Hildesheim - Christoph Salzmann neigt nicht zur Übertreibung, der Stadtarchäologe ist der wissenschaftlich-zurückhaltende Typ. Doch als er vor kurzem im Ausschuss für Stadtentwicklung über das mögliche Alter der historischen Brücke unter der Dammstraße sinnierte, deren Entdeckung seit Mai den Verkehr dort lahmgelegt, erlaubte sich Salzmann einen emotionalen Moment: Es könne sein, dass das Bauwerk aus der Zeit des einstigen Hildesheimer Domprobstes und späteren Reichskanzlers Rainald von Dassels stamme. „Und das wäre ziemlich cool.“
Nun steht fest: Die Brücke entstand wahrhaftig zur Zeit von Dassels. Sie ist damit über 850 Jahre alt. Salzmann weiß das so genau, weil er mehrere Proben der Holzkohle aus dem Mörtel eines Brückenpfeilers in einem Fachlabor hat untersuchen lassen. Dieses ermittelte anhand von Kohlenstoffteilchen, aus welcher Zeit die Holzkohle stammt. Eine der Proben ist mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit zwischen 1022 und 1154 gebrannt worden, eine zweite zwischen 1024 und 1157. Rainald von Dassel lebte von 1120 bis 1167 – das passt also.
Urkunde belegt: Von Dassel hat Brücke um 1160 bauen lassen
Dass der damals prominente Hildesheimer sogar konkret mit der Dammstraßen-Brücke zu tun hatte, belegt ein Dokument aus dieser Epoche: Im Jahr 1161 beurkundet ein Bischof darin die Verlegung des Domhospitals, aus dem dann das Johannishospital wurde, an die heutige Bischofsmühle – und zwar auf Betreiben von Dassels. Dieser ließ laut Urkunde zudem eine steinerne Brücke über die Innerste bauen und bezahlte diese auch.
Das ist eine Sensation
„Das ist eine Sensation“, sagt Salzmann. Denn damit gehört die Brücke unter der Dammstraße gemeinsam mit der berühmten Donau-Brücke in Regensburg – sie wurde vermutlich noch ein paar Jahre früher errichtet – zu den ältesten erhaltenen steinernen Bauwerken dieser Art aus dem Mittelalter in ganz Deutschland.
Vom ersten Brückenbogen war kaum noch etwas übrig
Wie das Pendant in Regensburg ist auch die von-Dassel-Brücke in Hildesheim noch gut in Schuss. Zumindest gilt das für jene zwei Bögen, die bislang von den Archäologen freigelegt worden sind. Die Experten arbeiten sich seit Anfang November stadtauswärts auf der Südseite der Brücke Stück für Stück in Richtung Moritzberg vorwärts. Die Baufirma, die für die Stadtentwässerung in der Gegend die Kanäle saniert, hebt ihnen dazu einen Grabungsschacht aus – los ging es kurz vor der heutigen Innerstebrücke, weil auch dort ein Brückenbogen vermutet wurde.
Von dem sei allerdings so gut wie nichts mehr übrig, berichtet Gregor Brose. Doch auf dem folgenden Abschnitt in Richtung Moritzberg wurden der Archäologe von der Firma Archaeofirm und seine Kollegen fündig: Sie stießen nicht nur auf die beiden Bögen, sondern auch auf das Fundament eines Wehrturms. Er grenzt ziemlich genau im rechten Winkel an die Brücke und gehörte einst zur Stadtbefestigung. Zu welcher Zeit genau, da mag sich Stadtarchäologe Salzmann nicht festlegen.
Fundament eines Turms entdeckt, der zum Dammtor gehörte
Umso sicherer ist er beim Alter eines weiteren Turms, dessen Fundament etwa 50 Meter weiter westlich bei den parallel laufenden Kanalarbeiten entdeckt wurde: Das Bauwerk war Teil der Erweiterung der Stadtbefestigung im 16. Jahrhundert, es ist auf mehreren historischen Karten verzeichnet – darunter eine des bekannten Kupferstechers Merian von 1653. Salzmann ist überzeugt: „Der Turm gehörte zum damaligen Dammtor.“ Was das Fundament nicht davor bewahren wird, der Kanaltrasse weichen zu müssen – wie zuvor die Reste des Chors der Johanniskirche und ein Friedhof, die bei den Kanalarbeiten gefunden worden waren.
Doch wie geht es jetzt mit der unterirdischen Brücke weiter – und was heißt das für deren Sperrung? Das lässt sich noch nicht genau sagen, heißt es von Seiten der Stadt. Zunächst müssen die restlichen Brückenbögen freigelegt werden. Wie viele das genau sind, ist ungewiss, es könnten bis zu vier sein.
Politiker machen sich für Erhalt weiterer Brückenteile stark
Die Archäologen dokumentieren die Funde jeweils; nach den ursprünglichen Plänen wollte die Stadt die Brücke anschließend mit samt der Hohlräume unter den Bögen verfüllen– ihretwegen ist die Fahrbahn wegen der damit einhergehenden Einsturzgefahr überhaupt gesperrt. Doch zunächst müsse ein Gutachter die Beschaffenheit des Bodens feststellen, sagt Stadt-Mitarbeiter Nils Rühmann. Daraus ergebe sich, ob eine andere Technik erforderlich sei, um die Belastbarkeit der Dammstraße auf Dauer zu sichern. Das könnte auch Folgen für die Länge der Arbeiten haben – derzeit geht die Stadt davon aus, dass sich diese auf jeden Fall bis ins Frühjahr dauern. Einen genauen Termin könne man aber nicht nennen, sagt Rathaus-Sprecher Helge Miethe.
Unklar ist auch, ob es dabei bleibt, dass die Stadt nur die vorderste Steinreihe der Brücke bergen will, um sie später einmal auszustellen. Bei einem Ortstermin mit dem Ortsrat und dem Ausschuss für Stadtentwicklung dieser Tage äußerten mehrere Politiker den Wunsch, mehr von dem Bauwerk zu erhalten und auch zu präsentieren – gerade angesichts der wissenschaftlichen Bedeutung der Brücke, die nun feststehe.
Veranstaltung für Bürger am Grabungsschacht geplant
Stadt und Stadtentwässerung bereiten zudem eine Veranstaltung für Bürger vor, die sich das Bauwerk vor Ort ansehen möchten, Details stehen noch nicht fest. Das Interesse ist groß: Regelmäßig versuchen Schaulustige, durch die Absperrungen einen Blick auf die Baugrube zu werfen.



