Noch keine Ermittlungen

„Damals galten andere Standards“: Reaktionen aus Hildesheim auf den mutmaßlichen Kunstskandal

Hildesheim - Nach den Berichten über einen mutmaßlichen Kunstskandal, in den auch der ehemalige Direktor des Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus-Museums, Arne Eggebrecht, involviert gewesen sein könnte, reagieren unter anderem das RPM und der damalige Oberbürgermeister auf die Recherchen.

Hildesheim - Die Zeitung DIE ZEIT, der Deutschlandfunk und die Zeitschrift Arts Newspaper berichten über fragwürdige Praktiken im Handel mit antiken Kunstschätzen – ein Skandal in der Museumswelt, der am New Yorker Metropolitan Museum ans Tageslicht kam, den Pariser Louvre betrifft und – wenn sich die Vorwürfe erhärten sollten – auch nach Hildesheim reicht: Der frühere Direktor des Roemer- und Pelizaeus-Museums Arne Eggebrecht sei – „beabsichtigt oder nicht“ (Deutschlandfunk) – an illegalen Aktionen beteiligt gewesen.

Eggebrecht hatte enge Kontakte zu einem Hamburger Kunsthändler. Dessen Galerie steht jetzt im Fokus der Ermittlungen. Der 2004 verstorbene Hildesheimer Eggebrecht habe im RPM Objekte des Hamburgers aufbewahrt und bei Wanderausstellungen mit auf Tour genommen. „Das Museum verdiente an den Wanderausstellungen, die Stücke des Galeristen wiederum bekamen durch Stationen in den Museen eine Art Gütesiegel“, schreibt die ZEIT.

Ehemaliger Fall wieder aufgeworfen

Außerdem wird ein Fall wieder aufgeworfen, der in den Jahren 2000 und 2001 Schlagzeilen machte. Die neue Museumschefin Eleni Vassilika beschuldigte ihren Vorgänger, mit Hilfe der Schafhausen-Stiftung drei überteuerte und nicht authentisch antike Objekte von dem Hamburger Händler angekauft zu haben. Im Dezember 2001 wurde die Ermittlungen wegen mangelnden Tatverdachts eingestellt.

Aktuell sind weder das Roemer- und Pelizaeus-Museum noch aktive oder ehemalige Mitarbeiter des Museums Gegenstand polizeilicher Ermittlungen

Pressemitteilung des RPM

Das RPM schreibt in einer am Donnerstagnachmittag verschickten Stellungnahme: „Aktuell sind weder das Roemer- und Pelizaeus-Museum noch aktive oder ehemalige Mitarbeiter des Museums Gegenstand polizeilicher Ermittlungen. Es gibt aktuell auch keine offiziellen Anfragen von Ermittlungsbehörden.“ Die Medienberichte bezögen sich zum Einen auf Aussagen, die über 20 Jahre zurückliegen. „Weitere Aspekte der Berichterstattung beruhen auf Informationen, die wir im Frühjahr 2021 dem BKA im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen illegalen Kunsthandel zur Verfügung gestellt haben“, so das RPM.

Nach aktuellem Kenntnisstand seien von dem Hamburger Kunsthändler in den 1980er und 90er Jahren Objekte geliehen und gekauft worden. Diese seien auch auf drei Wanderausstellungen in den USA, Spanien und Taiwan gezeigt worden. Das RPM weiter: „In allen Fällen wurde die Provenienz der Objekte nach den damals gängigen Standards geprüft. 2001 wurden sämtliche sich noch in Hildesheim befindlichen Objekte im Eigentum des Kunsthändlers im Beisein von Vertretern der Stadt und des Museums zurückgegeben. Zu dem Kunsthändler und seiner Familie besteht seit 2001 kein Kontakt mehr.“

