Kreis Hildesheim - Immer mehr Menschen lassen sich vom Hausarzt Atteste ausstellen, wonach sie mit einem mRNA-Impfstoff wie dem Präparat von Biontech immunisiert werden sollen – und nicht mit dem Präparat von Astrazeneca. Allerdings sind diese Atteste unter Ärzten umstritten. Und rund 90 Prozent davon werden in den Impfzentren nicht anerkannt, erklärt Dr. Elmar Wilde. Der Ärztliche Leiter des Hildesheimer Impfzentrums beobachtet eine massive Zunahme solcher Atteste und schreibt jetzt eine Handlungsanweisung fürs Impfzentrum.
Damit sollen sich Situationen möglichst nicht wiederholen, wie sie das Itzumer Ehepaar Sylvia und Wolfgang Günther schildert. Der 71-jährige Wolfgang Günther hatte einen Impftermin für Montag bekommen, seine drei Jahre jüngere Ehefrau ebenfalls. Der Grund: Günther leidet schwer an Diabetes. Sylvia Günther, von Beruf Medizinisch-Technische Assistentin, wurde als pflegende Angehörige berücksichtigt.
Mit Attest, ohne Erfolg
Laut Sylvia Günther leiden beide Ehepartner zudem seit drei Jahren an wiederkehrenden, bisher nicht geklärten Fieber-Attacken. „Deshalb hat uns unser Internist Atteste ausgestellt, dass wir mit einem mRNA-Impfstoff geimpft werden sollen, da hohes Fieber zu den Nebenwirkungen von Astrazeneca gehört“, erklärt sie.
Im Hildesheimer Impfzentrum hatten die Günthers mit ihren Attesten allerdings keinen Erfolg. Und beschweren sich bitterlich über den Umgang: „Ein junger Bundeswehr-Soldat hat uns gesagt, wir seien für Astrazeneca vorgemerkt, es gebe keine Auswahl des Impfstoffs und keine Ausnahmen.“ Die anwesende Impfärztin habe sich die Atteste nicht einmal angeschaut.
„Aus medizinischer Sicht irrelevant“
Unabhängig von diesem Einzelfall beschäftigen Atteste, wonach Patienten kein Astrazeneca bekommen sollten, die Impfzentren seit kurzem intensiv. „Seitdem Astrazeneca wieder freigegeben wurde, hat das enorm zugenommen“, sagt Dr. Elmar Wilde.
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Dabei betont der Ärztliche Leiter, dass neun von zehn dieser Atteste den Hinweis beinhalteten, die Inhaber hätten bereits einmal eine Thrombose erlitten oder hätten dafür ein besonderes Risiko. Das sei aber „aus medizinischer Sicht irrelevant“, betont Wilde und beruft sich dabei auf eine aktuelle Stellungnahme der Fachgesellschaft für Hämostaseologie (Blutgerinnungheilkunde).
Wie wird es begründet?
Demnach berge der Impfstoff von Astrazeneca „kein erhöhtes Risiko dieser seltenen Komplikation“. Wildes Schlussfolgerung: Wer mit einem Thrombose-Attest zum Impfzentrum kommt, muss, wenn es ihm zugewiesen wurde, Astrazeneca nehmen oder wieder gehen.
Anders sehe das bei den zehn Prozent aus, bei denen die mRNA-Empfehlung nicht mit einem Thrombose-Risiko begründet wird: Dann solle sich der Impfarzt das Attest ansehen und im Zweifel mit Wilde Rücksprache halten. „In begründeten Einzelfällen, etwa wenn aufgrund einer fieberhaften Impfreaktion die Gefahr eines Krampfanfalls bei Epilepsie besteht, empfehle ich dann, den Impfstoff von Biontech einzusetzen.“
Welcher Impfstoff? Berechtigte sehen es auf der Einladung
Richtig so, findet Dr. Petra Lattmann, Bezirksvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung: „Derzeit können solche Atteste nur aus Vermutungen ausgestellt werden.“ Dr. Dorothea Mordeja, Leiterin des Alfelder Impfzentrums, sekundiert: „Das Ausstellen besagter Atteste halte ich nicht für sinnvoll. Besser wäre, die Hausärzte würden aufklären und ihren Patienten die Angst nehmen.“
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Impfberechtigte könnten anhand der Einladung sehen, welches Präparat für sie vorgesehen ist, erklärt Lattmann unterdessen: Liegt der zweite Termin in sechs Wochen, ist es Biontech, bei zwölf Wochen Astrazeneca. „Wenn man letzteres nicht will, kann man den Termin absagen.“
Bei erneuter Anmeldung dürfte es dann aber mindestens einige Wochen dauern, bis es einen neuen Termin gibt – erneut ohne Garantie für den Impfstoff.
