Hildesheim/Sarstedt - Am Montagmorgen ist viel los in der Sarstedter Praxis von Dr. Bernd Schüttrumpf, der nicht nur Allgemeinmediziner, sondern auch Vorsitzender des Hausärzteverbandes im Landkreis ist. Die Telefonleitungen sind fast durchgehend belegt. „Aber das ist nach einem Wochenende eben so“, sagt die junge Frau an der Rezeption, die mit freundlicher Routine die Patienten der Reihe nach weiterleitet. „Das liegt nur zu einem kleinen Teil am Wegfall der Impfpriorisierung. Dass wir hier deshalb einen Ansturm erleben, kann ich nicht sagen.“
Hintergrund: Seit 7. Juni ist die Priorisierung beim Impfen aufgehoben. Damit kann sich jede Einwohnerin und jeder Einwohner unabhängig von Alter, Beruf und Vorerkrankungen mit jedem zur Verfügung stehenden Impfstoff gegen das Coronavirus immunisieren lassen. Zumindest theoretisch. Denn zwar steht wohl wieder etwas mehr Impfstoff für Erstimpfungen in den Praxen der Haus- und Fachärzte zur Verfügung. Aber es gibt weder genug Serum, noch genug Kapazitäten, um alle Interessierten auf einmal zu impfen.
Für Impfung mit Astra Zeneca gibt es quasi keine Wartezeit
Dr. Petra Lattmann vom Praxisnetzwerk Hilmed hat am Montag in ihrer Nordstemmer Praxis ebenfalls „keinen Ansturm bezüglich der Impftermine“ erlebt. Es seien am Vormittag fünf neue Anmeldungen auf der Warteliste dazugekommen, sagt sie. „Das entspricht dem täglichen Schnitt der letzten Wochen. Dies ist sicherlich damit zu begründen, dass wir von Anfang an auch die Patienten ohne Priorisierung auf die Warteliste genommen haben und da stehen sie dann halt schon.“
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Biontech ist sowohl bei Lattmann als auch bei Schüttrumpf weiterhin der gefragteste Impfstoff. Es gebe aber immer wieder auch Menschen, die einen Vektorimpfstoff, also Astra Zeneca oder Johnson & Johnson, nehmen. Bei den Vektorimpfstoffen gebe es zudem keine Warteliste – die Anfragen könnten innerhalb weniger Tage abgearbeitet werden. „Bei Biontech sieht die Wartezeit etwas anders aus“, sagt Lattmann. „Derzeit liegt die Wartezeit auf die Erstimpfung mit Biontech in meiner Praxis bei vier bis fünf Wochen, wenn die wöchentliche Liefermenge auf dem jetzigen Niveau bleibt.“
Biotech wird noch vorrangig für Zweitimpfungen gebraucht
Auch das bestätigt man in Schüttrumpfs Praxis: „Wer sich für einen Vektor-Impfstoff wie Astra Zeneca entscheidet, kann in kürzester Zeit geimpft werden“, beschreibt Sandra Bednarek die Versorgungslage – sie koordiniert in der Sarstedter Arztpraxis die Anmeldungen und Wartelisten. Für Impfungen mit Biontech sehe die Sache allerdings ganz anders aus. „Wer sich da jetzt anmeldet, wird möglicherweise erst zum Ende des Sommers geimpft werden können“, sagt sie.
Weil so viele Zweitimpfungen anstünden, blieben derzeit kaum noch Dosen für weitere Erstimpfungen übrig. „Selbst in einer Pandemiesituation geht das Wunschkonzert in unserem Land weiter“, kritisiert Schüttrumpf die Politik. Er ziehe den Hut vor jüngeren Männern, die freiwillig Astrazeneca akzeptieren würden, während viele geeignetere und priorisierte Patientinnen und Patienten auf Biontech beharrten.
„Denke, dass die Nachfrage deutlich zunehmen wird“
Noch ist der ganz große Ansturm in den Praxen also nicht da, der könnte allerdings noch kommen, meint Schüttrumpf. „Viele Leute haben bislang noch gar nicht realisiert, dass sie sich jetzt auch ohne Einschränkung für einen Impftermin registrieren lassen können. Ich denke mal, dass die Nachfrage da noch deutlich zunehmen wird.“ Die Frage sei, wie viel Impfstoff die Praxen bekämen, so der Arzt.
Für die zweite Juniwoche bekommen die Arztpraxen in Deutschland rund 2,6 Millionen Dosen von Biontech, 500 000 von Johnson & Johnson und 300 000 von Astrazeneca. Dieses Verhältnis wird sich auch in den Praxen im Kreis Hildesheim niederschlagen, was bedeutet: Gut drei Viertel aller Impfdosen, die zur Verfügung stehen werden, kommen von Biontech.
Weitere Informationen folgen.
