Herbst 2024

Geplante Sammelunterkünfte in Hildesheim: Wie soll es in Schulen und Kitas funktionieren?

Hildesheim - Ab Herbst 2024 sollen bis zu 460 Geflüchtete in Sammelunterkünften in Hildesheim unterkommen. Für die betroffenen Stadtteile eine Herausforderung – vor allem, was die Kinderbetreuung angeht.

In drei Sammelunterkünften will die Stadt Hildesheim ab kommenden Herbst Menschen einquartieren, die nach Deutschland geflüchtet sind. Wie aber sehen die Pläne aus, die geflüchteten Kinder in Kitas und Schulen zu betreuen? Foto: Chris Gossmann (Archiv(

Hildesheim - Sammelunterkünfte für bis zu 460 Geflüchtete: Vor anderthalb Wochen hat die Stadt Hildesheim drei Standorte vorgestellt, an denen geflüchtete Menschen ab Herbst 2024 zeitweise in Wohncontainern untergebracht werden sollen. Dass das vor allem auch Folgen für die Schulen und Kitas haben wird, zeigen aktuelle Zahlen. So waren laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 31 Prozent derjenigen, die vom Januar bis Oktober 2023 einen Asylantrag in Deutschland stellten, minderjährig.

Ein Faktor, der auch der Verwaltung bewusst ist – so wurde bei der Vorstellung der einzelnen Standorte immer auch auf die dortigen Betreuungsmöglichkeiten durch Kitas und Schulen verwiesen. Vieles ist dabei allerdings noch in der Schwebe. Die Pläne, so scheint es, stehen ganz am Anfang. Viele Fragen sind offen, etwa, mit wie vielen Flüchtlingskindern überhaupt gerechnet wird und wie viele freie Kita-Plätze es aktuell in den Stadtteilen, in denen die Sammelunterkünfte entstehen sollen, gibt. Die Antworten bleiben vage. „Die Stadt überplant die Schulentwicklungs- und Kitabedarfsplanung mit Blick auf die deutlich zunehmende Zahl der zugewiesenen Flüchtenden“, erklärt Stadtsprecher Helge Miethe. „Die Ergebnisse bleiben abzuwarten.“

Schon jetzt fehlen Kita-Plätze

Fest aber steht: Schon jetzt fehlt es in Hildesheim an Kita-Plätzen. Freie Plätze in der Krippe gibt es nicht, auf der Liste der Kinder ohne Platz stehen laut Miethe 128 Kinder. Im Kindergartenbereich gibt es zwar 72 freie Plätze, gleichzeitig aber 82 unversorgte Kinder. „Dies ist zum Beispiel dadurch zu erklären, dass kein Platz in der Wunschkita in der Nähe frei ist“, erklärt Miethe. Freie Plätze im Hort gibt es 13. Unversorgte Kinder: 112.

Dass es bei den Schulen nicht viel besser aussieht, zeichnete sich schon bei der Vorstellung der Pläne ab. „Räumlich möglich, aber pädagogisch herausfordernd“ bewertete die Stadtverwaltung die Idee, geflüchtete Kinder, die in der Sammelunterkunft am Pferdeanger unterkommen, in der Grundschule Himmelsthür zu unterrichten – und nicht in der Nordstadt.

Für die ebenfalls betroffene Grundschule Neuhof brachte die Stadt bereits die Idee ins Spiel, Container für zusätzlichen Unterrichtsraum aufzustellen, weil die Schule räumlich an ihre Grenzen stoße. In der Grundschule Auf der Höhe bestünden dagegen zumindest „rechnerisch“ freie Kapazitäten, hieß es von der Stadtverwaltung. „Die Stadt wird rechtzeitig vor Erstellung möglicher Modul-/Container-Unterkünfte die Betreuung und schulische Versorgung der dort unterzubringenden Kindern und Jugendlichen planen“, versichert Miethe. „Auch hier bleiben die Ergebnisse abzuwarten.“

Reaktionen aus den Grundschulen

Hört man sich bei den Rektoren und Rektorinnen um, gibt es zwei konkrete Forderungen, um der Herausforderung gewachsen zu sein: Eine gleichmäßige Verteilung und eine frühzeitige Planung. „Es ist ungünstig, einzelne Schulen, wie zum Beispiel die Grundschule Nord, über die Maße zu belasten“, erklärt etwa Anja Büscher von der Grundschule Auf der Höhe. „Deshalb ist es sinnvoll, die Unterkünfte zu dezentralisieren und alle Schulbezirke in die Pflicht zu nehmen.“

