Hildesheim - Im Stadion umstritten, beim M’era Luna selbstverständlich. Pyrotechnik ist hier kein Verbrechen. Im Gegenteil. Beim Treffen der Schwarzen Szene in Hildesheim gehört es zum guten Ton der Bands auf der Hauptbühne, Feuer und Funken in die Luft zu schießen. „Es werde Licht“, singt ASP-Frontmann Alexander Frank Spreng auch dieses Jahr, und auf Kommando erhellt sich am Samstag der Nachthimmel. Aber dieses Jahr bot das M’era Luna auch mehr Licht als Schatten.
Denn besseres Wetter kann sich kein Open-Air-Veranstalter wünschen. Blauer Himmel, Sonnenschein und sternklare Nächte. Ausverkauft war das Gothic-Festival ohnehin, dieses Jahr sogar in Rekordzeit. 25.000 Menschen reisen aus aller Welt nach Hildesheim. Dabei bleibt das Festival ein teurer Spaß. Bis zu 150 Euro kostet ein Festivalpass. Der Platz für Wohnmobile wächst und auch der Gothic-Garden, der quasi Luxus-Camping mit allem Komfort bietet. Man muss sich das leisten können, ja. Aber es müssen auch Leute bezahlen.
Das Geld sitzt nicht mehr so locker
Auch auf dem Gelände müssen Gäste teils tief in die Taschen greifen. Eine große Portion Nudeln kostet da schon 13,50 Euro. Für 0,4 Liter Bier wandern 6 Euro über den Tresen. Zumindest auf dem Mittelaltermarkt merken die Standbetreiber, dass beim kauffreudigen M’era-Publikum das Geld nicht mehr so locker sitzt. Viele berichten von geringeren Umsätzen als im Vorjahr.
Allerdings: Der guten Stimmung unter den Leuten tut das keinen Abbruch. In Gesprächen heißt es immer wieder, dass das M’era-Luna-Völkchen sogar noch freundlicher wirkt. Das Wetter trägt sicher einen Teil dazu bei. Was aber auch immer wieder durchkommt: Endlich wieder M’era Luna, wie es sein soll. In der Welt herrscht sowieso so viel Ärger und Unfrieden. Hier ist Gelegenheit, zwischen Cyber-Goths mit neonfarbenen Perücken, Fetisch-Kostümen und viktorianischen Fantasie-Gewändern die Probleme zu vergessen. Wobei die Zahl der Kostüme gefühlt geringer ist als in den Vorjahren.
Musikgeschichte in Hildesheim
Vielleicht hat das Wetter auch damit zu tun. Wer wirft sich bei gefühlt 30 Grad schon einen Wolfspelz über? Bei all der Pyrotechnik bleibt es auch bis in die Nacht warm. Aber neben Spielereien können die Bands auch mit ihrer Musik überzeugen. Hildesheim schreibt am Samstag mit Front 242 auch Musikgeschichte: Die EBM-Veteranen aus Belgien spielen hier ihr letztes Open-Air-Festival. ASP feiern ihr 25-jähriges Bestehen. Oomph! präsentieren ihren neuen Sänger. dArtagnan geben ihr M’era-Luna-Debüt.
Szene-Fans kriegen also durchaus einen Grund, ein Festival-Shirt mitzunehmen, um auf die Meilensteine zu verweisen. Auch so wissen die Bands zu begeistern: Daniel Schulz, besagter Oomph!-Sänger, beweist, dass er der Band nach 33 Jahren mit dem gleichen Mann am Mikrofon, eine neue Klangfarbe hinzufügen möchte. Suicide Commando schaffen es, die Club-Stage so zu bespielen als wäre sie noch im Hangar, und Saltatio Mortis feiern einen energiegeladenen Auftritt. Ständig ist die Menge in Bewegung, sind die Hände über den Köpfen und erklingen die Songtexte aus allen Kehlen. Da fühlt man sich tatsächlich völlig losgelöst.
Massentauglicher als Szene-Fans es zugeben wollen würden
Ist das schon Schlager, oder darf man noch mitsingen? Manche Beiträge auf dem M‘era Luna klingen massentauglicher als Szene-Fans es zugeben wollen würden. Hämatom brüllen: Gott muss ein Arschloch sein! dArtagnan kündigen „ein Sauflied“ an. Aber, sch… drauf. M‘era ist nur einmal im Jahr und Spaß macht es.
Für ESC-Fans außerdem schön „Blood and Glitter“ von Lord Of The Lost zu hören. Nur bei Deine Lakaien bleibt die Frage: Gehört elektronische Kammermusik zur besten Sendezeit auf die Hauptbühne? Da merkt man doch, dass Rampensauerei doch was schönes ist.
Suicide Commando – ein mitreißender Abschluss
Ob man zum M’era Luna geht, entscheidet man nicht (nur) aufgrund des Line-ups – das Festival gehört einfach zum Jahreskalender wie der eigene Geburtstag. Als Fan von knallenden Bässen und harschen Beats hatte man am Samstag aber seine Herausforderungen: Centhron ließen die Wiese vor der Clubstage beben, doch das Konzert war viel zu schnell vorbei.
Zudem musste der Auftritt von Funker Vogt kurzfristig abgesagt werden. Immerhin sorgten Suicide Commando für einen mitreißenden Abschluss: Während im Hintergrund verstörende Bilder flimmerten, stampften die Fans zu düsteren Texten und blasphemischen Shouts.
Die teils nicht mehr zu rechtfertigenden Preise nerven
Seit 2008 bin ich jedes Jahr beim M’era gewesen, da war immer Licht und Schatten dabei. Was richtig nervt und auch in diesem Jahr wieder bestätigt wurde, sind die teils nicht mehr zu rechtfertigenden Preise. Das fängt bei den Festival Pässen an und geht über die Getränke bis zu manchmal echt utopischen Beträgen fürs Essen.
Nichtsdestotrotz: Das Highlight ist das M’era an sich. Die beiden Tage sind wie Urlaub, und Hildesheim würde etwas fehlen. Und dann noch Oomph! mit neuem Sänger und Combichrist mit dem Old School Set serviert zu bekommen, tröstet etwas über das wieder zu mutlose Line-up hinweg.
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