Hildesheim - Hildesheim schrumpft – zumindest auf den ersten Blick. „In der Stadt haben wir mehr Todesfälle als Geburten“, sagt Ulf Behnel, Hildesheims Kämmerer – also der Finanz-Chef der Stadtverwaltung. Vergangenes Jahr gab es in der Stadt rund 500 Sterbefälle mehr als Geburten, die höchste jemals erfasste Differenz. Dass Behnel als Mann fürs Geld einen Blick auf die Einwohnerzahlen hat, ist kein Zufall. Weniger Menschen heißt nämlich zumeist auch: weniger Geld in der Stadtkasse.
Aber Hildesheim schrumpft nur auf den ersten Blick, denn Zuzügler gleichen die vielen Todesfälle aus – zumindest in manchen Jahren. Insbesondere erwerbstätige Zuzügler sind für Behnel interessant, denn ein Teil ihrer Einkommenssteuer landet in der Kommune ihres Wohnsitzes. Im vergangenen Jahr waren das in Hildesheim immerhin 53 Millionen Euro, ungefähr so viel wie die Gewerbesteuer. Einkommenssteuerzahler in die Stadt zu holen ist Behnel so wichtig, dass er das Thema in seiner Antrittsrede als Kämmerer vor dem Stadtrat vergangenes Jahr besonders betonte.
Die Verwaltung wünscht sich deshalb, dass Hildesheim ein attraktiver Wohnort – gerade für Berufstätige – wird und damit wächst. Aber wie könnte man Hildesheim so attraktiv für Berufstätige machen, dass es sie anzieht und hält? Das hat die HAZ Ines Lüder, Professorin für Städtebau, Regionales Bauen und Entwerfen an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Hildesheim gefragt.
I) Lebendige Innenstadt
Das Problem ist, dass Wohnraum in der Innenstadt oft nicht genutzt wird
Städte wie Hildesheim werden laut Lüder vor allem durch lebendige Innenstädte attraktiv. Und wichtig für solche Zentren sei, dass genug Menschen unterwegs sind, um sie zu beleben. Der einfachste Weg, die Straßen rund ums Rathaus mit Menschen zu füllen wäre es, wenn viele Menschen zentrumsnah wohnten. Bewohnerinnen und Bewohner der Innenstadt würden auch das dortige Gewerbe stärken, was wiederum die allgemeine Attraktivität steigern würde. „Aber das Problem ist, dass Wohnraum in der Innenstadt oft nicht genutzt wird“, sagt Lüder. „Wenn ein Eigentürmer im Erdgeschoss schon einen zahlungskräftigen Gewerbemieter hat, lohnt es sich oft nicht, die Wohnungen darüber zu renovieren und an den Markt zu bringen.“ Lüder schlägt vor, den Leerstand für Menschen zu öffnen, die in Hildesheim auf Wohnungssuche sind.
Tatsächlich stehen in der Stadt laut aktuellen Schätzungen rund 1200 Wohnungen leer – viele davon auch in der Innenstadt. Sandra Brouër, verantwortlich für Hildesheims Stadtplanung, stimmt Lüders Problembeschreibung zu, allerdings habe die Verwaltung nur beschränkten Handlungsspielraum. „Gegen den Willen der Eigentümer können wir wenig machen“, sagt sie. Stadtrat und Rathaus arbeiten aber aktuell an mehreren Lösungen für die leeren Wohnungen. Vergangenen November wurde im Rat zum Beispiel ein Programm beschlossen, das Eigentümer mit Zuschüssen dazu bringen soll, leeren Wohnraum zu vermieten.
Außerdem hat der Rat die Verwaltung beauftragt, eine sogenannte Zweckentfremdungssatzung zu entwickeln. Damit könnte die Stadt Vermieter unter bestimmten Umständen zwingen, leerstehende Wohnungen zu vermieten. Ob das tatsächlich umgesetzt wird, ist allerdings noch nicht sicher. Zuvor muss die Verwaltung noch einiges prüfen, etwa „inwieweit der Wohnraummangel nicht mit anderen zumutbaren Mitteln in angemessener Zeit behoben werden kann“, wie Stadtsprecher Helge Miethe erklärt.
Zuletzt hat die Stadt nach längerer Suche einem Leerstandsmanager gefunden, der sich hauptamtlich um Lösungen für leere Immobilien kümmern soll. Die Stelle ist ab dem 1. Oktober besetzt. Die Aufgabe der Person wird es unter anderem sein, im Blick zu haben, wie sich der Leerstand in der Stadt entwickelt. Auch das Programm, mit dem durch Zuschüsse Eigentümer leeren Wohnraum vermieten sollen, soll Fahrt aufnehmen, sobald die Stelle besetzt ist.