Für die Schulen sei es eine „ernorme Herausforderung“, Flüchtlingskinder aufzunehmen; würden viele Kinder auf einmal neu dazu kommen, wäre das System schnell überstrapaziert. „Sollten in unserem Stadtteil Flüchtlingsfamilien untergebracht werden, sind die Kinder an unserer Schule natürlich willkommen“, versichert sie. Sie fordert aber auch: „Die Personal- und Sachausstattung muss dann unbedingt aufgestockt werden und die Planungen dazu müssten sobald wie möglich anlaufen.“

Ortsräte haben das Thema im Blick

Der Ortsrat Marienburger Höhe mache sich „intensive Gedanken“ zu dem Thema, erklärt Ortsbürgermeister Norbert Frischen. Man wolle nähere Details aber erst einmal abwarten. Mit dem von der Stadt angepeilten Bezug im Herbst 2024 sei noch genug Planungszeit, meint Frischen – „und die muss man nutzen“.

„Wir haben das Thema im Auge“, sagt auch Dieter Thoms, Ortsbürgermeister Neuhof/Hildesheimer Wald/Marienrode. Der Ortsrat sei bereits im Austausch mit Kitas und Grundschulen, bei der nächsten Sitzung sollen die Leiter und Leiterinnen dort auch Gehör finden. Was die aktuelle Betreuungslage der Stadtteile angehe, sehe es „relativ eng aus“, sagt er. „Die Herausforderungen sind durchaus da und sind uns auch bewusst.“

Nordstadt: Kritik an Standortwahl

Ein Sonderfall ist die geplante Unterkunft gegenüber der evangelischen Kita Pferdeanger. Zwar gehört der Bereich geographisch gesehen zur Nordstadt, die hat aber jetzt bereits einen vergleichsweise hohen Anteil von Geflüchteten und Einwohnern mit Migrationshintergrund. Die Stadt plant deshalb, die dort untergebrachten Kinder in die Grundschule Himmelsthür zu schicken.

Glücklich ist der Ortsbürgermeister der Nordstadt, Ekkehard Domning (Grüne), über den Vorschlag nicht. Er und der Ortsrat sehen den Standort „äußerst kritisch“. Nicht nur, weil die Stadt dort die letzten Sozialwohnungen entmieten würde und die verbliebenen Bewohner und Bewohnerinnen keinerlei Perspektive sähen.

Betreuungslage ist bereits angespannt

Auch die Lösung, geflüchtete Kinder auf eine andere Schule statt die in der Nordstadt zu schicken, sei zu kurz gedacht. „Das heißt am Ende noch nicht, dass das Problem damit gelöst ist – Stadtteile wie Himmelsthür sind auch überlastet“, sagt er. „Das heißt, da muss ein Konzept entwickelt werden.“ Gleiches gelte für Kitas. „Da sagt die Stadt zwar immer, dass sie für die ganze Stadt hinreichend Plätze hat, aber wenn man in die Nordstadt reinguckt, gibt es schon jetzt nicht genügend Plätze – das ist ein drängendes Problem.“

Auch er meint aber, bis kommenden Oktober sei noch genug Zeit – die dürfe die Stadt aber nicht verstreichen lassen. „Man muss schnell sein, man hat gesehen, wie lang es dauert, bis eine funktionierende Infrastruktur da ist“, mahnt er.

Enger Austausch mit der Stadt

„Klar ist: Die Menschen kommen an, die Kinder müssen unterrichtet werden, das darf man nicht wegdiskutieren“, sagt Constantin-Wilhelm Freche, Rektor der Grundschule Himmelsthür, jener Schule, die die Situation in der Nordstadt entlasten soll. „Sie müssen an unserem Leben teilnehmen, aufgenommen werden. Die sind da, die haben ein Recht darauf, und das müssen wir möglich machen.“ Die Schulen seien „im engen Austausch“ mit der Stadt, „wir reden miteinander über Lösungen, die möglich sind“.

„Räumlich möglich, aber pädagogisch herausfordernd“ – teilt der Rektor die Einschätzung der Stadt zur Grundschule Himmelsthür? „Wir haben noch Raumkapazitäten, ja“, sagt Freche. „Aber es hängt davon ab, wie viele Kinder da kommen – unsere Raumkapazitäten sind nicht endlos.“ So werden auch beim geplanten Umbau der Schule im kommenden Jahr Räume vorübergehend wegfallen. „Da stoßen wir räumlich an unsere Grenzen.“

Pädagogisch herausfordernd, sagt er, sei es sicherlich. „Wir müssen schlicht und ergreifend Lösungen finden, bei der nicht alle an einer Schule untergebracht werden, sondern die Last auf alle verteilt wird.“ Dass das in der Umsetzung schwierig sei, immerhin macht das Schulgesetz gewisse Vorgaben, wisse er aber auch.

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