Hildesheim - Am Freitag hat sich die Entdeckung der mittelalterlichen Brücke unter der Dammstraße zum zweiten Mal gejährt: Am 24. Mai 2022 hatte Kai Wedde das Bauwerk gefunden. Der damals 64-Jährige gehört zum Team der Grabungsfirma Archaeofirm, die den Kanalbau der Stadtentwässerung (SEHi) in der Gegend begleitete. Die Arbeiten hatten schon in den Wochen zuvor etliche Spuren der Stadtgeschichte freigelegt: Immer wieder waren Wedde und seine Kollegen auf Gebeine gestoßen, zudem hatten die Archäologen Reste des Chors der im 16. Jahrhundert zerstörten Johanniskirche gefunden.
Die Sperrung dauere drei Wochen, hieß es im Mai 2022
Am 24. Mai dann machte Wedde etwa zwei Meter unter der Fahrbahn einen Hohlraum aus, worauf Stadt und SEHi entschieden, die bis dato noch auf einer Spur geöffneten Dammstraße wegen Einsturzgefahr komplett zu sperren. Drei Wochen später – so die erste Einschätzung damals – sollte die Straße wieder frei sein. Es kam anders: Das Gewölbe über dem Hohlraum stellte sich als Brücke heraus, und zwar als eine ganz besondere, wie der damalige Stadtarchäologe Christoph Salzmann im November 2022 herausfand, in dem er eine Mörtelprobe aus einem der Brückenpfeiler untersuchen ließ. Demnach ist das Bauwerk mindestens 850 Jahre alt – was den Plan der Stadt zunichte machte, es zum Teil abzutragen und zuzuschütten. Denn das gestattet das Denkmalschutzgesetz nicht. Doch was sollte statt dessen passieren? Die Richtung für den weiteren Umgang mit der Brücke wiesen zwei Fachtagungen zu den Themen Archäologie und Verkehr: Auf ihrer Basis entschied der Rat dann im Juni 2023, das Bauwerk mit einer Platte zu versiegeln und die Verkehrsführung grundsätzlich so zu lassen, wie sie vor der Sperrung war.
Dass die nach wie vor besteht, liegt unter anderem daran, dass zunächst die Nordseite der Brücke identifiziert und oberhalb von ihr ein ein Graben angelegt werden musste, um das Fundament für die Betonplatte zu schaffen – auf der Südseite wird dafür der ehemalige Grabungsschlitz genutzt, in den Pfähle gesetzt werden. Derzeit laufen die letzten Berechnungen für die Platte und deren Gründung; die SEHi sucht nun eine Baufirma, die den Bau des Brückendeckels übernimmt und anschließend die neue Fahrbahn erstellt. Bis das Unternehmen gefunden ist und loslegt, herrscht in der Dammstraße eine Zwangspause – die Stadt erklärte am Donnerstag, diese könnte mehrere Monate dauern. Brücken-Entdecker Wedde – und mit ihm manch anderer Hildesheimer – ist indes traurig, dass das Bauwerk nicht mehr zu sehen ist. Hätte es gewichtige Fürsprecher für diese Variante gegeben, wäre auch sie möglich gewesen, meint Wedde.
Der Zeitstrahl
24. Mai 2022: Die Entdeckung
Kai Wedde aus dem Archäologen-Team entdeckt etwa zwei Meter unter der Fahrbahn in der Dammstraße einen Hohlraum. Dort läuft der Verkehr bis dato einspurig, Baudezernentin Andrea Döring entscheidet, die Straße wegen Einsturzgefahr zu sperren.
25. Mai 2022: Die Gewissheit
Der entdeckte Hohlraum entpuppt sich als Bereich unter einem größeren Gewölbe, wie weitere Untersuchungen ergeben, bei der mehrere Kameras zum Einsatz kommen. Damit deutet sich an, dass sich das Problem nicht auf die Schnelle wird lösen lassen.
November 2022: Die Sensation
Der damalige Stadtarchäologe Christoph Salzmann hat anhand von Mörtelproben aus einem Pfeiler der Brücke deren Alter ermitteln lassen: Danach ist das Bauwerk mindestens 850 Jahre alt und das einzige erhaltene Exemplar seiner Art in Norddeutschland.
5./6. Mai 2023: Die Symposien
Um herauszufinden, wie die Stadt mit der Brücke umgehen soll, veranstaltet sie auf Wunsch des Rates zwei Fachtagungen. In der einen geht es um die Archäologie, in der anderen um den Verkehr. Die Idee zündet: Beide Symposien liefern viele Erkenntnisse.
25. Mai 2023: Die Führungen
Die Stadt beginnt mit Führungen an der Brücke. Für die Auftaktrunde gibt es 100 Anmeldungen, allerdings nur 15 Plätze. In den folgenden Wochen sehen sich insgesamt 180 Menschen das Bauwerk an, die letzten Termine sind bereits Tage vorher ausgebucht.
Mai, Juni 2023: Die Erkundung
Im Sommer 2023 ist die Südseite der Brücke auf der kompletten Länge von 35 Metern freigelegt. Ein Team des Instituts für Bauforschung der Technischen Universität Braunschweig vermisst das Bauwerk per Laser und untersucht, wie es erstellt worden ist.
26. Juni 2023: Die Entscheidung
Der Rat spricht sich fast einmütig dafür aus, die historische Brücke mit einer Betonplatte zu versiegeln. Die Stadt soll so schnell wie möglich die Fahrbahn wieder herstellen, der Verkehr auf dieser wie früher fließen – es soll aber einen Pop-up-Radweg geben.
23. Mai 2024: Die Zwangspause
Fast genau zwei Jahre nach der Entdeckung der Brücke ist die Grabung beendet – die Archäologen und die beiden Baufirmen, die das Grabungsteam begleitet haben, ziehen ab. Die nächsten Arbeiten erfolgen voraussichtlich erst in einigen Monaten.








