 2017
Ziel ist aber, so große Wassermengen von der Innerste in Richtung Grane zu bringen, dass zum einen Hochwasserspitzen abgefangen werden können und dass die Grane-Talsperre zum anderen insgesamt deutlich mehr Wasserzufluss bekommt, um deutlich mehr potenzielles Trinkwasser zu speichern als bislang.
Alles, was wir planen, hängt an der Grane und der Möglichkeit, dorthin Wasser überzuleiten
Die Konzepte sind das Ergebnis gemeinsamer Analysen der Harzwasserwerke mit mehreren Hochschulen und Energieversorgern in Niedersachsen. „Diese Überlegungen haben nach dem Juli-Hochwasser 2017 und dem Trockenjahr 2018 begonnen“, berichtete Dr. Alexander Hutwalker aus der Forschungs- und „ntwicklungs-Abteilung der Harzwasserwerke. Zwischenzeitlich sei sogar eine Erhöhung der Grane-Talsperre um 15 Meter im Gespräch gewesen. Nun seien fünf Meter mehr das Mindeste und ein Plus von zwölf Metern das Maximum. „Das ist ein Verbundsystem, in dem viele Aspekte miteinander zusammenhängen. Was davon realisiert werden kann, bestimmt letztlich auch die Erhöhung der Grane-Talsperre.“
Wasserbedarf steigt
Wobei auch die längst nicht beschlossene Sache ist. Zunächst beginnen in diesem Jahr Machbarkeitsstudien für alle Vorhaben, die bereits im nächsten Jahr abgeschlossen werden sollen, wie Umweltminister Meyer berichtete. Der Grünen-Politiker ließ bereits durchblicken, dass er viel Sympathie für das Vorhaben hat, auch wenn es im Harz auch Auswirkungen auf die Umwelt hat.
Die Grane hat eine große Talsperre und ein kleines Einzugsgebiet. Bei der Innerste ist es umgekehrt. Das müssen wir ein bisschen ausgleichen
„Wir haben insgesamt durch den Klimawandel zunehmend ein Problem mit der Nachfrage nach Wasser und mit dessen Verfügbarkeit“, sagte er. So hätten einzelne Kommunen in jüngerer Vergangenheit schon zum Wassersparen aufrufen müssen. Die Landwirtschaft rechne mit einer Verdreifachung des Wasserbedarfs für die Feldberegnung bis 2030. Ums Grundwasser gibt es schon jetzt zunehmend Ärger.
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Zudem gelte es Wasser auch dafür aufzuspeichern, es im Lauf langer Trockenperioden kontrolliert an die Flüsse abzugeben, damit diese nicht trockenfallen. Insofern könne es auch der Umwelt in Niedersachsen in erheblichem Maße helfen, wenn im Harz mehr Wasser als bislang aufgestaut werde.
Auch Stromspeicher als Ziel
Die Fähigkeit, mehr Wasser sozusagen aufzubewahren, halten die Harzwasserwerke für elementar wichtig. „Wir erwarten zunehmend Trockenperioden von März bis Dezember und dann sehr nasse Monate Januar und Februar“, blickte Dr. Andreas Lange, Bereichsleiter für Wasserwirtschaft und Talsperrenbetrieb bei den Harzwasserwerken, voraus. Mehr Wasser speichern zu können, sei deshalb sowohl für die Trinkwasserversorgung als auch für den Hochwasserschutz wichtig.
Wir erwarten lange Trockenperioden, möglicherweise von März bis Dezember
Und für einen weiteren Zweck – als großen Stromspeicher. Die Harzwasserwerke streben die Integration eines Pumpspeicher-Kraftwerks an, wenn die zweite Innerste-Talsperre wirklich kommen sollte. In solchen Anlagen kann Strom erzeugt werden, in dem Wasser nach unten fließt – steht wieder viel Strom im Netz bereit, wird es wieder hochgepumpt.
Ausbau im Vollbetrieb
Wie lange es bis zu einer tatsächlichen Erweiterung der Grane-Talsperre und zum Bau einer zweiten Innerste-Talsperre dauern könnte? Da wollte sich Harzwasserwerke-Chef Schmidt nicht festlegen: „In diesem Bereich ist ein Jahrzehnt nicht lang.“ Auch zu den möglichen Kosten wollte er sich nicht äußern. Dass es um dreistellige Millionenbeträge geht, steht allerdings außer Frage. Sicher sei aber, dass der Ausbau der Grane-Talsperre im Vollbetrieb geschehen müsse: „Wir können diesen Stausee nicht ablassen.“


