Hildesheim - Wenn Kimberlyn Hoffmann eines nicht gebrauchen kann in diesen letzten Tagen vor dem Weihnachtsfest, dann dies: eine fehlende Geburtsurkunde, die sie nach der Geburt ihrer Tochter vor sieben Wochen eigentlich schon längst in den Händen halten sollte. Dabei handelt es sich im Grunde nur um ein Stück Papier aus dem Standesamt. Aber weil Hoffmann dieses noch nicht hat, hat sie finanzielle Probleme: „Ohne eine Geburtsurkunde bekomme ich kein Elterngeld, kein Geld vom Arbeitgeber und auch keine Krankenkassenkarte für meine Tochter“, sagt sie. Denn rechtlich gesehen existiert ein Mensch in Deutschland ohne Geburtsurkunde ja nicht. Sie ist der Schlüssel für alles Folgende.
Früher dauerte es manchmal nur Tage, höchstens wenige Wochen, ehe das Standesamt Hildesheim die begehrte Urkunde ausgestellt hatte. Mitunter bekam man sie sogar gleich nach der Entbindung noch im Krankenhaus. „Vor fünf Jahren bei der Geburt meines ersten Kindes war das so“, sagt Kimberlyn Hoffmann. Doch im Standesamt der Stadt Hildesheim stauen sich die Anträge seit vielen Monaten. Das Rathaus hat bereits öffentlich eingeräumt, dass es bei der Bearbeitung deutlich hinterherhinkt. Zwar sei es in den vergangenen Wochen wieder etwas besser geworden, hatte Personalchefin Martina Donat unlängst im Ausschuss für Innere Angelegenheiten berichtet. Trotzdem sei man noch weit von früheren Bearbeitungszeiten entfernt. Finanzdezernent Ulf Behnel hatte die erheblichen Verzögerungen im Rat mit Krankheiten, unglücklicher Urlaubsplanung und Vakanzen erklärt. Bis Ende des Jahres aber – so hatte es Behnel im September angekündigt – werde man wieder bei den normalen Bearbeitungszeiten liegen.
Sachbearbeiterin spricht von acht Wochen Bearbeitungszeit
Doch das hilft Kimberlyn Hoffmann derzeit auch nicht weiter. „Die Sachbearbeiterin im Standesamt hat mir in den letzten Oktobertagen klipp und klar gesagt, dass die Bearbeitung der Urkunde mindestens acht Wochen dauert“, berichtet die Erzieherin. Die 28-Jährige steht mit ihren Problemen nicht allein da. Zwei ihrer Freundinnen sind ebenfalls gerade Mutter geworden und warten auf die Geburtsurkunden. Bei der HAZ hatten sich in der Vergangenheit immer wieder Betroffene aus Stadt und Landkreis Hildesheim gemeldet, die von ihren Schwierigkeiten berichteten. Die sind zwar meistens identisch. Machen aber in jedem einzelnen Fall deutlich, wie sehr junge Familien oder Alleinerziehende unter der Situation zu leiden haben. Und wie sich dabei eine Phase der größten Freude in eine der größten Unsicherheit verwandelt.
Im Fall von Kimberlyn Hoffmann beginnt das mit einem Haus, für das sich die junge Familie vor einem Jahr verschuldet hat. Ihr Mann arbeitet in einem Dachdeckerbetrieb und schultert die Abtragungen derzeit allein. „Um allen Verpflichtungen nachzukommen, haben wir uns Geld von der Familie geliehen“, sagt Kimberlyn Hoffmann. Doch es geht inzwischen nicht nur um Geld. „Ohne Geburtsurkunde bekomme ich auch keine Krankenkassenkarte von der Versicherung“, berichtet die Erzieherin. Sie wollte neulich mit dem Säugling zum Arzt, aber dort lehnte man ab. Ohne Karte keine Behandlung. Bei schlimmen Krankheiten könnte sie natürlich in ein Krankenhaus gehen und wird dort sicher auch nicht abgewiesen. Trotzdem findet die junge Mutter den Vorgang merkwürdig bis entwürdigend.
Viele Behördengänge statt Mutterschutz und Ruhe
Wenn die 28-Jährige von ihren Erlebnissen der vergangenen sieben Wochen berichtet, bekommt man den Eindruck, dass ihr der Kern des Mutterschutzes im Moment abhanden kommt. Eigentlich hatte sie sich darauf gefreut, sich von den Strapazen der Geburt – ihre Tochter kam per Kaiserschnitt zur Welt – zu erholen und eine intensive Zeit mit dem Kind zu verbringen. Doch viel zu oft hat sie jetzt andere Dinge um die Ohren, setzt sich mit Behörden, Krankenkassen und anderen Verwaltungen auseinander. Das Krankenhaus hatte ihr noch einen Liegebescheid ausgestellt, mit dem sie zumindest theoretisch nachweisen kann, dass sie gerade eine Tochter zur Welt gebracht hat. Doch das Dokument wird nicht anerkannt.
Wenn Kimberlyn Hoffmann in den nächsten Wochen die Geburtsurkunde in den Händen hält, ist das Warten aber wohl noch nicht beendet. Mit der Geburtsurkunde geht es zunächst zur Elterngeldstelle. „Mir wurde gesagt, dass die Bearbeitung dort sechs Wochen dauert.“
