Kreis Hildesheim - Hochwasser überflutet das Hildesheimer Land mittlerweile im Takt weniger Jahre: 2017, 2013, 2017, 2023. Das hat freilich etwas mit den Niederschlägen zu tun – allerdings nicht mit der jährlichen Gesamtmenge. Denn die ist im Verlauf der vergangenen sechs Jahrzehnte im Kreis Hildesheim ungefähr gleich geblieben: Zwischen 1961 und 1990 waren es 713 Milliliter pro Jahr, zwischen 1991 und 2020 im Durchschnitt 719 Milliliter jährlich – also unwesentlich mehr. Warum kommt es dann immer öfter zu Überschwemmungen? Das Problem: Die Verteilung der Niederschläge hat sich massiv verschoben. Im Frühjahr und Sommer fällt weniger Regen, dafür im Herbst und Winter umso mehr. Das macht sich seit Weihnachten durch das aktuelle Hochwasser bemerkbar.
Verschiebung der Niederschläge ist ein langfristiges Phänomen
Dass die Verschiebung der Niederschläge ein langfristiges Phänomen und eine Folge des Klimawandels ist, macht ein Klimasteckbrief für den Kreis Hildesheim deutlich. Den hat das Niedersächsische Kompetenzzentrum Klimawandel (NIKO) zusammen mit der Klimaschutzagentur des Landkreises Hildesheim erstellt. Die 30-Jahre-Zeiträume, die dabei gewählt wurden, sind eine Empfehlung der Weltorganisation für Meteorologie.
Die Daten für den Kreis Hildesheim (siehe Tabelle unten) zeigen eindeutige Trends: Im Frühjahr ging die Niederschlagsmenge von 175 Milliliter (1961 bis 1990) auf 156 Milliliter (1991 bis 2020) zurück, im Sommer von 216 auf 208. Dafür wurde es in der zweiten Jahreshälfte nasser: Im Herbst stieg die Niederschlagsmenge in den entsprechenden Zeiträumen von 156 auf 177 Milliliter, im Winter von 168 auf 179 Milliliter.
Mehr Regen und weniger Schnee im Winter
Überschwemmungen werden laut NIKO auch daduch begünstigt, dass Niederschlag im Winter immer seltener als Schnee fällt, der auch für die Neubildung von Grundwasser besser ist als Regen. So gab es im Hildesheimer Land zwischen 1961 und 1990 noch durchschnittlich 38 Schneetage pro Jahr, im folgenden 30-Jahre-Zeitraum waren es 17 weniger. In den Jahren 2014 und 2020 waren sie zum Beispiel an einer Hand abzuzählen.
Dass es weniger schneit und mehr regnet, hängt mit einem anderen Faktor des Klimawandels zusammen: Die Durchschnittstemperatur im Winter ist im Vergleich der beiden Zeiträume von 0,9 auf 2 Grad gestiegen, die Zahl der Eistage von 21,6 auf 15,1 gesunken – beides fördert nicht gerade die Schneebildung.
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Starkregen vor allem im Sommer
Im Winter regnet es manchmal tagelang fast ununterbrochen, im Sommer schüttet es eher in Form von Starkregen, der typisch für die warme Jahreszeit ist. Dass die Gesamtniederschlagsmenge im Sommer im Durchschnitt nur von 216 auf 208 Milliliter zurückgegangen ist, wirkt wenig angesichts der Dürreperioden der vergangenen Jahre. Doch im Sommer kommt eben immer öfter viel Wasser in kurzer Zeit vom Himmel und kann vom Boden so schnell gar nicht aufgenommen werden. Die Folge war zum Beispiel im Jahr 2017 das schwere Sommer-Hochwasser.
Der Klimasteckbrief für die Region zeigt die Zunahme von Starkregentagen auch anhand einzelner Orte: In Sibbesse waren es im ersten untersuchten 30-Jahre-Zeitraum noch 13,3 pro Jahr, im zweiten schon 15,1, in Ottbergen stieg die Zahl von 11,5 auf 12,4.
Probleme für die Vegetation
Die veränderte Verteilung der Niederschläge ist nicht nur in Hinblick auf Hochwasser problematisch, sondern vor allem auch in Bezug auf die Vegetation. „Wasser ist die Lebensgrundlage für Mensch und Natur“, gibt das NIKO zu bedenken. Die Verteilung der Niederschlagssumme innerhalb der Jahreszeiten sei von großer Bedeutung. Denn das Wasser werde für diverse Prozesse zu unterschiedlichen Jahreszeiten benötigt. Da macht sich besonders der zunehmende Wassermangel im Frühjahr und Sommer negativ bemerkbar: „Den Pflanzen fehlt gerade in ihrer Wachstumsphase vermehrt die essenzielle Ressource Wasser“, heißt es im Klimasteckbrief.
Überschwemmungen und Hochwasser sind die andere Seite der Medaille. Und die negativen Folgen des Klimawandels könnten sich noch deutlich verschärfen, wie eine Prognose des NIKO für den Zeitraum von 2071 bis 2100 zeigt: So würde die Niederschlagsmenge im Kreis Hildesheim im Winter ohne konsequenten Klimaschutz noch erheblich auf 192 Milliliter steigen, durch verstärkten Klimaschutz immerhin auf 174 Milliliter sinken (weitere Prognosen in der Tabelle).
Wetter neigt zu Extremen
Ob nass oder trocken, das Wetter in der Region neigt stärker als in früheren Zeiten zu Extremen. Denn zum einen gab es zwei der drei trockensten Jahre seit 1931 erst nach der Jahrtausendwende, nämlich 2018 und 2022, zum anderen aber auch zwei der drei nassesten, nämlich 2002 und 2007.
Ein weiterer Klimasteckbrief von NIKO und Klimaschutzagentur widmet sich dem Wasserhaushalt – genau gesagt: der klimatischen Wasserbilanz, einem Kennwert, der sich aus der Differenz zwischen Niederschlag und Verdunstung ergibt. Die hat sich im Verlauf der vergangenen 60 Jahre auch deutlich verändert. Der Fokus liegt zwar besonders auf dem Sommer. Da hat sich die Bilanz von minus 52 Millilitern (1961 bis 1990) auf minus 92 Milliliter (1991 bis 2020) verschlechtert. Das heißt: Es ist immer weniger Wasser verfügbar, weil mehr verdunstet als nachkommt.
Im Winter ist der Gegenpol zu spüren: Die Wasserbilanz ist von plus 128 Milliliter noch auf plus 134 Milliliter gestiegen. Das bedeutet: Die Böden sind mit Wasser gesättigt. Wenn dann noch viel Niederschlag fällt, können sie das Nass nicht mehr aufnehmen – das ist auch ein Phänomen, das sich in der aktuellen Hochwasserlage zeigt.
