Ukraine-Krieg

Alfelder Historiker über Putin: „Stalinistische Methoden“

Alfeld - Der Historiker Bogdan Musial nahm bei einer Diskussion in Alfeld kein Blatt vor den Mund, als es um eine Bewertung des russischen Präsidenten Wladimir Putin ging.

Der in Alfeld lebende Historiker Bogdan Musial klärt Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Alfeld über Hintergründe des russischen Angriffskriegs in der Ukraine auf. Foto: Joscha Röhrkasse

Alfeld - In einem Vortrag am Alfelder Gymnasium über den Krieg in der Ukraine hat der Historiker Bogdan Musial am Dienstag harte Bandagen angelegt. Mit dem Westen und politischen Entscheidungen deutscher Bundesregierungen ging er dabei fast so hart ins Gericht wie mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin und dem russischen Imperialismus. „Wir haben das kommen sehen“, sagt Musial über sich, einige andere Historiker und Journalisten, mit denen er im Austausch stehe. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine sei keine Überraschung gewesen. Auch wenn es im Westen für viele Menschen so wirkte.

Politik und Sportvereine

Putin habe seit seiner Machtübernahme im Jahr 2000 begonnen, im Westen ein gutes Klima für seine Realpolitik zu schaffen. „Ihm ist es gelungen, auch westliche Akteure, Politiker und Journalisten zu korrumpieren“, sagt Musial. Das beste Beispiel dafür sei der Altkanzler Gerhard Schröder (noch SPD).



Auch den Namen der Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), erwähnt Musial; ebenso: Schalke 04. Der Fußballverein in der 2. Bundesliga beendete die Partnerschaft mit seinem Hauptsponsor Gazprom im Februar vorzeitig als Reaktion auf die russische Invasion in der Ukraine. Seit 2007 hatte der russische Gaslieferant den Sportclub gesponsert – laut der Bildzeitung mit jährlichen Zahlungen von neun bis 15 Millionen Euro. „Es ist viel Geld geflossen“, resümiert Musial. Auch in Österreich und den Niederlanden sei das der Fall gewesen.

Warum wurde das nicht berichtet?

„Warum wurde nicht über den Tschetschenienkrieg berichtet? Was war mit Aleppo, dem Angriff auf die Krim 2014?“ Schon damals habe es Säuberungen gegeben. „Menschen wurden in Schächte geworfen und es gab große Fluchtbewegungen. In der Berichterstattung war das kaum Thema“, kritisiert Musial. Der Historiker ist sich sicher: Putin hat seinen Einfluss im Westen seit seiner Machtübernahme so ausgebaut, dass ihm die Politik – insbesondere die Deutsche –, aber auch die Presse auf eine Weise zugeneigt waren, die dem russischen Staatschef großen Handlungsspielraum erlaubte.

„Was er in der Ukraine macht, ist nichts Neues“, sagt Musial. Nicht neu für die russische Geschichte – der Historiker erinnert da etwa an die kriegerischen Handlungen der Bolschewiki Anfang der 1920er-Jahre, als die Ukraine infolge der Februarrevolution 1917 erstmals für ihre eigene Unabhängigkeit kämpfte –, aber ebenso wenig neu für Putin. Als früherer Chef des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB war Putin in beide Tschetschenienkriege verwickelt. Laut der deutschen Journalistin Katrin Eigendorf hat Putin 1999 zwei Anschläge auf Wohnhäuser in Moskau mit rund 300 Zivilopfern inszeniert, um die Fortsetzung des Tschetschenienkrieges zu rechtfertigen. In beiden Tschetschenienkriegen dokumentierten Menschenrechtsorganisationen schwere Menschenrechtsverletzungen, ähnlich denen, die jetzt in der Ukraine beobachtet werden.

Auslöschen, was er nicht beherrschen kann

„Putin geht nach denselben Methoden vor wie Stalin“, sagt Musial. „Männer liquidieren, Frauen und Kinder deportieren.“ Der russische Staatschef habe sich vorgenommen, den ukrainischen Staat auszulöschen, wenn er ihn nicht beherrschen könne. Und: „Putin hat diesen Krieg lange vorbereitet.“ Schon der Bau der Gas-Pipline Nord-Stream 1 habe dazu gedient, die Ukraine wirtschaftlich zu isolieren. Deutschland habe da mitgespielt.

„Was hätten wir für Alternativen zur russischen Energie?“, hakt der Geschichtslehrer Marcel Labitzke nach. „Deutschland braucht Rohstoffe“, räumt Musial ein. „Aber wenn man Nord Stream wirtschaftlich und klimapolitisch betrachtet, war das Schwachsinn. Wir hatten genug Pipelines.“ Russland habe die Pipelines nur bauen wollen, um die Ukraine und Weißrussland erpressen zu können. Deutschland müsse sich überlegen, mit wem es Geschäfte machen wolle, betont Musial. „Das Argument war ja immer, dass selbst im kalten Krieg der ideologische Feind zuverlässig geliefert hat“, heizt Labitzke die Diskussion weiter an. Der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) habe für die Anerkennung des Status Quo sogar den Friedensnobelpreis erhalten, betont der Geschichtslehrer.

Deutsch-Sowjetische Verträge waren „Antideutsch“

Doch Musial bleibt kritisch, nennt die 1970 geschlossenen Verträge zum Bau einer deutschen Pipeline, welche die Sowjetunion mit Erdgas bezahlen sollte, sogar „Antideutsch“. Warum? „Weil dieses System die Sowjetunion stabilisiert hat.“ Ohne das wäre „dieses verbrecherische Regime“ vielleicht schon früher zerbrochen, wodurch es schon Jahre vorher zur deutschen Wiedervereinigung hätte kommen können, glaubt Musial.



Für Russland zähle nur Sieg oder Niederlage, meldet sich der Zwölftklässler Efecan Güsel zu Wort. Er will wissen, wie der Historiker die jeweiligen Chancen bewertet. „Ich weiß nicht, wer gewinnt, aber die Ukrainer haben einen starken Kampfwillen.“ Wichtig seien jetzt auch die europäischen Sanktionen. „Russland ist vom Handel mit Rohstoffen abhängig und um die zu erschließen, braucht es westliche Technologien.“

Die Schülerin Alizée Collin ist besorgt um die Folgen der Inflation in Deutschland. Gerade Menschen aus unteren Bevölkerungsschichten litten derzeit darunter, sagt sie und will von dem Historiker wissen, welche Handelsbeziehungen da gegensteuern könnten. „Die Menschen in der Ukraine denken nicht über die Inflation nach. Da werden Leute massakriert“, erwidert Musial kühl. „Menschenleben stehen bei mir aus ethischer Sicht über allem“, unterstreicht Collin. Aber auch hier fürchteten Menschen um ihre Existenz, sagt sie. Für die Zukunft, schließt Musial, gehe es darum, solche Situationen zu vermeiden.

Von Joscha Röhrkasse

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