Sarstedt - Ein Comic-Männchen beugt sich konzentriert über eine Glaskugel mit einem Dollar-Zeichen. Wer mit hineinschaut, so das Versprechen, lernt etwas über Aktien, Investment und die Finanzmärkte. Einer, der regelmäßig mit in die Kugel des Instagram-Kanals aktien4future blickt, ist der 20-jährige Sarstedter Hannes Gericke. Der Student der Wirtschaftsinformatik ist selber Aktionär, „das ist langfristig eine gute Altersvorsorge“, sagt er. Viel Wert legt Gericke auf Recherche, bevor er investiert. Vom Image des Jungaktionärs als Sportwagenfahrer mit fetter Uhr, das es ebenfalls viel auf Instagram zu sehen gibt, distanziert er sich: „Das finde ich eher peinlich.“
„Die Nachfrage der Jugendlichen und jungen Erwachsenen an Beratung und Eröffnungen von Depots steigt“, sagt Angelika Babinski, Sprecherin der Volksbank Hildesheim-Lehrte-Pattensen. Dort wird außerdem gerade ein Produkt geplant, dass es bei der Hannoverschen Volksbank (zu der auch die Niederlassung Hildesheimer Börde gehört) schon gibt: Ein „Junges Depot“ für Anleger und Anlegerinnen bis 30 Jahren, bei dem zum Beispiel keine Gebühren für Transaktionen erhoben werden.
Mehr als 2 Millionen junge Aktionäre
Auch bei der Sparkasse Hildesheim-Goslar-Peine interessieren sich mehr junge Kundinnen und Kunden für Aktien. Für diejenigen, die erst einmal die Grundprinzipien verstehen wollen, ohne Geld einzusetzen, bietet die Sparkasse ein „Planspiel Börse“ an. Aber die Lust der jungen Menschen auf den Kapitalmarkt ist kein rein Hildesheimer Phänomen. Ende letzten Jahres meldete das Deutsche Aktieninstitut, dass mehr als 2 Millionen Deutsche zwischen 14 und 29 Jahren mittlerweile Aktionäre und Aktionärinnen sind. Die Zahl hat sich in den letzten drei Jahren mehr als verdoppelt.
Mehr als 100 Prozent Wachstum? Das ist ein Wert, der Gericke aufhorchen lassen würde. Er investiert viel Freizeit, um in der Aktienlandschaft auf dem Laufenden zu bleiben. „Ich kaufe nichts, was ich nicht verstehe“, sagt er.
Startgeld von den Großeltern
Als er beispielsweise über mehrere Erwähnungen der US-amerikanischen Solarfirma First Solar stolperte, begann Gericke eine typische Recherche: Wie geht es der Erneuerbaren-Energie-Branche insgesamt? Wie funktioniert das Geschäftsmodell von First Solar? Ist der Gründer noch an Bord und glaubt weiterhin ans Produkt? Gericke sucht sich verschiedene Quellen – von Wikipedia bis zu Aktien-Analyse-Websites, für die er rund 30 Euro im Monat zahlt. Am Ende überzeugte First Solar Gericke – und er machte mit seinem Investment Profit.
Aber woher hat der 20-Jährige die Mittel zum Investieren? Zu seiner Geburt legten Gerickes Großeltern Geld für ihn an, das er mittlerweile selbst verwaltet. Er kümmert sich um sein Depot mit einem Portfolio verschiedener Aktien, das er mit jeden Monat ein bisschen ausbaut. Es ist kein riesiger Reichtum, aber eine ordentliche Summe, deren Höhe der Sarstedter lieber nicht öffentlich machen möchte.
Rendite im Vergleich
Aber warum Aktien? Viele Leute kümmern sich schließlich in seinem Alter kaum um Altersvorsorge – und wenn doch, greifen viele auf Sparpläne der Banken zurück. „Statistisch gibt es bei Aktien die höchste Rendite“, erklärt er. „Höher zum Beispiel als Gold oder Immobilien, die ich mir ja auch gar nicht leisten könnte.“ Er ist skeptisch gegenüber sogenannter privater Altersvorsorge: „Die Anbieter wollen dir ja vor allem ihr Produkt verkaufen.“
Er schätzt Finanzjournalismus und -influencer mit einem Fokus auf Transparenz. „Wenn jemand auch über Fehleinschätzungen oder Verluste schreibt, finde ich das seriös.“ Gerade Leute in seinem Alter werden aber immer wieder Opfer unseriöser Gestalten in der Finanz-Szene.
Betrüger und Schneeballsysteme
Das Jugendamt des Landkreises Hildesheim berichtet zum Beispiel von einer jungen Frau, die Geld für Kurse ausgibt, in denen sie angeblich zur Traderin ausgebildet wird. Tatsächlich scheint es aber vor allem darum zu gehen, viele weitere zahlende Kursteilnehmer anzuwerben. „Dies hört sich nach dem bekannten ‚Schneeballsystem‘ an“, sagt Landkreis-Sprecherin Birgit Wilken.
Im Internet wimmelt es von Werbung, die Leuten mit der richtigen „Gewinner-Einstellung“ den großen Erfolg, den Sportwagen und die Luxusuhr verspricht.
Einmal verzockt
Gericke dagegen hält wenig vom schnellen Geld – er setzt auf Langfristigkeit. „Die Produkte, mit denen echte Trader handeln, muss man beherrschen, sonst verliert man sein Geld“, sagt er – und spricht aus Erfahrung. Unter Trading versteht man meist Wetten – im Gegensatz zum Aktienkauf. Als Gericke zum Beispiel auf den steigenden Kurs des Chipherstellers Nvidia wettete, verlor er einen dreistelligen Betrag. „Ich muss zugeben, das war Zocken.“
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Aber nicht alle sind beim Handeln so vorsichtig wie Gericke und wagen sich nur mit Probe-Investitionen an riskante Geschäfte. Im Jugendamt des Landkreises sind zwei Fälle bekannt, in denen sich Minderjährige über einen Online-Aktienhandel verschuldet haben. „Letztendlich haben die Eltern alles geklärt“, erzählt Wilkens, „der Schaden belief sich für die Familien auf bis zu 6000 Euro.“
Für mehr Finanzbildung
In gewisser Weise sind diese abschreckenden Geschichten Wasser auf Gerickes Mühlen. „Finanzbildung gehört in die Schulen“, sagt er. Und zwar nicht nur wegen junger Menschen: „Auch Altersarmut ist in Deutschland ein großes Problem.“ Er findet es unfair, dass Menschen nach jahrzehntelanger Arbeit am Ende kaum über die Runden kommen. Gericke, der sich auch bei der Jugendorganisation der FDP engagiert, ist Verfechter der Aktienrente und wirbt wo er kann für Teilnahme am Kapitalmarkt. „Depots sind mittlerweile für alle einfach zu eröffnen, jeder hat Zugang.“ Es sei schade, dass Aktien – in seinen Augen stabile, langfristige Anlagen – in Deutschland noch oft als Spielzeug für Reiche oder Glücksspiel abgetan werden.
Gerickes eigenes Ziel in Sachen Geld nennt er „finanzielle Freiheit“. „Wenn die Familiengründung ansteht, will ich nicht mehr übers Geld nachdenken müssen.“ Am liebsten hätte er dann ein Depot im Wert von einer Million Euro. Er lacht: „Aber wie ich das anstelle, weiß ich noch nicht.“

