Kreis Hildesheim - Im Kreis Hildesheim mit dem Rad zu fahren, wird immer gefährlicher. So lässt sich die aktuelle Verkehrsunfallstatistik interpretieren. 313 Unfälle mit Fahrrädern und E-Bikes bis 25 km/h (Pedelecs) gab es im vergangenen Jahr. Das sind 50 mehr als 2021, ein Anstieg um 19 Prozent.
Auch wenn E-Bikes im Trend liegen, sind beim Großteil der Unfälle immer noch die herkömmlichen Fahrräder beteiligt. Allerdings gibt es auch bei den Pedelecs einen massiven Anstieg um 67 Prozent. Wenn auch auf noch sehr niedrigem Niveau. Insgesamt waren die Fahrräder mit Tretunterstützung im vergangenen Jahr an 47 offiziell registrieren Unfällen beteiligt. Unter den Fahrrad- und Pedelec-Unfällen waren 134, bei denen ein Auto Hauptunfallursache war, 115 mal das Fahrrad.
Unfälle oft folgenreich
Und Fahrradunfälle sind oft folgenreich für die Beteiligten, vor allem natürlich für die Radfahrer selbst. Zwei Menschen kamen im vergangenen Jahr bei Radunfällen ums Leben. 33 Menschen wurden schwer verletzt, 191 leicht.
Aber warum ist die Zahl der Fahrradunfälle so deutlich angestiegen? Günter Siewert vom Sachbereich Einsatz und Verkehr der Polizeiinspektion Hildesheim kann dies aus den Zahlen nicht ablesen. Er muss daher spekulieren. „Viele sind in der Pandemie auf das Fahrrad umgestiegen“, sagt der Experte. Entsprechend habe der Radverkehr zugenommen. Zugleich sind aber inzwischen viele Menschen nicht mehr im Homeoffice. Der Verkehr allgemein und damit auch der Autoverkehr nimmt zu, so der Experte. Je mehr Radfahrer aber unterwegs sind, desto mehr Unfälle gibt es auch. Insbesondere dann, wenn auch der Autoverkehr wieder zunimmt.
Unfälle vor allem in der Stadt Hildesheim
Vor allem in den Städten ist es für Radfahrer gefährlich. 277 Fahrradunfälle ereigneten sich innerhalb geschlossener Ortschaften, davon wiederum allein 193 in der Stadt Hildesheim. Einmündungen, enge Verkehrsführungen, Grundstücksausfahrten oder Radwege auf der Fahrbahn machen es für Radfahrer in der Stadt gefährlich.
Polizei und Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club (ADFC) appellieren unisono an alle Verkehrsteilnehmer, mehr Rücksicht zu nehmen. „Ich habe zwar Vorfahrt. Aber wenn ich sehe, das wird heikel, dann muss ich nicht darauf bestehen“, sagt Dietmar Nitsche, Vorsitzender des ADFC Hildesheim. „Das gefällt uns Radfahrern natürlich nicht“, sagt der Radfahr-Lobbyist. Schließlich wolle man zügig unterwegs sein. Aber gegenseitige Rücksichtnahme im Straßenverkehr sei der Schlüssel zu mehr Verkehrssicherheit. Auch Sievert rät zu einer „vorsichtigen, umsichtigen Fahrweise“.
Radfahrstreifen in Goslarscher Straße und am Hohnsen
Wo es für Radfahrerinnen und Radfahrer besonders gefährlich ist in Stadt und Kreis Hildesheim, kann die Polizei noch nicht sagen. Die Experten wollen sich anhand der Statistik noch angucken, an welchen Stellen es besonders häufig gekracht hat. „Da sind wir gerade in der Auswertung“, erklärt Sievert.
Fest steht allerdings jetzt schon, dass die im September 2021 neu eingerichteten Radfahrstreifen in der Goslarschen Straße die Zahl der Unfälle nicht verändert haben. Dort gab es 2022 zwei Unfälle und damit exakt so viele wie im Vorjahr. In der Goslarschen Straße waren im vergangenen Jahr zwei Autospuren zugunsten der Radstreifen aufgegeben worden. Auch in der Straße Hohnsen hatte die Stadt solche Radfahrstreifen auf der Fahrbahn eingerichtet. Da es diese aber erst seit Ende vergangenen Jahres gibt, kann die Polizei zu dieser Stelle noch keine Bilanz ziehen. Die Maßnahmen hatten bei vielen Hildesheimerinnen und Hildesheimern für Kritik gesorgt.
„Man konnte ja schlecht die Häuser verrücken“
In skandinavischen Ländern und in den Niederlanden ist es schon seit Jahren Standard, dass dem Radverkehr mehr Raum gegeben wird – zu Lasten des Autoverkehrs. Das wünscht sich ADFC-Chef Nitsche auch für Hildesheim. Die Veränderungen in der Goslarschen Straße und am Hohnsen begrüßt er daher auch. Der Platz gerade in der Goslarschen Straße sei eben begrenzt. „Man konnte ja schlecht die Häuser verrücken“, sagt Nitsche. Und die Bordsteine zu versetzen, wäre eben ein finanzielles Problem gewesen, so der ADFC-Vorsitzende.
Er wünscht sich auf jeden Fall mehr solcher Projekte, bei denen der Radverkehr mehr Platz bekommt. Und das sorge eben für mehr Sicherheit. Auch die Radverkehrsführung müsse an einigen Stellen verbessert werden. Als Beispiel nennt der Experte die Kardinal-Bertram-Straße, auf der der Radweg an einer Stelle plötzlich ende.
„Da ist noch viel zu tun“
Die Menschen würden nur dann aufs Rad umsteigen, wenn sie sich sicher fühlen. Der ADFC-Radklimatest habe aber gerade erst gezeigt, dass das noch nicht der Fall ist, so Nitsche: „Da ist noch viel zu tun.“
