Wichtiger Abschnitt

Archäologen und Bauforscher beenden ihre Arbeit in der Hildesheimer Dammstraße – aber sie könnten wiederkommen

Hildesheim - Die Wissenschaftler haben ihre Arbeit in Hildesheim getan, zumindest die Bestandsaufnahme vor Ort ist abgeschlossen – nun geht es an die Auswertung und Dokumentation der Ergebnisse.

Hildesheim - Für Außenstehende ist es kaum sichtbar, doch in der Dammstraße, am Fundort der historischen Brücke, ist ein wichtiger Arbeitsabschnitt zu Ende gegangen: die Bestandsaufnahme und die Vermessungen vor Ort. Durchgeführt wurden die zum einen von den Archäologen des Landesamtes, zum anderen von einer Gruppe von Studierenden der Technischen Universität (TU) Braunschweig. Beide haben hier die vorhandenen Fragmente untersucht, teils sogar selbst freigelegt – und werten sie nun für ihre jeweiligen Fachgebiete aus.

Während das Team aus Hannover unter Leitung von Dr. Markus Blaich, Referent für Mittelalterarchäologie im Landesamt für Denkmalpflege sowie stellvertretender Leiter der Abteilung Archäologie, in den vergangenen Monaten eben vor allem archäologische Untersuchungen anstellte, geht es den Studierendenden und Ulrike Fauerbach als Professorin für Baugeschichte und Baukonstruktionsgeschichte an der Braunschweiger Uni um eine bautechnische Untersuchung der Brücke.

Ein möglichst lückenloses Bild soll entstehen

Und die soll am Ende ein möglichst lückenloses Bild des aus dem 12. Jahrhundert stammenden Bauwerks liefern – also zum Beispiel Erkenntnisse darüber, wie breit und wie lang die Brücke ursprünglich gewesen ist. Ein Team der Hochschule war seit einigen Wochen unter anderem dabei, die sichtbar gewordenen Teile zu vermessen, um daraus das gesamte historische Bauwerk in seinen Ausmaßen zeichnerisch rekonstruieren zu können. Außerdem versuchen die Experten aus Braunschweig herauszufinden, wie die Erbauer der Brücke vorgegangen sind.

Während ihrer Arbeit waren die Studierenden meist in der Baugrube selbst zu finden – neben sich Werkzeuge wie Pinsel, Kelle, Handfeger, Skizzenblöcke und jede Menge Messgeräte, aber auch aufgeklappte Laptops, um wichtige Daten sofort eingeben und festhalten zu können. Ein Bild der Verbindung von Theorie und Praxis, die für die Studierenden auch in Braunschweig immer wichtig ist.

Pinsel und Skizzenblock, aber auch ein Laptop dabei

Kurz gesagt sind Funde das, was man mitnehmen kann, und Befunde das, was da bleibt.

Theresa Pommer, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Braunschweig

Dabei waren, ähnlich wie man es aus Kriminalfilmen kennt, wenn dort am Tatort die verschiedenen Beweisstücke für Fotos nummeriert werden, überall kleine Kärtchen zu sehen, um Stellen zu markieren. „Ja, das sind sogenannte Befundkärtchen“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Theresa Pommer und erklärt: „Wir unterscheiden zwischen Funden, also den potenziell beweglichen Gegenständen, und zwischen Befunden, den unbeweglichen Strukturen. Kurz gesagt sind Funde das, was man mitnehmen kann, und Befunde das, was auf jeden Fall da bleibt.“

Heikel und zeitaufwändig an dem Projekt: Die Brücke wird nicht nur von einem Standpunkt aus vermessen, sondern von jedem denkbaren Punkt aus. „Es geht dabei darum, dass kein Stück und kein Winkel unerfasst bleibt“, sagt Ulrike Fauerbach – und das, obwohl von den Archäologen im Laufe ihrer Grabungen und der Freilegung immer wieder neue Teile zutage gefördert werden, neue Winkel hinzukommen. „Die müssen wir dann natürlich auch einbeziehen“, so die Professorin. Leerstellen oder weiße Flecken auf dem Papier, die soll es nicht geben.

