Anklage verlesen

Der Prinz, die Verschwörer – und ein Alfelder als zentraler Helfer? Reichsbürger-Prozess liefert Einblicke in eine wirre Gedankenwelt

Alfeld/Frankfurt - In Frankfurt hat der Prozess gegen neun mutmaßliche Rechtsterroristen der sogenannten Gruppe Reuß begonnen. Angeklagt ist auch ein Ex-Polizist aus dem Kreis Hildesheim – wie er im Gericht auftritt, und welche Erkenntnisse der erste Tag brachte. (Mit Videos)

Zum Prozessauftakt gegen die mutmaßliche Reichsbürger-Gruppe steht der Hauptangeklagte Heinrich XIII. Prinz Reuß (in der Bildmitte) zwischen seinen Verteidigern in der Außenstelle Sossenheim vom Oberlandesgericht Frankfurt. Foto: Boris Roessler/dpa

Alfeld/Frankfurt - Das Grundstück in dem Alfelder Wohngebiet ist gepflegt, der Rasen vor dem hell verklinkerten Wohnhaus ist akkurat getrimmt. Die Jalousien der zur Straße liegenden Fenster hat die Bewohnerin zu zwei Dritteln heruntergelassen. Vielleicht wegen der Sonne, die an diesem Tag im Mai schon vormittags kräftig scheint. Vielleicht auch wegen der Leute auf der Straße, die gucken könnten und reden. Über ihren Partner, dem die Immobilie gehört. Der hier nicht mehr wohnt – weil er in Untersuchungshaft sitzt, seit gut 15 Monaten. Michael Fritsch war nicht hier, als die Polizei kam am 7. Dezember 2022, um das Haus zu durchsuchen. Er war an jenem Tag unterwegs in einem Wohnmobil, die Einsatzkräfte erwischten ihn in Süddeutschland.

Das Wohnmobil steht nun wieder in der Auffahrt des Alfelder Wohnhauses, als würde der Besitzer jeden Moment einsteigen und wieder losfahren. Doch es ist gut möglich, dass der Alfelder für viele Jahre weder mit dem mobilen Camper, noch auf irgendeine andere Weise in Freiheit unterwegs sein wird. Ihm drohen bis zu 15 Jahre Haft: Michael Fritsch, 60 Jahre alt, Ex-Polizist, ist angeklagt, mit andere Verschwörern aus der rechtsextremen Reichsbürgerszene einen gewaltsamen Putsch und den Sturz der Bundesregierung geplant zu haben. In der Alfelder Nachbarschaft von Fritsch ist zu hören, man habe sich gar nicht so sehr gewundert, dass am 7. Dezember Beamte zur Razzia bei Fritsch anrückten – schließlich habe er sich während der Pandemie immer kritischer gegenüber Polizei und Regierung geäußert, das Land habe ihn deswegen als Beamten ja auch loswerden wollen. Aber das Ausmaß seiner mutmaßlichen Radikalisierung, das haben sie hier den Straßen rings um den Klinkerbau dann doch nicht geahnt.

Enormes Medieninteresse

Der Ort, an dem in den kommenden Monaten über Fritschs Schuld entschieden wird, liegt in einem Gewerbegebiet in Frankfurt-Sossenheim. In kurzer Zeit hat die Justiz hier auf einer Brachfläche eine Leichtbauhalle errichten lassen, um vor dem Staatsschutzsenat unter dem Aktenzeichen 8St 2/23 gegen den inneren Kreis der Reichsbürgergruppe zu verhandeln. Einsatzkräfte der Polizei bewachen am Dienstagmorgen das von einem Zaun und Stacheldraht umsäumte Areal.

Das Medieninteresse ist enorm, 59 Journalisten sind für die Verhandlung akkreditiert, zehn weitere stehen auf einer Warteliste. Insgesamt füllen 120 Zuschauer den an den Verhandlungssaal angrenzenden, aber durch Glasscheiben davon getrennten Raum. Die Sicherheitskontrollen sind strikt: Die Behörden halten es für eher unwahrscheinlich, dass es vor Ort Proteste, Ausschreitungen oder gar Befreiungsversuche der inhaftierten Angeklagten gibt, aber der Staat, gegen den die Tatverdächtigen einen Putsch geplant haben sollen, will auf alles vorbereitet sein.

