Hildesheim - Es war das erste Mal, dass auf Initiative der Stadt Hildesheim Anlieger der Bernwardstraße und des Bahnhofsplatzes an einem Tisch zusammenkamen, um darüber zu sprechen, welche Möglichkeiten und welche Probleme sie für ihr Quartal sehen. Im Intercity-Hotel trafen sie sich, wie Eckhard Homeister, städtischer Wirtschaftsförderer, sagt: „Insgesamt waren wir mit 23 Leuten dort, darunter viele Geschäftsinhaber, Apotheker, Ärzte.“ Das Ergebnis: Erstens beklagen die Anlieger ein massives Müllproblem und zweitens fehlende Sicherheit.
Die Stadt hat nun mit einer ersten Maßnahme reagiert und setzt verstärkt Reinigungspersonal ein: „Da fahren am Morgen jeweils zwei Reinigungsfahrzeuge lang, um 5 Uhr ist die Bernwardstraße richtig sauber“, sagt Homeister – doch zu den üblichen Öffnungszeiten der Geschäfte sehe das schon wieder ganz anders aus. „Was am morgendlichen Durchgangsverkehr liegt“, sagt Homeister, „hier kommen einfach sehr, sehr viele Menschen entlang. Deshalb geht nun auch nochmal mittags jemand durch die Straße und über den Bahnhofsplatz, um Müll einzusammeln.“
Am Bahnhof kommen naturgemäß viele Menschen zusammen
Die vielen Menschen sind auch der Ansatzpunkt der Polizei, wenn es um das Thema Sicherheit geht. Denn zu der Frage, ob hier wirklich mehr Straftaten begangen werden oder ob es sich eher um ein Bauchgefühl der Anlieger handelt, sagt Polizeisprecher Jan Makowski: „In Bereichen, an denen viele Menschen zusammenkommen, kommt es erfahrungsgemäß häufiger zu verschiedensten Anlässen, die die Polizei auf den Plan rufen, als an Plätzen, die weniger belebt sind.“
Konkret: In den Jahren 2020 und 2021 verzeichnete die Polizei am Bahnhofsplatz Straftaten im mittleren dreistelligen Bereich, wie Makowski sagt. Zum überwiegenden Teil habe es sich um Delikte wie etwa Ladendiebstähle, sogenannte Beförderungserschleichungen, sprich Schwarzfahrer ohne Fahrschein, oder Beleidigungen gehandelt. Schwere Delikte, wie etwa Raub, hätten sich dagegen „in Grenzen gehalten“.
Weniger Straftaten insgesamt, aber mehr gegen Geflüchtete
Insgesamt wurden im vergangenen Jahr im Kreis Hildesheim so wenig Straftaten verübt wie noch nie seit Einführung der Statistik im Jahr 1990. Von 14891 registrierten Straftaten wurden beinahe zwei Drittel aufgeklärt. Ausgewertet für ganz Niedersachsen, ergeben sie Fallzahlen dennoch zwei Tendenzen: Im Bereich Cyberkriminalität wurden mehr Straftaten verübt, und auch die Taten gegen Geflüchtete nahmen zu. Wie aus Angaben des niedersächsischen Innenministeriums hervorgeht, stieg die Fallzahl von politisch motivierter Kriminalität gegen Asylbewerber von 98 Taten im Jahr 2020 auf 168 Taten im Jahr 2021 an.
Man wird die Bernwardstraße als Teil der Fußgängerzone nie mit dem südlichen Teil, also der Almsstraße, vergleichen können
Eine Tendenz, die sich in Hildesheim vor allem rund um den Bahnhof niederschlagen dürfte. Hier bewegen sich, auch aufgrund vieler anliegender Geschäfte von Inhabern mit Migrationshintergrund – Dönerläden, Barber-Shops, Kioske oder Gemüsestände – viele Menschen aus anderen Kulturen. Worin Homeister aber auch eine Chance für das Quartier sieht: „Man wird die Bernwardstraße als Teil der Fußgängerzone nie mit dem südlichen Teil, also der Almsstraße, vergleichen können. Hier wird es immer anders aussehen als dort. Aber das kann ja auch ruhig so sein, warum denn nicht.“
Das Ziel: Die Bernwardstraße als Platz zum Verweilen
Wichtig sei, dass man das Potenzial des Viertels erkenne und nutze, „Zum Beispiel brauchen wir uns nicht zu bemühen, Leute in das Viertel zu holen, Die sind alle schon da, die kommen von selbst.“ Nun müsse man sie nur noch dazu bewegen, die Bernwardstraße nicht bloß als Durchgangsort zu betrachten, sondern als einen Platz zum Verweilen. Hier setzt Homeister vor allem auf die Wirkung des Puls als neuem Kulturzentrum am Angoulêmeplatz. „Wenn wir hier eine Kreativität konzentrieren können, die auch auf das Viertel einwirkt, dann wäre das super.“
Wir zeigen eine starke Präsenz im Stadtgebiet und ganz speziell am Bahnhofsplatz
Das nächste Quartierstreffen soll es noch im April geben. Dann werde die Sicherheitsfrage in Absprache mit der Polizei erneut auf den Tisch kommen, kündigt Homeister an. Seitens der Polizei heißt es bereits jetzt, sie zeige „eine starke Präsenz im Stadtgebiet und ganz speziell am Bahnhofsplatz“. Auch führten Beamte „in diesem Bereich im Rahmen der Alltagsorganisation Kontrollen und Überprüfungen durch. Wir sind rund um die Uhr erreichbar und gehen Hinweisen umgehend nach“. Darüber hinaus bestehe eine enge Kooperation mit Netzwerkpartnern, wie etwa dem Stadtordnungsdienst. „Polizei, Bundespolizei und die Stadt Hildesheim sind zur Sicherheitslage in der Stadt Hildesheim und speziell rund um den Bahnhof dauerhaft in einem engen Austausch.“
Wenn alle zur Kontrolle beitragen, läuft’s
Vor Hildesheim haben bereits zahlreiche andere Städte die Bereiche um ihre Bahnhöfe als Schwerpunkte von Kriminalität untersucht und identifiziert. So beauftragte Ludwigsburg etwa Wissenschaftler der Uni Tübingen mit einer Studie, um die Kriminalitätssituation und die Bevölkerungsstruktur im Bahnhofsumfeld zu ermitteln.
Auch die unterschiedlichen Funktionen dieses Ortes, an dem es nicht nur um Mobilität, sondern auch um Einkaufen und angrenzend um Wohnen geht, werden für die Untersuchung berücksichtigt, heißt es. Ansatz für das Sicherheitskonzept, so die Stadt, sei es, den Bahnhof als einen öffentlichen Raum zu verstehen, für dessen Kontrolle bestenfalls alle gemeinsam sorgen: die Pendler und Reisenden, die Anwohner und die Ladenbesitzer. Denn die soziale Kontrolle sei das wichtigste Instrument gegen Verwahrlosung und Kriminalität.