Andere Lehrveranstaltungen der Uni müssen weiterlaufen

Zudem ist das Projekt für die Gruppe von Studierenden und ihren Betreuern deshalb eine Herausforderung, weil der restliche Uni-Betrieb in Braunschweig wie gewohnt weitergeht. Die Arbeiten an der alten Brücke seien überaus spannend und die Chance, hier dabei zu sein, etwas ganz Besonderes, sagt Fauerbach. „Aber wir können deshalb nicht alle anderen Lehrveranstaltungen absagen.“ Und Pommer ergänzt: „Wir haben Vorlesungen, die wir vorbereiten müssen, wir haben weitere Projekte, an denen wir arbeiten oder auch schon vorher gearbeitet haben.“

Theresa Pommer hat nicht nur die laufenden Arbeiten in Hildesheim wie auch zuvor schon andere Projekte in der Arbeit mit Studierenden betreut, sie selbst promoviert auch gerade über einen historischen Fund in der Türkei. Auch dort sind Arbeiter wie in Hildesheim mit der Freilegung und Bergung beschäftigt. „Wir sind meistens mit Bauten in Deutschland beschäftigt“, sagt sie, „aber mitunter arbeiten wir auch im europäischen Ausland oder sogar im außereuropäischen.“ Auch Ägypten sei für die Bauforschung ein wichtiges Land.

Wir verschaffen uns einen Überblick darüber, wie groß die Brücke tatsächlich war.

Ulrike Fauerbach, Professorin für Bauforschung

Die ganze Stadtgeschichte in einem Bauwerk verdichtet

Was für Hildesheim nun vor allem ansteht, ist das Einbringen aller gewonnenen Erkenntnisse in eine 3D-Ansicht der einstigen Brücke. „Bislang wissen wir immer noch nicht, was die Brücke für ein Gefälle hatte“, sagt Fauerbach. „Wir verschaffen uns deshalb einen Überblick darüber, wie groß die Brücke tatsächlich war.“ Auch die Statik spiele dabei eine Rolle, deren Untersuchung sich einer der Studierenden hier zu seiner besonderen Aufgabe gemacht habe.

Auch wenn die Auswertung aller aufgenommenen Daten nun noch etwas Zeit in Anspruch nehmen wird – voraussichtlich bis Ende des Jahres – , eins stehe zweifellos fest, so Fauerbach: „Die Brücke in Hildesheim ist von ihrer Seltenheit und vom baulichen Zustand her etwas sehr Besonderes.“ Für die Öffentlichkeit wäre es gut gewesen, „Die Brücke hätte es verdient, dass sie offenbleibt, um von allen gesehen und wahrgenommen zu werden.“

Eine angemessene Dokumentation

Und was werden die Hildesheimerinnen und Hildesheimer über die gewonnenen Erkenntnisse erfahren? Immerhin zeigten sich viele von ihnen sehr an den Arbeiten der Wissenschaftler und den historischen Hintergründen des Brückenbaus interessiert: 150 Menschen hätten an den Führungen über die Baustelle teilgenommen, so Archäologe Markus Blaich. „Auch deshalb werden wir versuchen, eine angemessene Dokumentation zu erstellen, die dann auch öffentlich sichtbar sein soll.“

Fachlich gesehen ist der Brückenfund für uns ein absoluter Glücksfall gewesen.

Archäologe Markus Blaich

Laut seinen Angaben wird die Grabungsstelle selbst nun erst einmal wetterfest gemacht. Das Ende der Arbeiten sieht auch Blaich mit gemischten Emotionen. „Fachlich gesehen ist der Brückenfund für uns ein absoluter Glücksfall gewesen. Man kann daran, vom Bau bis zur Zerstörung, im Grunde die ganze Stadtgeschichte Hildesheims ablesen.“ Verdichtet wie unter dem Mikroskop liege sie vor einem, komprimiert in einem einzigen Bauwerk.

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