Fritsch wirkt fit und konzentriert

Es ist 10.15 Uhr, als Justizwachtmeister Michael Fritsch in den schlichten Saal der Außenstelle des Oberlandesgerichts führen. Der 60-Jährige wirkt körperlich fit und konzentriert, er trägt ein weißes Hemd unter einem dunklen Sakko zur Jeans. Sollte die lange U-Haft Eindruck auf ihn machen, so hinterlassen die Monate bisher zumindest äußerlich keine Spuren. Neben ihm sitzt Dirk Sattelmeier, einer von drei vorgesehenen Anwälten des Alfelders. Der Hildesheimer Jurist Martin Heynert sowie der Hamburger Anwalt Ivan Künnemann sind nicht zum Prozessauftakt gekommen. „Ohne Ankündigung“, wie der Vorsitzende Richter Jürgen Bonk später erklärt.

Heynert hatte der HAZ noch am Wochenende mitgeteilt, dass Fritsch beantragt hat, statt Heynert den Cottbusser Anwalt Olaf Klemke einzusetzen. Heynert will sich selbst aus dem Verfahren als Pflichtverteidiger zurückziehen, da er im Herbst für mehrere Wochen aus persönlichen Gründen ausfallen werde. Über eine Umbesetzung in der Verteidigerriege hat das Gericht aber offensichtlich noch nicht entschieden.

Welche Rolle spielte Fritsch in den Plänen?

Klar ist: Fritschs Anwälte werden im Lauf des zunächst auf 48 Verhandlungstage angesetzten Verfahrens versuchen, die Rolle ihres Mandanten im Zirkel um Heinrich XIII. Prinz Reuß als weniger bedeutsam darzustellen. Heynert hatte gegenüber der HAZ bereits mehrfach erklärt: Fritsch habe eigenen Aussagen nach nicht zum harten Kern der Gruppe gehört. Der Alfelder sei zwar davon ausgegangen, dass es wegen der Unzufriedenheit in der Gesellschaft zu einem Umsturz des Systems kommen könne, und er habe bereit gestanden, im Anschluss eine neue Polizei mit aufzubauen – Fritsch habe aber keinen gewaltsamen Putsch mitgeplant.

Dieser Darstellung widersprechen die Strafverfolger des Generalbundesanwalts, detailliert schildern sie in der 617 Seiten umfassenden Anklage, wie und wann die Beschuldigten zueinander fanden, sich gegenseitig in ihrem Hass auf die Regierung bestätigten, an Verschwörungsmythen strickten und schließlich begonnen haben sollen, gezielt auf einen Tag X hinzuarbeiten.

Die Vorwürfe im Detail

Knapp zweieinhalb Stunden dauert es, bis der Oberstaatsanwalt beim Bundesgerichtshof, Tobias Engelstetter, mit der Verlesung einer Kurzversion der Anklageschrift fertig ist. Fritsch verfolgt den Vortrag konzentriert, liest die meiste Zeit in einer Kopie des Textes mit, hin und wieder macht er sich Notizen. Nur selten neigt er den Kopf zur rechten Seite, um kurz mit seinem Verteidiger zu sprechen.

