Hildesheim - Das Leder liegt ganz hinten, im kühlsten Raum des Hauses. Eigentlich liegt es gar nicht, es hängt wie Pullover auf einem Wäscheständer. „So kann es sich am besten erholen“, sagt Astrid Jansen. Bei ihr erholt sich eine Menge Leder, robustes und feines, mineralisch gegerbtes Rindsleder und Bisonleder. Leder für Taschen und Gürtel und Masken und Schmuck erholt sich im Haus der Designerin in Eberholzen, einem umgebauten Gasthof mit riesigen Räumen und Holzbalkendecken. Hier lebt sie und arbeitet und heißt Gäste willkommen, und nicht überall ist es so kalt wie im Ledererholungsraum, sondern warm.
In der Kühle kann sich das Leder am besten erholen.
An diesem Samstag gibt sie einen Workshop. Astrid Jansen, Jahrgang 1962, trägt Jeanshemd, Jeanshose, schwere Schuhe, das lange rote Haar zum Zopf geflochten. Ganz und gar uneitel, ist sie Gastgeberin und Mentorin, stellt Kekse auf den Tisch, fädelt Fäden ein, erklärt die Faserrichtung des Leders und sieht den Ungeschickten in die Augen, wenn sie ihnen Mut macht. Sie ist da und zugleich ständig in Bewegung.
Sie teilt ihr Wissen gern, verrät Kniffe und Tricks
Wer auf dem großen Parkplatz hält, den hat sie schon von drinnen erspäht. Dem öffnet sie die Tür und ruft: „Hey, komm rein!“ Ein Ofen wärmt den Arbeitsbereich, irgendwo bellt ein Hund. Auch ihr Mann Janis kommt in die Runde. Sie arbeiten oft gemeinsam, sagt Jansen, und während ihrer Workshops ist Janis der Assistent und der Maschinentechniker und mittags der Koch. Jansen teilt ihr Wissen gern mit jedermann, verrät die kleinen Kniffe und Tricks, die sonst nur der Profi kennt, und heute teilt sie es mit fünf Frauen, die lernen wollen, wie man Gürtel herstellt: Juliane, Kati, Conny und die anderen, die teils Erfahrung mit dem Nähen haben, teils gar keine. „Und du warst damals wirklich bei Jil Sander?“, fragt eine der Frauen.
Wirklich, ja. Und nicht nur dort. Astrid Jansen kann im wahrsten Sinne aus dem Nähkästchen plaudern, was große Labels und Modehäuser angeht, glamouröse Namen, die Haute Couture. Schon während ihrer Ausbildung zur Schnittdirektrice, Ende der 80er Jahre in Hamburg, absolvierte sie ihr Praktikum bei Jil Sander, Grande Dame der deutschen Mode. Ein Name, der einige ihrer jungen Kolleginnen damals vor Ehrfurcht erstarren ließ. Die ebenso junge Astrid tippte einfach eine Bewerbung, tütete sie ein und schickte sie ab. In Hamburg war sie ja nun sowieso schon, da wäre der Weg zur weltberühmten Modeschöpferin doch kurz. „Ich will nicht sagen, dass ich blauäugig war“, sagt sie achselzuckend, „aber ich hab das gemacht, ohne viel drüber nachzudenken.“
Wie man Gürtel herstellt? Naja, wie soll man die schon herstellen, hab ich heute Morgen noch gedacht.
Tatsächlich besitzt sie eine pragmatische Tatkraft, den Mut des Probierens. Genau wie ihre Besucherinnen: „Wie man Gürtel herstellt? Naja, wie soll man die schon herstellen, hab ich heute Morgen noch gedacht“, sagt Kati Krohne, eine von ihnen, und lacht. „Leder zuschneiden, auf einer Seite Löcher reinstanzen, auf der anderen die Gürtelschnalle anbringen, fertig.“ Aber so einfach ist es nicht, Leder ist kein Papier, es verlangt Konzentration und Kraft.
Spezielle Milch, in Töpfchen gefüllt wie Kaffeesahne
Vor dem Zuschnitt steht das Messen, gemessen wird hier die ganze Zeit, an dem riesigen Arbeitstisch, an dem sie alle zugleich Platz finden. Hat der Gürtel dann seine Form, müssen die Kanten geglättet werden. Dazu wird eine spezielle Milch in Töpfchen gefüllt wie Kaffeesahne. Die Frauen tragen sie mit den Fingern auf und reiben die Kanten Zentimeter für Zentimeter ein. Gar nicht so leicht. Sie stupsen sich an und lachen, wenn eine von ihnen vor lauter Konzentration die Zunge rausstreckt und selbst nichts davon merkt.
