Mehrum - Rund ums Kraftwerk Mehrum drehen sich die Windräder, doch aus dem Schornstein dringt kein Wölkchen. Strom aus Steinkohle ist derzeit kein lohnendes Geschäft. Im Vorjahr hat das Kraftwerk wohl die geringste Strommenge seit Inbetriebnahme produziert, in diesem Jahr dürfte es ähnlich laufen. Doch die Verantwortlichen feilen längst an Plänen für die Zeit nach der Kohle. Geschäftsführer Armin Fieber treibt einen Plan voran, eine große Produktions- und Speicherstätte für Wasserstoff zu errichten und Mehrum so zu einer Schlüsselrolle bei der Energiewende zu verhelfen.
Garantie bis 2021
Die anstehenden Beschlüsse zum Kohleausstieg sorgen dabei für zusätzliche Dynamik. Klar ist, dass der Bund die Stilllegung von Steinkohle-Kraftwerken ausschreiben will, Betreiber können sich bewerben und Prämien sichern. Noch für dieses Jahr wird die erste Ausschreibung erwartet. Und es bahnt sich an, dass der Bund vor allem Kohlekraftwerke nördlich von Frankfurt vom Netz gehen lassen will. „Im Süden werden sie eher länger gebraucht, weil der Windstrom dort noch nicht in dem Maße ankommt wie erhofft“, sagt Mehrum-Geschäftsführer Armin Fieber.
Ob der Eigentümer des Kraftwerks, der tschechische Großkonzern EPH, schon 2020 bei der Ausschreibung mitmacht, ist unklar. „Das hängt auch von den endgültigen Bedingungen ab“, sagt Fieber. Tatsache ist aber, dass EPH nur eine Betriebsgarantie bis ins nächste Jahr ausgesprochen hat. Auch wenn die Personal- und Investitionsplanung auf 2024 ausgerichtet ist –in der Erwartung, nach dem Atomausstieg 2022 wieder öfter am Netz zu sein. Andererseits hat EPH im Vorjahr mit Mehrum Millionen-Verluste hinnehmen müssen und muss in diesem Jahr erneut davon ausgehen.
„Standort liegt super“
Auch nach der Stilllegung des Kohlekraftwerks wäre Mehrum ein Top-Standort für Energie-Erzeugung, da ist Geschäftsführer Fieber sicher. „Die Lage zwischen Hannover, Braunschweig und Wolfsburg mit dem VW-Werk ist hervorragend, ebenso die Anbindung an verschiedene Hoch- und Höchstspannungsnetze von Tennet.“ Erst recht, da der Netzbetreiber ein riesiges neues Umspannwerk am Kraftwerk plant. Auch große Gas-Transportleitungen gebe es in der Nähe. Schon länger liegt deshalb eine Machbarkeitsstudie für ein Gaskraftwerk in der Schublade.
Doch inzwischen verfolgt Fieber in Abstimmung mit dem Eigentümer EPH noch eine weitere Option: Wasserstoff. „Ich bin überzeugt, dass dieser eine große Rolle bei der Energieversorgung in Deutschland spielen wird“, betont der Kraftwerks-Leiter. Wasserstoff sei sowohl für Fahrzeuge als auch für Gebäude und Industrie nutzbar und könne zudem als Energiespeicher dienen, in dem etwa aus überschüssigem Windstrom durch Elektrolyse Wasserstoff gewonnen werde.
VW und Tennet eingeladen
Deshalb arbeitet Fieber daran, potenzielle Partner zusammenzubringen, um technisch und wirtschaftlich tragfähige Modelle zu entwickeln. So plant er einen Workshop unter anderem mit Vertretern von Tennet und des möglichen Großabnehmers VW. In einigen Tagen ist er zudem auf Einladung des Landesverbandes Erneuerbare Energien zu Gast bei einer Firma in Winsen/Luhe, die als erstes deutsches Unternehmen 40-Tonner auf Brennstoffzellen-Antrieb umstellt. Dort trifft er auch auf Wirtschaftsminister Bernd Althusmann. Thema der Tagung: Der Einsatz von Wasserstoff im Schwerlastverkehr.
Allerdings warnt Fieber auch vor vorschneller Euphorie: „Das ist ein hochkomplexes Thema, das hängt von vielen Rahmenbedingungen ab.“
