Hildesheim - Der zufällig entdeckte Hohlraum unter der Dammstraße hat nicht nur viele Hildesheimerinnen und Hildesheimer mit einer kompletten Straßensperrung in der Innenstadt konfrontiert, sondern auch den Arbeitsalltag des Stadtarchäologen Christoph Salzmann schlagartig verändert. Seit der Entdeckung am 24. Mai ist der 37-Jährige dort ständig vor Ort. Im Interview mit der HAZ spricht er über den Hildesheimer Untergrund, ein Massaker vor knapp 700 Jahren sowie den weiteren Umgang mit den städtischen Fundstücken – und natürlich, wie es mit der Straßensperrung weitergeht.
Kirchenreste, Brückengewölbe aus dem Mittelalter sind bereits unter der Dammstraße entdeckt worden – was wird dort noch zutage kommen?
Ja, das bleibt spannend. Das kann ich so pauschal nicht sagen. Auf jeden Fall weitere Gebäudestrukturen, die in der Zeit von der ehemaligen Dammstadt oder auch danach noch vorhanden waren. Vielleicht finden wir auch noch etwas von der frühneuzeitlichen Befestigung in Hildesheim. Das kann sehr gut sein. Aber grundsätzlich gilt für uns Archäologen immer das Sprichwort: Vor der Kelle ist dunkel.
Im Dunkeln war ja bislang auch der Hohlraum, der nur per Zufall entdeckt worden ist. Ist das der einzige – oder wie hohl ist Hildesheim eigentlich?
Also, da muss man jetzt keine Ängste schüren. Das ist jetzt hier schon eine außergewöhnliche Situation. Ich gehe nicht davon aus, dass Hildesheim komplett durchlöchert ist.
Hätte man aufgrund von alten Karten oder Skizzen eigentlich wissen können, dass sich unter der Dammstraße ein solcher Hohlraum befindet?
Also wir wissen auf der Basis von Karten, dass dort früher mal eine Brücke verlief. Klar. Aber wie sich so ein ehemaliges Bauwerk dann im Boden verhält, das kann man nicht vorhersagen. Die Problematik des Hohlraums in der Dammstraße wäre früher oder später sowieso aufgetreten.
Jetzt ist sie akut. Sie befinden sich als Stadtarchäologe dabei in einem Zwiespalt: Einerseits müssen Sie derzeit täglich Tausende Hildesheimer auf Umwege schicken, andererseits versuchen Sie, bislang verborgene Stadtgeschichte zu sichern.
Dieser Zwiespalt ist im Großen und Ganzen genau Alltag für uns Archäologen. Wir müssen uns immer mit vielen Meinungen, Perspektiven und Situationen auseinandersetzen können, aber wollen letztendlich ja vermitteln. Es geht um die Kulturgüter, die wir versuchen zu schützen und zu bewahren, und die Realität, in der sie aufgefunden werden. Die Grabung, die jetzt gerade so prominent im Mittelpunkt steht, ist natürlich schon eine sehr außergewöhnliche Situation – auch für mich. Dass so viele Menschen die Dammstraße gerade nicht benutzen können, ist tatsächlich eine ganz neue Dimension.
Bekommen Sie an der Grabungsstelle oft den Ärger der Leute ab?
Nein. Ganz im Gegenteil. Die meisten haben großes Interesse, finden die Funde unter ihrer Stadt sehr interessant.
Was passiert jetzt eigentlich mit den gefundenen Überresten der Johanniskirche und der mehr als 15 Meter langen Brücke?
Das kann man jetzt noch gar nicht absehen. Unsere Hauptaufgabe ist im Moment, so viel wie möglich der historischen Stücke zu sichern, zu bergen, zu dokumentieren. Das ist der erste Schritt, um die Funde zu bewahren. Wie dann mit den Fundobjekten umgegangen wird, ob sie ausgestellt werden, ob man eine Tafel installiert, im Straßenverlauf eine Markierung macht, damit sich verstehen lässt, wo die Kirche mal stand – das muss sich erst ergeben. Und hängt auch mit ganz vielen anderen Sachen zusammen: Wer bezahlt das, wo gibt es Platz, wer leistet Unterstützung und so weiter. Aber da sind wir so weit in der Zukunft, da kann ich mich gar nicht konkret äußern. Was ich mir natürlich wünsche, wäre schon, dass man in irgendeiner Form diese Vergangenheit erinnert und erlebbar macht.
Die Erinnerung an die ehemalige Dammstadt ist ja bislang eher dürftig – ein Mauerstück plus Tafel an der Dammstraße. Ist hier doch vor knapp 700 Jahren ein Massaker verübt worden – ausgerechnet am 24. Dezember 1332. Ein Ereignis, das als eines der schwärzesten Kapitel in die Hildesheimer Geschichte eingegangen ist, ähnlich wie später der 22. März 1945.
Ja, das stimmt. Ursache ist damals im Mittelalter die Konkurrenz zwischen der Altstadt und der neuen, ziemlich schnell gewachsenen Dammstadt gewesen. Sie hatte die Kontrolle über den wichtigen West-Ost-Handelsweg (Anm.d.R.: den heutigen Bergsteinweg), errungen. Ausschlaggebend für den Überfall war wohl auch, dass die Altstadt und Dammstadt sich jeweils unterschiedlichen Bischöfen angeschlossen hatten, überregionale Machtstrukturen ebenso eine Rolle spielten.
Wissen Sie, wie viele Menschen bei diesem Überfall ums Leben gekommen sind – es heißt ja, dass sämtliche Leute, selbst der Priester am Altar, ermordet wurden?
In den Quellen steht nur, soweit ich weiß, dass alle getötet und alles niedergebrannt worden war. Ich kann mir schon vorstellen, dass es sehr radikal zugegangen ist. Alles andere bleibt Spekulation. Nur mag ich nicht so gern, wenn man das Mittelalter immer als so komplett schwarz und finster hinstellt. Wir erleben heute auch noch, dass Städte und Länder brutal überfallen werden.
Interview: Renate Klink
Zur Person des Stadtarchäologen
Christoph Salzmann ist seit 2018 Archäologe bei der Stadt Hildesheim. Geboren wurde er in Rotenburg an der Fulda. Er hat Archäologie in Marburg an der Lahn studiert. Anschließend ist er an den Universitäten in Heidelberg und Marburg tätig gewesen. In der Zeit von 2016 bis 2018 hat er für das Landesamt für Denkmalpflege Hessen gearbeitet. Der 37-Jährige ist verheiratet und hat drei Kinder.
Wie lange bleibt die Dammstraße noch dicht?
Die Sperrung der Straße bleibt voraussichtlich bis mindestens zum 20. Juni weiter bestehen, sagt Stadtsprecher Helge Miethe auf Nachfrage – nicht wegen der archäologischen Grabungen, sondern wegen der fehlenden Verkehrssicherheit. Sind die Arbeiten bis zu diesem Datum noch nicht abgeschlossen, kann sich die Sperrung auch noch länger hinziehen. Sobald genauer feststeht, wie lange die Straßensanierung konkret dauert, will die Stadtverwaltung die Öffentlichkeit informieren.



