Fahrradfahren

Mehr Fahrrad-Unfälle in der Region: Welche Gefahren lauern und warum eine Hildesheimer Straße als Negativbeispiel taugt

Kreis Hildesheim - Laut der Polizei steigt die Zahl an Fahrrad- und Pedelecunfällen in der Region Hildesheim. Woran liegt das, wie gefährdet E-Bike-Fahrer sind und anhand welcher Straße der ADFC häufige Gefahrensituationen erklärt.

Die Anzahl der Fahrradunfälle in Stadt und Landkreis Hildesheim ist laut Polizei 2022 gestiegen. Foto: Julia Moras

Kreis Hildesheim - In Stadt und Landkreis Hildesheim hat es 2022 mehr Fahrradunfälle gegeben als noch im Jahr zuvor. Wie Polizeisprecher Jan Makowski der HAZ auf Nachfrage mitteilte, habe es im vergangenen Jahr eine Zunahme im mittleren zweistelligen Bereich gegeben. Eine genaue Zahl konnte die Polizei nicht nennen, da das Land Niedersachsen die Unfallstatistik für 2022 noch nicht freigegeben hat.

Zusammenfassend kann Makowski aber sagen: „Die Tendenz ist steigend.“ Auffällig dabei ist auch eine Unfallzunahme im Bereich der sogenannten Pedelecs. Das sind Fahrräder mit einer elektrischen Unterstützung bis 25 Stundenkilometer. Auch hier habe es gegenüber den Vorjahren eine Unfallzunahme im knappen zweistelligen Bereich gegeben. Deutlich unauffälliger sind die Unfallzahlen von E-Bikes. Das sind Fahrräder mit Elektromotor, die auf Knopfdruck und ohne Trittunterstützung fahren. „In den Jahren 2012 bis 2021 gab es insgesamt im Landkreis nur 35 Unfälle mit einem E-Bike“, sagt Makowski.

Die meisten Unfälle ereignen sich im Stadtgebiet

Landkreisweit ereignen sich die meisten Fahrradunfälle im Stadtgebiet Hildesheim. Das geht zumindest aus den Daten für 2021 hervor. Da hat es laut Makowski 153 Unfälle gegeben, an denen Rad- oder Pedelec-Fahrende beteiligt waren. Im gesamten Landkreis waren es 259 solcher Unfälle. An 213 davon waren Kraftfahrzeuge wie Autos, Wohnmobile oder Lastwagen beteiligt. Im Stadtgebiet hat die Polizei 2021 insgesamt 123 Fahrradunfälle registriert, an denen Auto, Wohnmobil oder Lastwagen beteiligt waren.

Sind mit E-Bike und Pedelec auch neue Gefahren in den Straßenverkehr eingezogen? Und woran könnte das liegen? „Pedelecs steigern für alle Altersgruppen die Mobilität“, sagt Polizeisprecher Makowski. Durch die Motorunterstützung würden längere Strecken und auch bergiges Gelände befahren, wo früher kaum mit Fahrradfahrern zu rechnen gewesen sei. Die Motorunterstützung erlaube es mit einer relativ geringen Tretfrequenz, eine Geschwindigkeit von 25 Stundenkilometern zu erreichen und zu halten. „Andere Verkehrsteilnehmer schätzen diese Geschwindigkeit oft falsch ein“, so Makowski. Der Pedelec-Fahrer selbst fahre mit einem schweren Gefährt hohe Geschwindigkeiten und nutze dann hochmoderne Bremssysteme. „Er selber muss sich mit dem Gefährt vertraut machen und seinen Fahrstil seinem Fahrkönnen anpassen.“

Polizei vermutet hohe Dunkelziffer bei Alleinunfällen

Die Polizei vermutet eine sehr hohe Dunkelziffer bei den sogenannten Alleinunfällen, an denen nur die Verursacherinnen und Verursacher beteiligt sind und kein Fremdverschulden vorliegt. Besonders für Senioren empfiehlt die Polizei deshalb das Seminar „Fit mit dem Pedelec“. Das wird angeboten von der Verkehrswacht und dem Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC).

Dessen Vorsitzender Dietmar Nitsche meint, dass viele Gefahrensituationen für Fahrradfahrende mit einer mangelhaften Aufklärung vieler Verkehrsteilnehmenden zu tun hat. Als Beispiel nennt er die Hohnsenstraße, wo es seit 2022 einen Schutzstreifen für Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrer auf der Straße gibt. Obwohl dort – er habe das anhand einer Karte des Bauamts nachgeprüft – auf etwa 60 Prozent der Strecke Fahrradfahrende auf dem Schutzstreifen nach den Straßenverkehrsregeln gar nicht überholt werden dürften, passiere das an nahezu jedem Abschnitt der Straße. Was offenbar vielen Autofahrenden nicht klar ist: „Man muss immer den Abstand von 1,50 Metern zum Radfahrenden halten“, betont Nitsche. Im Regelfall sei man als Radfahrender mit der Außenkante des Lenkers auf Höhe der gestrichelten Linie des Schutzstreifens. Ein Auto müsste beim Überholen dann also noch einmal mindestens 1,50 Meter nach links ausscheren. Das sei an vielen Stellen aufgrund anderer Verkehrsregeln wie durchgezogener Mittellinien gar nicht möglich.

Besonders gefährlich: Abbiegende Fahrzeuge

Als besonders gefährlich für Fahrradfahrende schätzt Nitsche linksabbiegende Fahrzeuge ein. Da bestehe häufig die Gefahr, dass Fahrräder von Fahrerinnen und Fahrern der Kraftfahrzeuge übersehen werden können. „Es gibt auch Fahrradwege, die in beide Richtungen zugelassen sind.“ Aber auch rechtsabbiegende Fahrzeuge könnten für Menschen auf dem Fahrrad zur Gefahr werden, insbesondere Lastwagen. Die hätten beim Rechtsabbiegen einen großen toten Winkel. Nitsche sieht aber auch Radfahrende in der Pflicht, den Verkehr sicherer zu gestalten. „Radfahrer sollten unbedingt immer ein Handzeichen geben beim Abbiegen“, sagt er. Um sich vor schweren Unfallfolgen zu schützen, empfehlen Polizei und ADFC das Tragen eines Sturzhelmes. „Fahrräder haben keine Knautschzone und im Jahr 2021 kam es bei 195 Unfällen zu Verletzungen“, berichtet Polizeisprecher Makowski. Der Helm könne vor Verletzungen schützen oder deren Ausmaß mindern.



Seit 2012 sind im Landkreis Hildesheim 18 Menschen bei einem Unfall mit dem Fahrrad ums Leben gekommen. Acht davon verstarben im Stadtgebiet Hildesheim. In vier der Fälle im gesamten Landkreis verunglückten die Menschen mit einem Pedelec.

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