II) Zersiedelung bekämpfen
Man sollte erst die Chancen nutzen, im Sinne der Innenentwicklung zu verdichten
Das Gegenteil der belebten Innenstadt ist laut Lüder das Neubaugebiet. „Oberste Prämisse in der Stadtentwicklung ist die Innenentwicklung. Es gilt, alle Möglichkeiten diesbezüglich auszuschöpfen, bevor wertvolle landwirtschaftliche Flächen versiegelt werden“, sagt sie und denkt auch an die Pläne der Stadt, auf dem Wasserkamp ein neues Quartier zu bauen. „Man sollte erst die Chancen nutzen, im Sinne der Innenentwicklung zu verdichten – das steht auch so im Baugesetzbuch.“
Die Familien finden ihre Häuser oder ihr Bauland – und wir können entscheiden, ob sie das hier oder in den umliegenden Kommunen finden
Mit Blick auf den Wasserkamp lehnt Behnel es ab, von Zersiedelung oder Neubaugebieten fernab vom Schuss zu sprechen. „Man ist doch in höchstens 15 Minuten mit dem Rad in der Stadt – das ist nicht zentrumsfern.“ Brouër und Behnel haben auch Zahlen zur Bevölkerungsbewegung, die den Plan der Verwaltung am Wasserkamp unterstützen. „Wir sehen, dass in Hildesheim in den letzten Jahren viele Arbeitsplätze entstanden sind“, sagt Brouër. „Aber gleichzeitig ziehen gerade Familien aus Hildesheim ins Umland.“ Das Neubaugebiet auf dem Wasserkamp ziele nicht zuletzt darauf ab, diesen Familien, die sich ein Haus wünschen, ein Angebot in Hildesheim zu machen. „Denn die finden ihre Häuser oder ihr Bauland – und wir können entscheiden, ob sie das hier oder in den umliegenden Kommunen finden“, sagt Behnel.
III) Aufenthaltsqualität
Die Innenhöfe sind meist total versiegelt
Bei einer attraktiven Stadt geht es nicht nur darum, die Menschen nach Hildesheim zu holen, sondern auch, sie in der Stadt zu halten. Auch hier spielt laut Lüder die Attraktivität – vor allem die Aufenthaltsqualität im Zentrum – eine wichtige Rolle. „Der Grünraum in Hildesheim hat ein Riesenpotenzial“, sagt Lüder. Sie schlägt vor, auch in der Innenstadt mehr auf Grün zu setzen. „Gerade die Innenhöfe sind meist total versiegelt“, sagt sie. Mehr Pflanzen in den Höfen würden die Stadt zwar optisch für Passantinnen und Passanten nicht groß verändern, aber das Mikroklima verbessern. Pflanzen im öffentlichen Raum hingegen würden zusätzlich das Wohlfühlgefühl steigern.
Die Höfe in der Innenstadt befinden sich leider alle im Einzelbesitz
„Die Höfe in der Innenstadt befinden sich leider alle im Einzelbesitz“, sagt Brouër. Da habe die Verwaltung keinen Zugriff. Zwar gebe es ein Förderprogramm zur Hofentsiegelung, das habe aber bisher niemand in Anspruch genommen. Bei dem Programm werden – in sogenannten Städtebaufördergebieten – zum Beispiel die Begrünung von Stellplätzen oder öffentlich wirksame Klimaanpassungen gefördert.
Aber wenn es um die Aufenthaltsqualität im Zentrum geht, sind Brouër und Behnel optimistisch für die Zukunft. Rund anderthalb Millionen Euro hat die Stadt im Rahmen des bundesweiten Förderprogramms „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ erhalten. Mit dem Geld will die Verwaltung die Themen Quartiersentwicklung, Mobilität und Wohnen in der Innenstadt angehen. Das Rathaus plant, zu diesem Förderprogramm im Oktober einen aktuellen Zwischenstand mitzuteilen.
Außerdem baut die Stadt – im wahrsten Sinne des Wortes – auch auf Quartierszentren jenseits der Innenstadt. Zum Beispiel wird in Drispenstedt bis 2026 die Ladenzeile in der Ehrlicherstraße erneuert.
IV) Der Immobilienmarkt
Um städtebauliche Ideen umzusetzen, ist man oft auf die Zusammenarbeit mit privaten Immobilien- und Grundstücksbesitzern angewiesen, deren oberstes Ziel – wie Lüder betont – nicht immer eine gemeinwohlorientierte Nutzung ist. Um aber eine Nutzung im Sinne der kommunalen Stadtplanung zu garantieren, könnte die Stadt auch selber darauf setzen, Grundstücke zu kaufen. Es gebe auch Kommunen, die beim Kauf auf ein kommunales Vorkaufsrecht bauen – und sich damit Grundstücke sichern, bevor sie in den freien Verkauf gehen.
Das wäre völlig offen, wie das rechtlich umzusetzen ist
So ein System ist im Hildesheimer Rathaus nicht im Gespräch. „Das wäre völlig offen, wie das rechtlich umzusetzen ist“, sagt Brouër. Behnel ergänzt: „Außerdem ist unklar, wo die Mittel dafür herkommen sollen.“ Selbst wenn ein Vorkaufsrecht eine Stadt durch mehr Kontrolle bei der Stadtplanung attraktiver werden würde, sei das eine zu kostspielige Angelegenheit.
Ob zu den Themen Innenstadt oder Neubaugebiet, Aufenthaltsqualität oder Begrünung – „Ich würde mir eine noch stärkere Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltung und Hochschule wünschen“, sagt Lüder. Wenn die Hochschule und Studierende an Ideen oder Visionen für die Stadt mitarbeiten, kann das nicht nur zum Erfolg für die Stadt werden. Lüder glaubt außerdem, „dass sich Studierende durch eine stärkere Beteiligung mehr mit der Stadt verbunden fühlen. Wir wollen ja alle, dass Studierende in Hildesheim wohnen und wohnen bleiben“.
