HAZ-Interview

Petition gegen Unterbringung von Flüchtlingen in Gronauer Sporthalle: Was den Initiator antreibt

Gronau - Oliver Bünger ist selbst überrascht, wie schnell mehr als 2000 Unterstützer zusammengekommen sind. Er erklärt im HAZ-Interview, warum er die Sporthalle nicht für die richtige Notunterkunft hält und was er vom Kreis Hildesheim fordert.

Oliver Bünger hat die Petition gegen die Nutzung der Gronauer Sporthalle als Notunterkunft für Flüchtlinge angeschoben - unter anderem, weil er sich um das Tischtennis-Training der Jugendlichen sorgt. Aber er hat noch mehr Gründe. Foto: Heiko Stumpe

Gronau - Der Landkreis hat angekündigt, voraussichtlich ab Januar die neue Sporthalle der Kooperativen Gesamtschule (KGS) als Notunterkunft für Flüchtlinge zu nutzen. Dagegen hat der Gronauer Oliver Bünger eine Online-Petition auf dem Portal OpenPetition gestartet, die bis Sonntagmittag bereits 2162 Unterstützer aus dem Landkreis Hildesheim hat. 2300 aus dem Kreisgebiet sind nötig, damit OpenPetition vom Kreis eine Stellungnahme anfordert. Die HAZ sprach mit dem Initiator der Petition über seine Beweggründe, unliebsame Kommentare und das weitere Vorgehen.

Herr Bünger, wie kam es zu Ihrer Petition?

Der Verein hat aus der Zeitung von den Plänen des Landkreises erfahren, was ich schon mal nicht gut fand. Ich war sofort der Meinung, dass man dagegen etwas unternehmen müsste, habe mich ein bisschen informiert und das Portal OpenPetition gefunden. Ich habe dann auch gleich die Petition gestartet.

Wie waren die Reaktionen?

Es gab ganz viel Zuspruch und wirklich gar keine Kritik, jedenfalls ist bei mir keine angekommen.

Auch in Alfeld und Sarstedt hat der Kreis bereits Sporthallen als Notunterkünfte für Flüchtlinge genutzt, dort gab es keine solchen Proteste. Warum in Gronau?

Ich denke, dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen die Tatsache, dass dies wirklich eine ganz neue Halle ist, die noch dazu unmittelbar neben einer Grundschule liegt. Das zum Beispiel verunsichert viele Eltern, sie fragen sich, ob das konfliktfrei geht. Und dann ist es natürlich so, dass wir in Gronau in den vergangenen Jahren schon Erfahrungen mit massiven Einschränkungen des Schul- und Vereinssports gemacht haben.

Sie meinen Schließung und Abriss der alten Realschul-Sporthalle nach dem Ölschaden, während die neue KGS-Sporthalle noch lange nicht fertig war?

Genau. Da ist viel Sportunterricht an der KGS ausgefallen, zum Teil wurden die Schüler zu Hallen nach Elze gekarrt, hatten dort aber natürlich deutlich kürzer Sport. Und die Vereine haben in der Phase massiv Hallenzeiten verloren. Wir wissen also, was die Schließung dieser Halle bedeuten würde, wie groß der Verlust für Schulen und Vereine wäre.

Spielt auch eine Rolle, dass die Gesellschaft insgesamt beim Thema Flüchtlinge inzwischen kritischer ist?

Sicher. Als der Ukraine-Krieg begann, war es für die allermeisten von uns überhaupt keine Frage: Wir müssen diesen Menschen helfen, wir müssen sie unterbringen. Zur Not eben in Hallen, und es muss schnell gehen. Das war eine absolute Notsituation, das konnte man nachvollziehen.

Jetzt nicht mehr? Landrat Lynack sagt, dass es auch jetzt eine Notsituation ist – und dass die Sporthalle zwar die letzte Option ist, es aber wohl nicht ohne sie geht.

Das glaube ich eben nicht. Zum einen muss es meiner Ansicht nach mehr Möglichkeiten geben, in Privatwohnungen, Gasthöfen, Gewerbehallen und so weiter. Zum anderen habe ich den Eindruck, dass die Kreisverwaltung Angebote nicht schnell genug prüft. Die Samtgemeinde Leinebergland hat ja schon im August zwei Container-Standplätze angeboten, darüber hätte man längst entscheiden können. Und der Kreis muss auch aktiver auf potenzielle Vermieter zugehen, sie über die Modalitäten informieren, über Bedingungen und Bezahlung, da passiert mir zu wenig. Stattdessen wählt der Kreis aus meiner Sicht die für ihn einfachste Lösung. Aber nicht die beste.

