Hildesheim -
Wie bedeutend ist die mehr als 850 Jahre alte Brücke unter der Dammstraße? Und wie sollte die Stadt mit diesem Fund gehen? Die HAZ hat darüber mit Sven Abromeit gesprochen, dem Vorsitzenden des Heimat- und Geschichtsvereins
Hallo Herr Abromeit, die Stadt sagt, die Brücke sei eine Sensation. Ist das nicht zu dick aufgetragen?
Nein, keineswegs. Vergleichbare Zeugnisse haben wir in Hildesheim herzlich wenig. Mehrere Kirchen sind zwar älter, aber zerstört und wieder aufgebaut worden. Baubeginn des Rathauses war 1268, aber auch das ist beschädigt worden. Ein Steinbauwerk aus dieser Zeit ist etwas besonderes, auch im deutschen und im europäischen Rahmen.
Und es gibt sogar eine schriftliche Quelle, die zu den Funden passt – das ist selten, oder?
Sehr selten. Es gibt diese Urkunde von 1161, mit der die Verlegung des Dom-Hospitals durch Domprobst Rainald von Dassel unter dem neuen Namen Johannis-Hospital an die Innerste bezeugt wird. Aus der geht auch hervor, dass von Dassel die Brücke hat bauen lauen. Es ist ein seltenes Glück, dass sich Funde und eine schriftliche Quelle so auf einen Nennen bringen lassen.
Und dann ist die Brücke – zumindest in Teilen – auch noch gut erhalten...
Das ist in der Tat sehr besonders, immerhin ist darüber 850 Jahre Verkehr geflossen. Außerdem sind Materialien aus Bauwerken, die nicht mehr genutzt wurden, oft für andere Projekt verwendet worden – bei der Dammtorbrücke, die 1818 entstand, sind zum Beispiel Steine aus den abgerissenen Stadttoren zum Einsatz gekommen. Rohstoffe waren immer teuer; man hat versucht, so viel davon wieder einzusetzen wie möglich. Es ist eine Besonderheit, dass die jetzt entdeckte Brücke dennoch so lange Zeit im Boden geblieben ist.
Hätte man nicht vor Beginn der Kanalarbeiten damit rechnen müssen, die Brücke zu entdecken? Dass es sie gab, war ja durch Quellen bekannt.
Diese Wissenschaft hat lange über den genauen Standort diskutiert und gerätselt. Oft wurde falsch angenommen, dass es sich bei der Johannisbrücke, die in der Nähe liegt, um diese steinerne Brücke handelt. Nein, die Stadt oder die Stadtentwässerung hätten den Standort nicht wissen müssen, ihnen ist kein Vorwurf zu machen.
In der Politik hat die Debatte darüber begonnen, was nun mit der Brücke passieren soll. Was meinen Sie?
Ideal wäre es natürlich, so wie es die Stadt Köln gemacht hat, ein gläsernes Fenster in die Fahrbahn einzulassen, um dadurch in die Vergangenheit blicken zu können. Aber das wird angesichts der Verkehrsbelastung der Dammstraße sicher schwierig. Aber es wäre schon schön, die Brücke, für die heutigen Zeitgenossen sichtbar zu machen.
An Ort und Stelle?
Das wird direkt am Standort der Brücke nicht gelingen. Sie im Boden so gut wie möglich zu erhalten, wäre ein Kompromiss, mit dem ich gut leben könnte. Denn damit gäbe man späteren Generation die Möglichkeit, die Brücke noch einmal anzufassen, wenn sich der Verkehr so entwickelt, dass man vielleicht nur noch Fahrräder auf die Dammstraße lassen kann.
Die Stadt hatte ursprünglich angekündigt, die vordere Reihe einer Brückenseite – die Sichtsteine – zu bergen und vielleicht in der Nähe zu zeigen. Was halten Sie davon?
Das wäre ein Möglichkeit. Entweder sollte man die Steine vor dem Rest der Stadtmauer an der Dammstraße aufstellen oder auf der Wiese gegenüber in der Senke in Richtung Kalenberger Graben. Man sollte außerdem mit einem Schild an der Stadtmauer auf den Fund der Brücke und ihre Geschichte hinweisen.
Wie bedeutend war eigentlich Auftraggeber Rainald von Dassel?
Er ist neben Bischof Bernward eine der größten Gestalten im Mittelalter aus Hildesheim. Er stammte aus sächsischem Adel, war mit Heinrich dem Löwen verwandt. Von Dassel besuchte in Hildesheim die Domschule, wurde Domprobst, später Erzbischof von Köln. Er absolvierte zwar eine kirchliche Laufbahn, war gleichwohl Kaiser Friedrich Barbarossa verpflichtet, der ihn zum Kanzler machte. Er war reich begütert: Um ein Hospital zu bauen und eine Brücke zu stiften, dafür brauchte man auch damals schon ein bisschen Kleingeld.
War von Dassel nur Lichtgestalt?
Er war auch Feldherr des Kaisers und als solcher für die Zerstörung Mailands verantwortlich – aus italienischer Sicht ist das sicher kein Ruhmesblatt. Aber er hat bei der Gelegenheit die Gebeine der Heiligen Drei Könige in seine neue Heimat Köln gebracht und damit den Aufschwung der Stadt durch Wallfahrten befördert. Für Hildesheim hat er immerhin drei Finger der Heiligen übrig gehabt, die auf den Stern von Bethlehem gezeigt haben sollen – sie sind heute noch Teil des Domschatzes.
Bauherr stieß auf Skepsis
Die steinerne Brücke über die Innerste wird in Biographien Rainald von Dassels immer wieder thematisiert, weil es die erste ihrer Art in der Stadt Hildesheim war – und durchaus nicht nur auf Beifall stieß. Denn bis dahin waren in Hildesheim und den Städten im weiteren Umkreis Holzbrücken Standard. Was für eine fundamentale Veränderung gegenüber den bisherigen Gepflogenheiten eine Steinbrücke für die Zeitgenossen bedeuten musste, kann man heute vermutlich kaum ermessen.
Von Dassel hatte die Idee offenbar aus Regensburg mitgebracht – die dortige steinerne Brücke über die Donau gilt als das älteste erhaltene Bauwerk dieser Art aus dem Mittelalter in Deutschland. Um die Hildesheimer zu überzeugen, musste er sein ganzes Renommee in die Waagschale werfen. Auch in Köln wollte von Dassel eine steinerne Brücke bauen lassen – und zwar ein deutlich imposanteres Bauwerk als in Hildesheim: Die Brücke sollte über den Rhein führen. Zum Bau kam es aber nicht mehr, da von Dassel auf einem Italien-Feldzug Barbarossas im Jahr 1167 starb. Zuvor hatte er Rom erobert.
Von Tarek Abu Ajamieh