„Jetzt hab ich den Dreh raus!“, sagt Kati. Astrid Jansen schaut sich ihre Kante an, fühlt mit dem Finger. „Noch nicht“, sagt sie. „Nimm weniger. Nimm dir kleinere Abschnitte vor.“ Also nimmt Kati weniger, auch wenn das dauert. Dreimal muss die Milch aufs Leder, dann wird weiter geglättet mit dem Kantenholz. Glatt ist die Kante, wenn es beim Drüberstreichen quietscht. „Aber wenn es nach dreimal Glätten nicht glatt ist, wird’s auch nicht mehr glatt“, sagt Jansen in die Runde. „Du machst uns ja Mut“, sagt eine der Frauen. „Ich sag nur die Wahrheit“, sagt Jansen. Sie lacht, die anderen lachen auch.
Wenn es nach dreimal Glätten nicht glatt ist, wird’s auch nicht mehr glatt.
Verstehen, was andere meinen – auch das gehört zu den Aufgaben einer Schnittdirektrice. Am Arbeitstisch in Eberholzen ebenso wie in den Ateliers der großen Modeschöpfer. Schnittdirektricen sind vieles, sie sind unter anderem die Schneiderinnen, die aus einer eilig hingeworfenenen Skizze des ach so genialen Meisters erstmal ein echtes Konzept, einen Schnitt entwickeln und dem Geist einer schönen Vision hier auf der Erde Konturen und Nähte geben.
So, Mademoiselle, setzen Sie das mal um, s’il vous plaît!
„In Dokumentationen ist das oft zu sehen“, sagt Astrid Jansen: Da wirft einer wie Karl Lagerfeld in drei Strichen eine Silhouette aufs Papier und überreicht das dann der Schnittdirektrice eines Pariser Modehauses: So, Mademoiselle, setzen Sie das mal um, s’il vous plaît! „Nachdem ich das eine Weile gemacht hatte, sagte ich mir: Eigentlich mache ich ja den Entwurf. Und die gestalterischen Ideen, die hab ich selber“, sagt Astrid Jansen. „Und da habe ich begonnen zu entwerfen.“
Irgendeine Vision eines bestimmten Frauentyps oder was Designer sonst vor sich hertragen, schwebte ihr nie vor. „Ich wollte immer handwerklich gute, nachhaltige Sachen machen.“ Be responsible, be brave, sei verantwortungsbewusst und mutig, lautet ihr Credo bis heute. Ein Ansatz, der in den Neunzigern nicht unbedingt als sexy galt.
Ich wollte immer handwerklich gute, nachhaltige Sachen machen.
Mit dem sie sich aber durchsetzte: „Im Jahr 1995 wurde ich mit dem Umweltpreis für Mode und Gesundheit ausgezeichnet, gleich für meine erste Kollektion“, sagt Jansen. Das Preisgeld von 15.000 Mark, ein kleines Vermögen zu jener Zeit, investierte sie in ihre Selbstständigkeit, den Aufbau der Marke Astrid Jansen. Ihr Name eignet sich gut als Markenname. Erstens, weil er echt klingt und nicht ausgedacht – was er ja auch ist. Und zweitens, weil man sofort dazu neigt, ihn wie ein einziges Wort auszusprechen: Astridjansen. Kuck mal, die Tasche im Schaufenster, würde man sagen, Astridjansen! Astridjansen, so wie man Jilsander sagt, ein einziges Wort.
Gerben ist ein wichtiger Schritt: Die Tierhaut wird zu Rohleder
Gleichzeitig studierte sie in Hannover Modedesign. „Ich fühle mich verpflichtet, einer Arbeit nachzugehen, die es mir ermöglicht, das Wissen über die Zustände in der Textilbranche zu nutzen und als Designerin etwas zu verändern“, steht auf ihrer Homepage. Sei verantwortungsbewusst, sei mutig. „Ich habe gesehen, wie teure Mode als ’made in Germany’ etikettiert wurde, obwohl in Wirklichkeit woanders produziert wurde und man in Deutschland bloß den letzten Knopf angenäht hat, um den Schein zu wahren“, sagt sie. So haben Kundinnen ein gutes Gewissen und die Modeunternehmen den Gewinn. Eine Haltung, die für sie nie in Frage käme.
Ich habe gesehen, wie teure Mode als ’made in Germany’ etikettiert wurde, obwohl in Wirklichkeit woanders produziert wurde.
Oder die Kooperation mit Gerbereien. Astrid Jansen arbeitet gern mit kleinen Betrieben in Süddeutschland zusammen. Das Gerben ist ein wichtiger Schritt: Die Tierhaut wird zu Rohleder. Jansen zieht die vegetabile Gerbung der chemischen vor, eine tausende Jahre alte, pflanzenbasierte Technik. Bis zu 30 Kilo Rinde oder 20 Kilo Früchte braucht es, um eine einzige Haut zu gerben, und die Produktionszeit beträgt mehrere Wochen. Woran man eine gute Gerberei erkennt? „Daran, dass der Gerber ohne Handschuhe ins Bad fasst.“
Oder die Verarbeitung des Leders. Astrid Jansen stellt eine Tasche aus rotem Leder auf den Tisch, mit seinem Relief sieht es fast wie Krokodilleder aus. „Amerikanisches Wildbison“, sagt sie und streicht vorsichtig über die Oberfläche, die aus vielen kleinen Teilen genäht ist. „Wir verwenden absolut jeden Fitzel unseres Leders“, sagt sie. Wenn schon mit Tierhaut arbeiten, dann mit allem gebotenen Respekt.