Der Ankläger liefert in seinen Ausführungen einen Einblick in die wirre Gedankenwelt, in der sich die Angeklagten bewegt haben sollen. Da spielen nicht nur klassische Reichsbürgeransichten, wie die Ablehnung der Bundesrepublik als Staat eine Rolle, sondern auch Versatzstücke aus der vor allem und den USA verbreiteten Verschwörungsmythen der QAnon-Gruppierung. Demnach soll die Vereinigung um den mutmaßlichen Rädelsführer Prinz Heinrich XIII. Reuß an einen Deep State geglaubt haben; eine geheime Macht kidnappe Kinder und gewinne aus deren Blut ein Elixier, das jung halte und zu Kraft verhelfe, so die krude Idee. Fritsch und die anderen Angeklagten sollen daran geglaubt haben, dass diese Kinder in unterirdischen Gewölben gefangen gehalten werden. Der Sturz der Regierung, Aufbau neuer Strukturen, Sieg gegen den Deep State, Befreiung der vermeintlich gefangenen Kinder – in der Welt der mutmaßlichen Verschwörer soll sich alles zu einer Melange vermengt haben, die für Außenstehende verrückt klingt. Die zerschlagene Gruppe Reuß soll auch auf eine „Allianz“ gesetzt haben, eine Art internationales Geheimbündnis, das auch das Ziel habe, die Bundesrepublik in der jetzigen Form zu beenden – auf ein Zeichen zum Losschlagen dieser Allianz hätten die Verschwörer gewartet, um später einen Friedensvertrag zu schließen. Denn wie auch andere Anhänger der Reichsbürgerszene sollen auch Fritsch und die Anderen davon überzeugt gewesen sein, dass Deutschland sich eigentlich immer noch im Kriegszustand befinde, und eigentlich die Alliierten das Sagen haben.

„Tini, nicht fragen“

Was verrückt klinge, könne trotzdem gefährlich werden. Das betont Bundesanwalt Kai Lohse in einer kurzen Verhandlungspause: Man gehe nicht davon aus, dass die Tatverdächtigen erfolgreich hätten putschen und die Regierung stürzen können, aber sie hätten Gewalt angewendet sowie Verletzte und Tote in Kauf genommen, wenn sie nicht gestoppt worden wären.

Michael Fritsch soll im Kreis der Tatverdächtigen auserkoren gewesen sein, in Sicherheitskreisen Mitglieder für eine neu aufzubauende Polizei anzuwerben und sogenannte Heimatschutzkompanien mit aufzubauen. So soll er zum Beispiel am 10. November 2022 ein Treffen in Sehnde mitorganisiert haben, bei dem potenzielle Mitglieder einer aufzubauenden „Heimatschutzkompanie Nr. 366, Region Hannover, Barsinghausen, Gerden“ geworben werden sollten. Bei einem Grünkohlessen sollten die Teilnehmer des Treffens laut Anklage in einem Gasthaus über einen Vortrag Informationen über die Pläne erhalten. Fritsch, so halten es die Ankläger in ihren Unterlagen fest, habe nur einem ausgewählten Personenkreis Auskunft über die Art des Treffens in Sehnde gegeben. Demnach wollte seine Partnerin wissen, wie viele Leute denn dabei sein würden, und Fritsch antwortete am Telefon: „Tini, nicht fragen.“

Fritschs Verteidiger kündigt Erklärung an

Der Alfelder, davon gehen die Strafverfolger laut Anklage aus, erarbeitete für die Verschwörer einen Plan, wie die Polizei nach einem Umsturz neu aufzubauen sei. Die erste und zweite Führungsebene müsse ausgetauscht werden, das soll Fritsch vorgeschlagen haben – sowie alle Beamten, die sich gegen Corona mit einem MRNA-Impfstoff haben impfen lassen.

Der heute 60-Jährige war nach Erkenntnissen der Ermittler, die auf umfangreichen Observationen, abgehörten Telefonaten, gesicherten Messenger-Chatverläufen und Zeugenaussagen beruhen, auch Mitglied des militärischen Arms der mutmaßlichen Terroristen, den ein früherer Elitesoldat der Bundeswehr, geleitet haben soll, der nun zusammen mit Fritsch in Frankfurt angeklagt ist. Demnach soll Fritsch auch dabei gewesen sein, als Kasernen ausgekundschaftet wurden, um einen bestmöglichen Sitz für den „M-Stab“ genannten Führungszirkel des militärischen Arms zu finden.

Wie Michael Fritsch heute zu alldem steht, ob er die Vorwürfe einräumt oder strikt zurückweist? Das bleibt am ersten Verhandlungstag unklar. Verteidiger Dirk Sattelmeier kündigt an, eine Erklärung im Namen seines Mandanten abgeben zu wollen. Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.

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