Kreis Hildesheim - Nein, er könne beim besten Willen nicht sagen, ob der Feldhamster im Notfall auch schwimmen kann. 2018 war Clemens Gerhardy, Landwirt in Algermissen und studierter Agrarwissenschaftler, maßgeblich an der Entwicklung eines Programms zum Artenschutz des possierlichen Nagers beteiligt. Sechs Jahre später ist die Feldhamster-Population in der Börderegion immer noch ein wichtiges Thema – der Lebensraum der Tiere aber zusätzlich durch ein neues Phänomen bedroht.
Rekord-Regen bedroht die Ernte
Denn waren die Sommer seit 2018 heiß und viel zu trocken, verzeichnet der Wetterbericht in der Region Hildesheim aktuell die nassesten zwölf Monate seit 140 Jahren. Und während die Schwimmkünste der Feldhamster noch nicht final geklärt sind, droht den Landwirten bei anhaltendem feucht-warmen Klima und massiven Regenfällen Gefahr für die diesjährige Ernte. „Aktuell regnet es jede Woche mehrfach, und es gibt nur kurze sonnige Trockenphasen, so dass die Ernte sehr schleppend vorankommt“, sagt Gerhardy. Er fürchtet, dass sich, sollte es in der kommenden Zeit weiterhin massiv regnen, die Ernte wie im vergangenen Jahr erneut verzögern könnte.
Damals verspätete sich durch das nasse Wetter erst die Rübenernte. Als der Winterweizen in der sogenannten Fruchtfolge darauf im Winter auf die Felder sollte, war hier noch die Rübenkampagne im Gang. Einige der Felder waren zudem durch den durchweichten Untergrund für die knapp 40 Tonnen schweren Rübenroder nicht rechtzeitig befahrbar. „An extrem nassen Stellen konnten die Rüben dann teilweise nicht mehr geerntet und mussten untergepflügt werden“, so Gerhardy.
Sommerweizen hat sich verspätet
Im Frühjahr 2024 regnete es derweil so stark, dass diese Flächen, die normal schon im Oktober mit Winterweizen bestellt worden wären, erst im April mit Sommerweizen bestellt werden konnten – also ein halbes Jahr später. Da im Herbst wieder die nächste Aussaat des Winterweizens ansteht, hofft der Landwirt, dass sich der Regen in den nächsten Monaten in Grenzen hält. „2023 hat es laut unseren Aufzeichnungen in Algermissen 812 Liter pro Quadratmeter geregnet – knapp doppelt so viel wie ein Jahr zuvor mit 465 Litern. In diesem Jahr sind es bereits 553 Liter pro Quadratmeter. Das ist ganz schön viel.“
Westphale: „Zeitpunkt der Ernte absolut in Ordnung“
Auch Konrad Westphale, Vorsitzender des Landvolks Hildesheim, fürchtet Gefahren für die diesjährige Ernte, sollte sich das wechselhafte Wetter nicht ändern. Zurzeit sei man mit dem Zeitplan jedoch zufrieden: So ist die Wintergerste inzwischen vollständig abgeerntet, der Raps zu 70 Prozent, der Dinkel bereits zur Hälfte von den Feldern. Die Ernte des Winterweizens hat gerade erst begonnen. „Mit Ende Juli ist der Zeitpunkt dafür absolut in Ordnung“, sagt Westphale.
Bislang habe man auch noch keine Qualitätseinbußen feststellen können, etwa beim Eiweißgehalt des Weizen oder der „Fallzahl“, die die Backfähigkeit von Getreidemehl beschreibt. Das könne sich aber schnell ändern, so Westphale. Bleibe es in den kommenden Wochen feucht-warm und regnerisch, sei das zum Beispiel der ideale Nährboden für den Fusarium. Der hochgiftige Pilz habe bereits im letzten Jahr zu massiven Ernteausfällen in der Region geführt. Auch die Kraut- und Knollenfäule wird bei dieser Witterung durch einen Pilzbefall verursacht – und macht vor allem der Kartoffelpflanze den Garaus.
Rüben und Mais profitieren
Doch der nasse Sommer hat auch positive Folgen – zumindest für zwei Erntefrüchte. „Die Zuckerrübe und der Mais lieben dieses Wetter“, erklärt Westphale. Die Rübenkampagne startet üblicherweise Anfang September und endet im Januar, spätestens Anfang Dezember sollten alle Rüben eingeholt sein.
Macht der Regen die Felder aber für die Rübenroder unbefahrbar, profitiert letztlich nur einer von den süßen Rüben: der Feldhamster. Hoffentlich kann er schwimmen.