Wir verwenden absolut jeden Fitzel unseres Leders.
Wer in ihrem Laden an der Lilie oder online eine ihrer Taschen kauft, zahlt rund 500 bis 1000 Euro, mehr oder weniger, je nach Modell. Dass das viel Geld ist, weiß die Designerin. „Aber es steckt in jedem Arbeitsschritt Qualität und Handwerk, im Material, in der Verarbeitung“, sagt sie. Und außerdem ist es gar nicht in ihrem Sinne der Nachhaltigkeit, dass Menschen billig und deshalb oft nur allzu schnell entschlossen kaufen. Es ist gut, wenn man eine Tasche von Astrid Jansen als etwas Langlebiges betrachtet. Genau das will sie sein.
Kanten glätten, nähen, stanzen, säubern, alles immer wieder
Die Produktion fordert sie mitunter schon, sagt sie, auch wenn Janis ihr hilft. Manchmal hat sie regelrechte Herstellungswochen, dann schneidet sie 30 Taschen auf einmal zu, dann macht sie tagelang nichts anderes. „Das ist echt anstrengend.“ In kleinen Serien immer wieder das Gleiche tun. Das erholte Leder aus der Kühle holen, messen, zuschneiden, Kanten glätten, bis es quietscht, nähen, stanzen, säubern, alles immer wieder, 30 Mal und öfter. Doch, sagt sie dann schnell und lacht, doch, es ist ihr Traumjob. Wirklich.
Von der Welt der Haute Couture hat sie inzwischen Abstand genommen. „Ich hab damals gesehen: Wenn du das willst, musst du dich ganz dafür entscheiden. Eine Familie zu haben, geht dann schon fast nicht mehr.“ Die wollte sie aber, die hatte sie sogar schon, ihr erstes Kind war während ihrer Ausbildung bereits auf der Welt, bald danach bekam sie ein zweites. Und nähte und nähte. Wie sie das alles wuppte? „Ooch“, sagt sie lächelnd. Sei verantwortungsbewusst, sei mutig.
Eine Amerikanerin hat eine ganz andere Vorstellung als eine Deutsche davon, was eine gute Handtasche ist.
Doch in die Metropolen zieht es sie bis heute. Gerade ist sie von der Ledermesse in Mailand zurückgekehrt, wo sie sich mit den Inhabern kleiner Manufakturen traf, wo man plauderte über neue Techniken der Verarbeitung, über das schönste Leder, und wo man es bekommt. Auch in New York ist sie gern, weil sich die Frauen dort für Modelle interessieren, die sie in Deutschland eher selten verkauft. „Eine Amerikanerin hat eine ganz andere Vorstellung als eine Deutsche davon, was eine gute Handtasche ist.“ Inwiefern? „Hier bei uns legt man viel Wert auf Sicherheit. Eine Tasche für den Tag oder zum Einkaufen muss gut verschließbar sein, am besten mit einem Reißverschluss.“ Die New Yorkerin ist da viel experimentierfreudiger – welchen praktischen Zweck muss eine Tasche für sie schon erfüllen? Sie hat maximal eine Kreditkarte bei sich und vielleicht noch einen Lippenstift, mehr braucht sie eigentlich nicht: Ihre Tasche ist eher Beiwerk. Accessoire. „Ja, unser Kaufverhalten ist sehr kulturell geprägt“, sagt Jansen.
Bis heute kommen aus den Modehäusern junge Designer
Juliane, Kati, Conny und die anderen sind jetzt gleich fertig mit ihren Gürteln, Kati probiert ihren schon um. Passt! Vielleicht quietschen die Kanten nicht so, wie sie müssten, aber er passt. „Schlimm wäre es nur, wenn gleich dein erster Gürtel perfekt wäre“, sagt Astrid Jansen. Sie können ja alle wiederkommen.
Schlimm wäre es nur, wenn gleich dein erster Gürtel perfekt wäre.
Auch aus den Pariser Modehäusern kommen bis heute Schnittdirektricen für ein Praktikum zu ihr. Ja, nach Eberholzen. „Die wohnen dann meist auch hier bei uns“, sagt Astrid Jansen. Ihnen bringt sie bei, was sie kann und weiß und ihnen an Erfahrung voraus hat. Und wenn sie dann wieder abreisen ins Reich des Glamours, dann steht sie in der Tür und winkt, dann wünscht sie ihnen alles Gute, dort in ihrer Welt.