Nach Bekanntwerden der Sporthallen-Pläne wurden in Gronau plötzlich zwei neue Gewerbeimmobilien angeboten. Macht Ihnen das Hoffnung?

Klar. Vielleicht ist das auch ein Effekt unserer Petition, dass Menschen und Unternehmen in Gronau stärker auf das Problem aufmerksam geworden sind. Ich erwarte, dass der Landkreis diese Angebote jetzt mit höchster Priorität prüft, um eine Nutzung der Sporthalle noch abzuwenden. Das muss das Ziel sein.

In Ihrer Erklärung zur Petition betonen Sie, dass Sie nicht gegen die Aufnahme von Flüchtlingen an sich sind, aber eben nicht in der Sporthalle. Samtgemeindebürgermeister Volker Senftleben sagte dazu sinngemäß, ein Dach über dem Kopf für Menschen sei im Zweifel wichtiger als Schul- und Freizeitsport.

Natürlich ist ein Dach über dem Kopf wichtig. Ich werfe der Bundespolitik vor, dass immer mehr Menschen ins Land kommen, obwohl wir sie kaum noch menschenwürdig unterbringen können. Dafür können Kreis und Kommune aber nichts. Natürlich müssen wir hier Flüchtlinge unterbringen. Erst recht, wenn die Samtgemeinde im Verhältnis zur Einwohnerzahl weniger Flüchtlinge aufgenommen hat als der Kreis-Durchschnitt, wie Herr Senftleben sagt. Wenn das so ist, haben wir eine Verpflichtung.

Aber?

Ich bleibe dabei: Es gibt andere Möglichkeiten als diese Sporthalle. Gerade Kinder und Jugendliche haben in der Corona-Zeit schon genug Einschränkungen bei Schule und Sport in Kauf genommen, obwohl Experten heute einräumen, dass das in der Form nicht nötig gewesen sei. Wir sollten sie nicht erneut einschränken. Zumal Übergewicht auch durch Bewegungsmangel ein immer größeres Problem darstellt. Und: Sportvereine spielen eine wichtige Rolle für die Integration für Flüchtlingen, auch deshalb sollte man sie nicht einschränken.

Sie haben die Petition nicht unter Ihrem Namen gestartet, sondern unter dem allgemeinen Begriff „Bürger, Eltern, Schüler, Kinder, Vereinsmitglieder in Gronau“. Wollten Sie nicht erkannt werden?

Nein, das war es überhaupt nicht. Ich dachte, eine Petition unter meinem Namen würde nicht so viel Zuspruch bekommen, weil mich ja nicht so viele Menschen kennen. Ich dachte, der von mir gewählte Titel zieht mehr. Stimmt ja vielleicht auch. Ich habe mich aber sehr schnell auf der Petitions-Seite zu erkennen gegeben, ich habe damit kein Problem.

Sie sprachen von Zuspruch. Es gibt auch viel Applaus von Menschen, die ziemlich weit rechts stehen, die dagegen sind, überhaupt noch Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen. Nervt Sie das?

Ja, durchaus. Das ist nicht meine Position, aber man muss das wohl in Kauf nehmen. Ich wüsste jedenfalls nicht, wie man es vermeiden kann. Ich denke aber, dass man uns deswegen nicht in eine Ecke drängen kann. Ich habe im Petitionstext sehr deutlich gemacht, dass ich eine andere Haltung habe, und meine Mitstreiter in der Tischtennis-Abteilung teilen diese Haltung.

Wie soll es jetzt weitergehen?

Ich bin überrascht, wie schnell wir so viele Unterstützer bekommen haben. Ich finde, das kann die Politik nicht einfach ignorieren.

Und wenn das nicht fruchtet, folgt ein Bürgerbegehren, vielleicht ein Bürgerentscheid?

Da muss ich mich noch genauer über die Bedingungen und Anforderungen informieren, aber das ist auf jeden Fall eine Option. Wobei ich nach wie vor auf eine bessere Lösung für die Unterbringung der Flüchtlinge setze.

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