Vorverkauf startet

Was das M’era Luna 2024 gezeigt hat – und warum Skepsis fürs Jubiläums-Festival 2025 in Hildesheim bleibt

Hildesheim - Das M’era Luna hat dieses Jahr Musikgeschichte geschrieben und tolle Konzerte beschert. Aber es gibt ein Kernproblem, das auch jetzt schon beim Blick aufs kommende Jahr ersichtlich wird.

Lieder über Loki und Valhalla und Lieder übers "Saufen", wie Frontmann Jörg Roth sagt, bilden das Programm von Saltatio Mortis. Die Mittelalterband weiß, wie sie das Publikum überzeugt. Kein Wunder, dass sie immer wiederkommen dürfen. Foto: Clemens Heidrich

Hildesheim - Die Zelte sind eingepackt, die Banner eingerollt, die Gesichter abgeschminkt. Das M’era Luna ist vorbei. Wer schon einmal ein Festival besucht hat, der kennt dieses Gefühl nach dem Rausch aus Lichtern und Klängen, Erlebnissen und Eindrücken. Die Normalität schleicht sich ein und beim Blick zurück verblasst das Rosarot der Brille. Katerstimmung herrscht. Das ist aber auch die Zeit, ein Fazit des Festivals zu ziehen. Denn die ersten Bands für das kommende Jahr kündigen sich schon an.

Es gab dieses Jahr einige denkwürdige Momente. Mit dem Auftritt von Front 242 hat sich Hildesheim in die Musikgeschichte eingeschrieben. Denn die Gruppe aus Belgien, welche in den 1980ern den Grundstein für die mittlerweile so populäre Electronic Body Music (EBM) gelegt hat, geht auf Abschiedstour. Das M’era Luna 2024 war ihr letztes Open-Air-Festival in Deutschland. Ende des Jahres stehen noch ein paar Konzerte in Deutschland an, im Januar 2025 fällt dann nach zwei Auftritten in Brüssel der letzte Vorhang.

Das Wagnis hat sich gelohnt

EBM findet auch in der Schwarzen Szene nicht überall Anklang. Es ist also ein kleines Wagnis gewesen, die Gruppe mit ihren harten Beats und repetitiven Abläufen auf die Hauptbühne zu stellen. Front 242 haben es dem Festival gedankt und einen Auftritt abgefeuert, der beweist, dass die Mitglieder nicht aufhören, weil sie müde sind, sondern weil es jetzt gerade vielleicht wirklich am schönsten ist. Zum Tanzen hat Ronan Harris als VNV Nation am Sonntag das Publikum zwar gekonnter gebracht. Aber trotzdem hat es sich gelohnt, Front 242 einzuladen und auf einen der besten Zeitpunkte zu setzen.

Bands aus diesem oder ähnlichen Genres wären früher prädestiniert für den Hangar gewesen. Der ist seit Corona allerdings Geschichte. Die Club-Bühne ist jetzt eine Mischung aus UFO und Zirkuszelt. Das hat durchaus Flair – aber nicht das passende Flair für Gruppen wie Suicide Commando oder London After Midnight. Zugegeben, das mag noch mehr Geschmackssache sein als es Musikbewertungen ohnehin immer sind. Vom Eindruck her unterscheidet sich die Club-Bühne, abgesehen von der Größe, aber zu wenig von der Hauptbühne. Was dann – apropos Geschmackssache – einer Gruppe wie Deine Lakaien nicht gut tut.

Der Treppenwitz mit manchen Bands

Sänger Alexander Veljanov und Instrumentalist Ernst Horn sind mit dem diesjährigen Auftritt zurück zu ihren Wurzeln als Electro-Duo gegangen. So wunderbar diese Reduziertheit klingt, verliert sie sich doch über den Köpfen vor der Hauptbühne. Die bespielen Bands wie Hell Boulevard, Saltatio Mortis, Stahlmann, Epica oder dArtagnan schlicht passender. Davon hatte das M’era Luna dieses Jahr auch genug zu bieten – und das ist Kern des Problems.

Dem Festival ist eine gewisse Formelhaftigkeit – bei allen Wagnissen – schlicht nicht abzusprechen. Ja, eine Großveranstaltung kostet Unsummen und muss sich (und zahlreiche Mitarbeitende) finanzieren. Dass die Verantwortlichen auf Namen setzen, die verlässlich abliefern und Leute ziehen, ist erstmal verständlich und kein Problem. Aber mittlerweile ist es ein Treppenwitz, welche Künstler sich in welchem Rhythmus abwechseln. Im Vorjahr haben In Extremo und Subway To Sally in die Dudelsäcke geblasen, dieses Jahr waren Schandmaul und Saltatio Morits dran. Subway wurden wiederum am Sonntag schon für 2025 angekündigt.

Die Veranstalter versprechen eine „strahlende Zukunft

Die „strahlende Zukunft“, die das M’era Luna für das kommende Jahr schon verkündet, bespielen unter anderem Blutengel, Ost+Front und Eisbrecher. Alle sind 2022 zuletzt beim M’era Luna aufgetreten. And One hat immerhin seit 2017 pausiert. Dass mit Heilung eine Premiere ansteht und Lacuna Coil immerhin seit 2005 nicht mehr da war, geht da schon fast unter. Man fragt sich schlicht, ob man Eisbrecher-Frontmann Alexander Wesselsky nicht einfach mal eine Dauerkarte spendiert, statt ihn, wie dieses Jahr mit seinem Solo-Projekt, immer wieder zu buchen.

Warum Künstler wie er, oder auch ASP in unterschiedlichen Konstellationen, immer wieder kommen, ist klar. Sie sind einfach gut. Als Gothic-Fan kann man Zeit und Geld schlechter investieren, als in ein Konzert von Oomph! oder Lord Of The Lost. Man kann darüber streiten, wie viel Pop, wie viel „Heys!“ und „Yeahs!“ ein Szene-Festival vertragen kann. Hämatom, zum Beispiel, machen Laune. Aber die Band hat auch schon mit den Spaß-Rappern der 257ers zusammengearbeitet. „Ficken unsren Kopf“ ist dann auch nicht mehr so weit vom Ballermann entfernt.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Was bleibt vom M’era Luna 2024 also? Viele kleine und große Konzert-Momente, für die sich der satte Eintrittspreis gelohnt hat. Aber auch nur die immer kleiner werdende Hoffnung, dass das Festival mal wieder eine Überraschung aus dem Hut zaubert, statt in der Komfortzone zu verharren. Aber, wie würden die dunklen Romantiker jetzt sagen: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Nächstes Jahr feiert das Festival immerhin 25. Geburtstag. Der Vorverkauf läuft seit Montag, 12. August, um 18 Uhr.


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