Hildesheim - Dass die 120 Jahre alte Blutbuche auf der Wiese gegenüber dem Hindenburgplatz den Bauplänen von Hanseatic und AWO zum Opfer fällt, ist für die Ratsfraktionen von SPD und Grünen noch keineswegs beschlossene Sache. Das haben deren Vorsitzende Stephan Lenz und Ulrich Räbiger am Montag gegenüber der HAZ betont. Die Umweltbewegung Extinction Rebellion hatte am Sonnabend zu einer Kundgebung für den Erhalt des Baumes aufgerufen, etwa 60 Menschen nahmen daran teil.
Lenz und Räbiger erinnerten am Montag an eine der Bedingungen, an die der Rat den Verkauf des Grundstücks geknüpft hat. Danach soll die Verwaltung klären, ob sich der Baum auf eine andere Fläche umsetzen lasse und was das kosten würde; der Ausschuss für Stadtentwicklung (Steba) soll dann entscheiden, ob das für Hanseatic wirtschaftlich zumutbar ist. So weit sei man aber noch nicht, betonte SPD-Chef Lenz. „Wir werden uns das im September im Ausschuss genau ansehen und dann entscheiden“, sagte Grünen-Vorsitzender Räbiger.
Hanseatic: Um die Buche herumzubauen – das ginge nicht
Hanseatic und AWO planen auf dem Grundstück einen Wohnkomplex mit sozialem Zentrum. Um das Projekt verwirklichen zu können, müssen nach Darstellung ihres Architekten Matthias Jung etwa zehn Bäume weichen – darunter die Buche. Um den Baum herum zu bauen, sei nicht möglich, beteuerte Hanseatic-Geschäftsführer Thomas Malezki am Montag der HAZ: „Das ergibt städtebaulich keinen Sinn.“
Um die Buche dennoch zu retten, hatte der Rat den Umpflanzungs-Vorbehalt in den Verkaufsbeschluss aufgenommen: Ein Fachmann solle die Möglichkeiten dafür prüfen, verlangen die Politiker. Nach Angaben von Hanseatic-Geschäftsführer Malezki liegen zwar erste Ergebnisse vor; die endgültige Version des Gutachtens stehe aber noch aus. Allerdings stimmen die bisherigen Erkenntnisse die Stadtverwaltung nicht gerade optimistisch: So hatte Planungsamtschefin Sandra Brouër jüngst im Stadtentwicklungsausschuss erklärt, es sei aus biologischen Gründen „nahezu aussichtslos“, den Baum zu verpflanzen – womit sie unfreiwillig den Anstoß für die Kundgebung zum Erhalt der Buche am Samstag lieferte. Deren Veranstalter hatten die Teilnehmer am Samstag aufgefordert, Brouër Fotos von sich und der Buche zu schicken.
Tatsächlich gingen bei der Planungsamtschefin rund ein Dutzend entsprechender E-Mails ein – „alle in einem freundlichen Ton“, berichtete Brouër der HAZ. Sie werde den Verfassern auch antworten. Allerdings entscheide nicht die Verwaltung, sondern die Politik darüber, was mit der Buche passiere. Darauf legen auch Lenz und Räbiger Wert. Doch welcher Betrag wäre aus ihrer Sicht der Firma Hanseatic „wirtschaftlich zumutbar“, um den Baum zu verpflanzen? Dazu wollen sich die Politiker erst äußern, wenn im Ausschuss die Zahlen auf dem Tisch liegen. „Ich möchte das Angebot sehen“, betonte Räbiger.
Schmerzgrenze für Hanseatic? Dazu schweigt die Firma – noch
Auch Hanseatic-Geschäftsführer Malezki will vor weiteren Bewertungen erst das endgültige Gutachten abwarten – und lehnte es daher auch gegenüber der HAZ ab, eine finanzielle Schmerzgrenze zu nennen. Ein Punkt liegt Grünen-Chef Räbiger besonders am Herzen: Führe am Ende kein Weg daran vorbei, die Buche zu fällen, müsse es laut Ratsbeschluss einen besonderen Ausgleich geben. So solle die Stadt ermitteln lassen, welche Menge Kohlendioxid der Baum bindet. Als Kompensation müsse Hanseatic exakt so viele neue Bäume pflanzen, wie nötig seien, um den Verlust zu kompensieren. „Das gab es in Hildesheim noch nie“, erklärt der Grünen-Politiker. Der kündigt an, auch noch einmal das Gespräch mit dem Immobilienunternehmen zu suchen.
Extinction Rebellion begründet den Protest gegen das Fällen auch damit, dass dieses dem Wunsch vieler Bürger nach mehr Grünflächen in der Innenstadt widerspricht, der kürzlich bei einer Umfrage zum Ausdruck gekommen ist.