Eleni Vassilika meldet sich zu Wort

Eleni Vassilika meldet sich in einer Rundmail, die auch an die HAZ ging, zu Wort – mit Bezug auf den Artikel im Art Newspaper: „Es hat 22 Jahre gedauert, um meinen Lieblingsfeind zur Rechenschaft zu ziehen. (...) Die Possen dieses Antiquitätenhändlers folgten mir von Hildesheim in Deutschland nach Turin in Italien. Danach begab er sich auf ergiebigere Weideflächen am New Yorker Metropolitan Museum und an Abu Dhabi’s Louvre, was schließlich den früheren Direktor des Pariser Louvre zu Fall brachte.“

Der damalige Oberbürgermeister Kurt Machens, der um die Jahrtausendwende auch Vorsitzender der Schafhausenstiftung war, bewertet die Vorwürfe gegen Eggebrecht als haltlos. „Welches Objekt ist durch ist durch die Einlagerung im RPM weißgewaschen worden?“, fragt er und fügt hinzu: „Ich kenne keins.“ Seiner Erinnerung nach seien die Objekte bei Ausstellungen mit dem Hinweis „Aus Privatbesitz“ gekennzeichnet gewesen. Bei einer Sonderausstellung im RPM habe Eggebrecht dem Galeristen öffentlich für die Leihgaben gedankt. Machens: „Mehr Transparenz geht nicht.“

Damals galten andere Standards

Kurt Machens, damaliger Oberbürgermeister

Zudem dürfe man nicht die heutigen Maßstäbe der Herkunftsforschung an die 90er Jahre anlegen. Machens: „Damals galten andere Standards. Heute ist der Nachweis der Herkunft solcher Objekte ganz anders zu handhaben und zu dokumentieren.“ Eggebrecht habe sich aber schon damals international für klare Regeln in der so genannten Provenienzforschung eingesetzt. Für Machens steht fest: „Solche Geschichten hätte Herr Eggebrecht nicht gemacht.“

Auch die Vorwürfe Vassilikas aus dem Jahr 2000 seien falsch. Zahi Hawass, damals Chef der ägyptischen Altertümer-Verwaltung, habe die Objekte in seinem Beisein in einer Ausstellung begutachtet: „Er hatte nichts zu meckern, gar nichts.“ Untersuchungen der Kriminalpolizei hätten keine Verfehlungen Eggebrechts ergeben. Zu den aktuellen Ermittlungen gegen den Hamburger Kunsthändler sagt Machens: „Was diese Galerie heute macht, kann ich nicht beurteilen.“

Nicht einmal Experten seien sich einig gewesen

„Ich bin völlig perplex“, ist die erste Reaktion von Konrad Deufel. Von 1994 bis Anfang 2006 war er Oberstadtdirektor in Hildesheim. Eggebrecht sei „ein großer Förderer und eine Ikone der Stadt“ gewesen. „Nach der Persönlichkeitseinschätzung, die ich damals hatte, ist es außerhalb meiner Vorstellungskraft, dass dieser angesehene Ägyptologe solche Sachen gemacht haben soll.“

Als Eggebrechts Nachfolgerin Eleni Vassilika ein halbes Jahr nach ihrem Start als Museumschefin erklärte, Eggebrecht habe überteuerte und teils gefälschte Objekte angekauft, sei er der Meinung gewesen, diesen Hinweisen nachgehen zu müssen. „Sie kamen mir plausibel vor“, sagt Deufel heute, „aber ich war ein Laie.“ Nicht einmal die Experten seien sich einig gewesen.

Die Unschuldsvermutung gilt bis zum Ende des Prozesses

Konrad Deufel, ehemaliger Oberstadtdirektor in Hildesheim

Nachdem ein Gutachten Eggebrecht bescheinigte, keinen Fehler begangen zu haben, gaben Deufel und Vassilika eine Ehrenerklärung zugunsten des ehemaligen Direktors ab. „Damit war das Ding für mich erledigt“, sagt Deufel. Und in Bezug auf die aktuellen Ermittlungen: „Die Unschuldsvermutung gilt bis zum Ende des Prozesses.“

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