Kreis Hildesheim - Drei große neue Stromtrassen sollen in den nächsten zehn bis 15 Jahren zusätzlich zu Südlink im Landkreis Hildesheim verlegt werden: Das ist der bisherige Stand der Planungen. Doch inzwischen mehren sich Stimmen für eine erneute Kehrtwende – die Rückkehr zu Freileitungen anstelle von Erdkabeln. Auch der Hildesheimer SPD-Bundestagsabgeordnete Bernd Westphal ist mittlerweile dafür – und denkt an eine Initiative im Parlament.
Landwirte eh gegen Erdkabel
Für den Giesener, der wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion ist, wäre das auch persönlich eine 180-Grad-Drehung. Denn als vor gut zehn Jahren das Gesetz so geändert wurde, dass bei Höchstspannungsleitungen künftig Erdkabel Vorrang vor Freileitungen haben sollten – was jetzt für Südlink auch gilt – gehörte Westphal zu den Befürwortern.
„Damals ging es darum, in der Bevölkerung Akzeptanz für die Trassen zu schaffen, das Landschaftsbild war vielen Bürgerinnen und Bürgern sehr wichtig“, sagt er heute. Im Kreis Hildesheim war in jener Zeit seit Jahren über die Stromtrasse Wahle-Mecklar diskutiert worden. Plakate, mit denen eine Verlegung in der Erde gefordert wurde, waren entlang der geplanten Route allgegenwärtig. Gegen die Erdkabel waren indes vor allem Landwirte, die um die Bodenqualität bangten und bis heute bangen.
Schneller und günstiger?
Südlink wird nun in die Erde gelegt, unter anderem durch das Leinetal im Kreis Hildesheim. Der soll nun zum Drehkreuz für drei weitere Trassen werden, die ebenfalls Strom von Offshore-Windparks in Industriezentren in Süd- und Ostdeutschland transportieren sollen. Der Netzausbau gilt als unabdingbar für die Energiewende. Die Bundesnetzagentur hat grobe, mehrere Kilometer breite Korridore für alle drei Trassen festgelegt – sie sollen demnach alle drei ebenfalls durchs Kreisgebiet verlaufen. Schon Anfang Februar dürften die Netzbetreiber Tennet, TransnetBW und 50Hertz deutlich konkretere Korridore vorschlagen.
Doch zugleich drängen sie die Bundespolitik zu einem erneuten Richtungswechsel. Ihr Argument: Freileitungen ließen sich schneller planen und bauen, vor allem aber seien sie weitaus kostengünstiger. Dieses Argument hat deutlich an Gewicht gewonnen. Denn die Netzentgelte, die einen Teil des Strompreises für den Endverbraucher ausmachen und die zur Finanzierung des Netzausbaus dienen, sind schon jetzt deutlich gestiegen – was Stromkunden bereits zu spüren bekommen.
„Akzeptanz heute größer“
Darüber hat Westphal nach eigenem Bekunden zum Beispiel mit Tennet-Chef Tim Meyerjürgens gesprochen und ist zu der Überzeugung gelangt: „Wir sollten wieder auf Freileitungen setzen.“ Dass er damit das Gegenteil dessen fordert, was er vor zehn Jahren für richtig hielt, ist ihm klar: „Damals war es richtig auf Erdkabel zu setzen“, sagt er. „Aber heute ist die Akzeptanz für diese Trassen viel größer, weil die Notwendigkeit weitgehend unumstritten ist.“ Das Kostenargument spiele hingegen eine viel größere Rolle als noch vor einigen Jahren, als höhere Ausgaben sozusagen als Investition in die Akzeptanz betrachtet wurden.
Westphal kann sich gut vorstellen, im Bundestag eine entsprechende Initiative voranzutreiben. Denn klar sei auch: „Wenn wir das Gesetz wieder ändern wollen, muss das sehr schnell passieren.“ Nebeneffekt: Freileitungen müssten neu geplant werden – und es wäre möglich, dass dann weniger Trassen durch den Landkreis verlaufen – oder gar keine.
Der zweite Hildesheimer Bundestagabgeordnete Ottmar von Holtz (Grüne) hat eine Anfrage zu dem Thema bisher nicht beantwortet.
