Überraschende Begegnung

Jogger trifft im Kreis Hildesheim auf neugierigen Luchs – und filmt das Tier aus nächster Nähe

Ottbergen - Eike Harms joggt regelmäßig mit seinem Hund im Bereich Ottbergen. Er hat sich immer gewünscht, mal einen Luchs in freier Wildbahn zu sehen. Nun ist es geschehen – und Harms filmte die Begegnung. (mit Video)

Luchse sind in Niedersachsen mittlerweile in einigen Bereichen wieder heimisch geworden. Auch im Raum Hildesheim. Foto: Holger Hollemann/dpa

Ottbergen - Um 5 Uhr verlässt Eike Harms am Mittwoch das Haus gemeinsam mit seinem Hund Bali. Wie so oft in der Woche joggen die zwei um diese Zeit durch den Wald bei Ottbergen. Es ist noch dunkel, als Harms mit Stirnleuchte den Kapellenberg hochläuft. Auf dem Kamm hinter der Kapelle bemerkt er wenig später ein Augenpaar, das er nicht zuordnen kann. Das war kein Reh, kein Fuchs und auch kein Waschbär, meint er sofort, das war ein Luchs.

Das Wildtier steht in der Böschung und schaut zu Harms. Wenig später, so berichtet der Ottberger später der HAZ, steht der Luchs sogar direkt vor ihm auf dem Weg – in nur etwa fünf Metern Entfernung. „Ich war völlig perplex“, sagt Harms. Sein Hund erschreckt sich offenbar und beginnt zu bellen. Daraufhin sei der Luchs leicht in die Böschung zurückgewichen. „Aber er drehte sich um und sah zu uns“, berichtet Harms. Der Läufer setzt seine Tour fort, dreht sich ab und zu um und sieht, dass der Luchs ihm im Abstand von etwa 500 Metern folgt. Harms zückt sein Handy, will ein Foto schießen, doch das wird nichts, weil es noch zu dunkel ist. Auf einem Video, dass er anschließend aufnimmt, ist die Großkatze schließlich deutlich zu erkennen.

Ergreifendes Erlebnis

Für Harms ist das Erlebnis ergreifend. Der Läufer trainiert mehrmals in der Woche zehn Kilometer rund um Orttbergen. Wenn er sich auf Ultraläufe vorbereitet, dehnt er seine Touren auf bis zu 85 Kilometer aus. „Ich habe immer zu den Teilnehmern meiner Laufgruppe gesagt, dass ich mir so wünsche, mal einem Luchs im Wald zu begegnen“, erzählt er. Nun war es also soweit. Er habe den Eindruck gehabt, dass der Luchs ihn anschaute, als ob er noch nie einen Menschen gesehen hätte, voller Neugier.

Ole Anders, Projektkoordinator des Luchsprojektes Harz, muss dem Ottberger diese romantische Vorstellung nehmen. „Der Luchs hatte wahrscheinlich den Hund im Blick“, sagt der Fachmann im Gespräch mit der HAZ. Er vermutet, dass der Luchs in der Nähe einen Rehriss hat, an dem er sich über Tage stärkt. Wahrscheinlich habe das Wildtier den Hund als potenziellen Anwärter auf seine Beute gesehen und war bereit, diese zu verteidigen. Anders und sein Team gehen solchen Hinweisen häufig nach und begeben sich am Ort der Meldung auf Spurensuche. Da Anders aber gerade an einer Tagung in Bonn teilnimmt, ist das in Ottbergen nicht möglich.

Gar nicht so scheu

Ein klassisches Missverständnis sei, sagt Ole Anders, dass der Luchs für ein scheues Tier gehalten werde. Dabei seien Luchse nicht mehr oder weniger scheu als andere Wildtiere auch. Nur, dass sie eben seltener zu sehen sind. Doch das änderte sich in den vergangenen Jahren. Ole Anders und sein Team bekommen häufiger Luchssichtungen aus dem Südwesten Niedersachsens gemeldet.

Im Alfelder Raum etwa gebe es bereits Luchsnachwuchs. 2018 ist die erste Meldung über ein Luchsweibchen mit Jungen bei ihm eingegangen, der Fachmann konnte die Sichtung auch bestätigen. Der Landkreis Hildesheim gehöre in Sachen Luchsmeldungen schon seit einigen Jahren dazu. Neu hingegen sind Meldungen aus den Höhenzügen um Salzgitter.

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Vor 200 Jahren ausgerottet

Vor 200 Jahren starben die Eurasischen Luchse in Deutschland durch die Bejagung aus. Im Jahr 2000 startete das Luchsprojekt im Harz, um die Katzenart wieder anzusiedeln, mit Erfolg. Luchse sind dort – und über das Gebiet hinaus – mittlerweile wieder Zuhause. Bei Ottbergen etwa. Für Eike Harms wird die Begegnung unvergesslich bleiben, auch wenn er nun weiß, dass das Interesse des Wildtieres eher seinem Hund Bali galt, als dem Läufer mit der Stirnlampe.

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