Ewige Baustelle

Anwohner und Stadt hilflos: Die schier unendliche Geschichte einer der größten Huckelpisten Hildesheims

Hildesheim - Schlaglöcher, Brachen, Bauschutt: In einem Hildesheimer Neubaugebiet wird die Straße nicht fertig. Gleich für mehrere Beteiligte ist die aktuelle Situation ein Dilemma – und einige trauen sich deshalb gar nicht mehr vor die Tür. (Mit Video)

In der Hildesheimer Straße Galgenbergsfeld warten die Anwohnerinnen und Anwohner seit Jahren darauf, dass ihre Straße fertig gebaut wird. Foto: Julia Moras

Hildesheim - In den Augen von Frederik Bilitewski haben die Verantwortlichen seinen alten Škoda Fabia auf dem Gewissen. Seit mehr als vier Jahren wohnt er schon in seinem Reihenhaus in der Straße Galgenbergsfeld zwischen B 6 und dem Ameos Klinikum. Das Problem: Die Straße zu seinem Grundstück ist weitestgehend unfertig. Tiefe Schlaglöcher säumen große Teile des unbefestigten Weges. Wie tief? Tief genug, dass Bilitewski darin den Grund sieht, dass der Škoda wegen Schäden an Achse und Stoßdämpfern nicht mehr durch den TÜV kam. „Mit meinem neuen Auto schleiche ich jetzt über die Straße“, erzählt er.

Aber wer ist für die Huckelpiste im Neubaugebiet verantwortlich? Und warum leben die Menschen hier seit mehreren Jahren mit Schlaglöchern vor der Tür, zu denen einige Baubrachen und Bauschutt kommen? Der sogenannte Erschließungsträger ist die Firma Castell aus Münster. Sie hat für das Neubaugebiet, das offiziell den Namen Rosenhang I trägt, einen Vertrag mit der Stadt Hildesheim geschlossen. Darin ist zum Beispiel geregelt, dass Castell die Grundstücke vermarktet und die Straße samt Beleuchtung fertig stellt. Am Ende – so der Plan – wird die fertige Straße abgenommen und geht in Eigentum der Stadt über.

Warum nicht gebaut wird

Aber regelt der Vertrag zwischen Castell und der Stadt auch, bis wann die Straße fertig sein soll? „Städtebauliche Verträge sind grundsätzlich nicht-öffentlich“, teilt Stadtsprecher Helge Miethe mit. „Zu Vertragsdetails kann ich Ihnen keine Auskünfte geben.“ Auch ob der Firma offiziell Aufschub gewährt wurde oder unter Umständen schon Vertragsstrafen wegen der langen Wartezeit fällig wurden, sind keine öffentlichen Informationen. Nur so viel sagt Miethe: „Wir würden uns auch wünschen, dass die Erschließung schneller und besser voranschreitet.“

Aber was ist denn das Problem? Warum baut Castell nicht einfach die Straße und schließt das Projekt ab? „Wir verstehen das Bedürfnis der Anwohner nach einer Fertigstellung und sind dabei, eine Lösung für eine zeitnahe Fertigstellung zu finden“, sagt Norbert Girndt von Castell. Dem stünden allerdings zwei Dinge entgegen. Zum einen – man merkt es an den Brachen, die Bilitewski auf dem Weg nach Hause sieht – sind noch nicht alle Grundstücke des Rosenhangs I verkauft. Es handele sich um Wohnungsbaugrundstücke für Einfamilien- und Mehrfamilienhäuser. „Interessenten gibt es zur Zeit nicht“, sagt Girndt, vorherzusagen, wann sich das ändert, sei mit Blick auf die Marktlage auch nicht möglich. Die Straße fertigzustellen, nur damit Baufahrzeuge sie später, wenn auf den letzten Grundstücken endlich gebaut wird, wieder beschädigen, sei nicht sinnvoll.

Kein Ende in Sicht

Der zweite Grund laut Girndt: Es gebe „durch die extrem lange Schlechtwetterperiode“ große Verzögerungen beim Straßenbau. Heißt: Selbst wenn man die Straße schon bauen wollte, stünde das Wetter im Weg. Es gebe nämlich auch Vorschriften, bei welchen Temperaturen gebaut werden dürfe. Die Firma hätte also nichts davon, zuvorkommend zu bauen, nur damit die Stadt die Straße am Ende wegen nicht eingehaltener Regeln nicht abnimmt. Weil Castell weder das Wetter noch die Marktlage unter Kontrolle hat, wagt Girndt auch keine Prognose dazu, wann die Straße fertig sein wird.

Und es ist auch nicht so, dass in den letzten Jahren gar nichts passiert wäre. Eine knappe Hälfte der Strecke ist mittlerweile befestigt. Und auch eine Straßenlaterne – die Beleuchtung ist ebenfalls Teil der Endherstellung der Straße – brennt schon. Und die Straßenschäden? „Die vorhandenen Schlaglöcher haben wir bereits mehrfach ausbessern lassen“, sagt Girndt.

Auch Seniorenresidenz betroffen

Trotzdem ist der aktuelle Zustand des nicht befestigten Teils der Straße schlecht. So schlecht sogar, dass es die Mobilität vieler Anwohner einschränkt. Seit Juli 2023 betreibt die Firma Orpea im Neubaugebiet nämlich die Seniorenresidenz Medicare Hildesheim. Für die 25 Bewohnerinnen und Bewohner sind die Schlaglöcher ein echtes Problem. „Viele trauen sich aktuell nicht alleine vors Haus, obwohl sie dazu noch in der Lage wären, da die Angst vor Stürzen zu groß ist“, sagt Orpea-Sprecherin Christina Bay. Auch sei die Straße derzeit nicht gut für Rettungswagen-Einsätze geeignet – die in so einer Einrichtung immer wieder vorkommen. „Uns wurde im Sommer 2022 zugesichert, dass die Straße bis zum Winter 2022 fertiggestellt wird“, sagt Bay.

Derart feste Zusicherungen haben Bilitewski und seine Nachbarn ihrer Erzählung nach nicht bekommen. Castell habe ihnen nie einen verbindlichen Termin genannt. „Wir nennen uns hier schon die Verlassenen“, scherzt Bilitewski. „Hätten wir das vorher gewusst, wären wir hier nicht hingezogen“, ergänzt Anwohner Malte Rademacher. Die beiden Nachbarn unterhalten sich kurz, wer schon wegen der Straße weggezogen sei, wer es plane und schütteln gemeinsam die Köpfe. „Normal ist das nicht“, sagt Rademacher, den vor allem ärgert, dass die Baustelle scheinbar eingefroren ist. Die Steine für den Straßenbelag und einige Baumaschinen stehen seit Monaten, seit Jahren herum. So lange schon, dass die Paletten, auf denen zentnerweise Material lagert, langsam schon morsch werden.

„Eigeninteresse des Investors“

Aber die Straße gehört Castell. Es liegt in der Hand der Firma, wann sie baut und wann nicht. Stadt und Anwohnern sind laut Verwaltung die Hände gebunden. Auch dem Rathaus liegt laut Miethe kein belastbares Fertigstellungsdatum vor. Aber: „Da die Baupreise tendenziell steigen, ist es im Eigeninteresse des Investors, zügig fertig zu werden.“


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