Kreis Hildesheim - Dass es bei den Corona-Fällen in Deutschland und damit auch im Landkreis Hildesheim eine hohe Dunkelziffer gibt, ist unter Fachleuten schon länger unstrittig. Nur wirklich fassbar ist sie nicht, bei der Größenordnung sind auch Forscherinnen und Forscher auf Schätzungen angewiesen. Erklärungen eines Hausarztes aus dem Landkreis Hildesheim machen nun allerdings deutlich, dass zwischen der Inzidenz und der Zahl der Menschen, die wegen einer Corona-Infektion krankgeschrieben sind, auch nicht zwingend ein Bezug herrscht.
Bislang war vor allem angenommen worden, dass zumindest ernsthaft erkrankte Corona-Infizierte tatsächlich in die offizielle Statistik eingehen. Wenn sie im Krankenhaus landen, sowieso, aber auch, wenn sie krank genug sind, eine Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung zu bekommen. Die Dunkelziffer, so die gängige Vermutung, machen vor allem Menschen aus, die sich zwar infizieren, aber keine Symptome haben und folglich auch nicht getestet werden.
„Mehr Positive unterm Radar“
Doch nun erklärt ein Hausarzt aus dem Landkreis: „In den vergangenen 16 Tagen haben wir Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigungen und/oder Medikamente bei 39 Patientinnen und Patienten ausgestellt und verordnet, die ausschließlich glaubhaft einen positiven Corona-Selbsttest bei entsprechenden Symptomen vorgelegt haben.“ Keiner dieser Patientinnen und Patienten sei in einem Testzentrum gewesen, unter anderem, um die 3 Euro zu sparen. „Sie wollten auch nicht unbedingt einen PCR-Test durchführen lassen. Sie haben sich freiwillig je nach Symptomen und Ausfall des letzten Selbsttests vernünftigerweise fünf bis zehn Tage isoliert.“
Auf ein Genesenen-Zertifikat hätten die Betroffenen, im Übrigen vor der Infektion allesamt mindestens dreimal geimpft, keinen Wert gelegt. „Unter dem Radar gibt es also weit mehr positive Patientinnen und Patienten, als offiziell erfasst wird“, schlussfolgert der Hausarzt, der sich indes nur anonym äußern will – wohl auch, um der Kritik seiner Berufskollegen zu entgehen.
Mordeja: „Jetzt noch nicht angebracht“
Allerdings liegt die Vermutung nahe, dass auch andere Medizinerinnen und Mediziner in Stadt und Landkreis inzwischen so agieren. Der Arzt selbst sagt sogar: „Das ist der neue Trend.“ Und es erkläre auch die nach wie vor hohen Ausfallzahlen am Arbeitsplatz trotz sinkender amtlicher Inzidenz: „Wir wiegen uns in einer falschen Sicherheit.“
Dr. Dorothea Mordeja, Vorsitzende der Ärztekammer im Bezirk Hildesheim, kritisiert das Vorgehen ihres Berufskollegen auf HAZ-Anfrage zwar nicht in Bausch und Bogen. Aber sie macht deutlich: „Die sehr eigene Handhabung des Kollegen“ sei „zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht angebracht“. Ein Satz, der auch beinhaltet: Corona wird zu einer Krankheit wie jede andere werden – aber noch ist es aus Mordejas Sicht nicht so weit.
PCR-Test am Praxisfenster
Die Ärztekammer-Vertreterin hält das Umgehen der PCR-Tests auch gar nicht für nötig. „Wenn jemand Symptome und einen positiven Schnelltest hat, machen wir es so, dass diese Menschen morgens früh am Fenster des einen Sprechzimmers einen PCR-Test bekommen. Ergebnis und Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung erhalten sie dann abends über das Handy.“ Zugleich gingen die Fälle wie vorgesehen in die offizielle Statistik ein, die Erkrankungszahlen würden nicht wie im Fall des Kollegen „verschleiert“.
