Hildesheim - Als der Archäologe nach dem Stein auf der Baustelle zur Kanalsanierung in der Dammstraße greift, hat er keine Ahnung, dass Aufruhr in der Stadt bevorsteht. So beginnt Gregor Brose, Archäologe und Grabungsleiter an der Dammstraßen-Brücke, seine Geschichte. Ein Jahr und einen Tag nach der Szene, die er beschreibt, steht er am Donnerstag vor gut einem Dutzend Hildesheimerinnen und Hildesheimern – sie alle sind zur ersten öffentlichen Führung rund um die historische Brücke gekommen.
Die alte Brücke
„Hinter dem Stein“, erzählt Brose, „war ein Hohlraum – so groß, dass der Kollege sein Ende in der Dunkelheit nicht erkennen konnte.“ Nur Stunden, nachdem der Archäologe ins Dunkel geschaut hatte, wurde die Dammstraße für den Autoverkehr voll gesperrt – und ist es bis heute. „Es ging ein bisschen hin und her, dann wurde noch ein letzter Bus durchgelassen, dann wurde die Absperrung aufgebaut“, erinnert sich Brose. Schnell staute sich der Verkehr bis zur Schuhstraße.
Der Hohlraum wurde von einer rund 850 Jahre alten Brücke gebildet. Die Frage, wie man mit ihr umgehen soll, beschäftigt aktuell Bürgerschaft, Stadtpolitik, Expertinnen und Experten sowie das Land Niedersachsen. Bisher hatten aber nur wenige Bürgerinnen und Bürger die Gelegenheit, die Steinbrücke des Anstoßes aus der Nähe zu sehen. Als die Stadt Mitte Mai die Anmeldung für öffentliche Führungen freischaltete, war der Andrang groß. Mehr als 100 Interessierte haben sich laut Stadtsprecher Helge Miethe gemeldet.
Bis an die Brüstung
Es passiert leider immer wieder, dass wir beschimpft werden
So laut die Diskussionen um die Brücke und die Straßensperrung mitunter geführt werden, so still lauschen die Teilnehmenden der Führung Grabungsleiter Brose, als er von der Erinnerung an den folgenreichen 24. Mai 2022 zur allgemeinen Stadtgeschichte überleitet. „Diese Brücke war ein Statement“, sagt er. Im 12. Jahrhundert sei ein steinernes Bauwerk in dieser Größe eine Ansage gewesen, dass man Hildesheim auf der Karte haben muss. Ein vorbeifahrender Radler unterbricht Broses Geschichtsstunde mit lautem Pöbeln gegen den Grabungsleiter in seiner Baustellen-Weste. Der Mann ist nicht genau zu verstehen, aber er wünscht sich offenbar schnellere Arbeit. „Es passiert leider immer wieder, dass wir beschimpft werden“, sagt Brose.
Nach seiner Einleitung führt der Grabungsleiter die Gruppe ganz nah an die Brücke heran – bis zur hölzernen Brüstung der Ausgrabungsgrube. Die Gruppe wird lockerer, beugt sich über die alten Steine, stellt immer wieder Zwischenfragen.
Alte Rohre
Die Brücke war egal, die wurde nicht dokumentiert
Als Brose erst eine Wasserleitung aus den 1950-Jahren, dann eine aus den 1870-Jahren zeigt, die durch den Stein der Brücke gelegt sind, fragt eine Frau, warum man bei der aktuellen Kanalsanierung nichts vom Bauwerk wusste. „Nach dem Krieg waren die Leute froh, dass sie fließendes Wasser hatten, die Brücke war egal, die wurde nicht dokumentiert“, sagt Brose. Ebenso im 19. Jahrhundert, als archäologische Fakten nicht von der öffentlichen Hand, sondern von interessierten Privatleuten wie Lehrern oder Professoren gesammelt wurden. War von denen niemand dabei – wie wohl um 1870 –, dann wurden die Funde nach Abschluss der Bauarbeiten wieder vergessen.
Die Fragen der Gruppe brechen nicht ab: Welche Funktion hatte die dünne Mauer an der Südseite? Schließt auch auf der Nordseite ein Wehrturm an die Brücke an? Wie tief reicht die Brücke? Auf was für einem Fundament steht sie? Immer wieder muss Brose passen. Die Nordseite der Brücke – Richtung Bischofsmühle – werde wohl nicht ausgegraben, das sei nicht vom Denkmalschutzgesetz gedeckelt. Und was sich die früheren Bewohnerinnen und Bewohner bei einzelnen Strukturen gedacht hätten, sei reine Spekulation. Auch das Fundament der Brücke sei nur an einer Stelle erforscht – dort stehe sie auf einer Art Lehmsockel.
„Historische Bedeutung“
Auch nach Ende der Führung bleiben die Leute, diskutieren untereinander, mit Brose und mit Nils Rühmann, Bereichsleiter bei der Stadt für Straßenunterhaltung. Gefragt, welchen Umgang mit der Brücke sie sich wünschen, sprechen sich die meisten Menschen der ersten Besuchergruppe dafür aus, sie zu erhalten und zugänglich zu machen. „Die hat historische Bedeutung“, sagt eine Frau und gestikuliert in Richtung der Brückenbögen. Das sei ihr durch die Führung besonders klar geworden. Sie steht mit ihrer Meinung alleine da.
Aktuell ist die Warteliste für weitere öffentlichen Führungen geschlossen. Stadtsprecher Miethe kündigt aber an, dass in Kürze entschieden werde, wie die Stadt mit dem großen Interesse umgehen wird.


