Mehrum - Das Steinkohle-Kraftwerk Mehrum hat seine letzte Kilowattstunde Strom produziert. Auf der Anlage in der Gemeinde Hohenhameln haben nun die Arbeiten zur Stilllegung des Kraftwerks begonnen. 123 der knapp 140 Beschäftigten haben die Kündigung erhalten, offizieller letzter Arbeitstag für sie alle ist der 30. September dieses Jahres.
15 Verbliebene sollen das erhoffte Gaskraftwerk planen
„Dieses Datum haben wir unabhängig von den tatsächlichen Kündigungsfristen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewählt“, berichtet Geschäftsführer Armin Fieber auf HAZ-Anfrage. Allerdings muss sich wohl nur ungefähr die Hälfte der Betroffenen tatsächlich einen neuen Job suchen. Fieber selbst bleibt mit einem Team von rund 15 Beschäftigten vor Ort. Ihre Aufgabe: Die Planung des vom Eigentümer-Konzern EPH angestrebten Gaskraftwerks an gleicher Stelle voranzutreiben.
Das Kraftwerk Mehrum war ursprünglich schon im Spätherbst 2021 vom Netz gegangen, nachdem sich der Betreiber im Zuge des Kohleausstiegs erfolgreich in einer Ausschreibung zur Abschaltung von Kohlekraftwerken beworben und sich eine Stilllegungs-Prämie gesichert hatte. Doch nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und dem Einbruch der russischen Erdgas-Lieferungen an Deutschland hatte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) Mehrum und einige andere Kohlekraftwerke noch einmal aus der Reserve geholt. Sie sollten weiter Strom produzieren – anstelle von Gaskraftwerken, um Gas zu sparen.
Nochmal viel CO2 ausgestoßen
Und vor allem in den vergangenen drei Monaten war die Anlage noch einmal überdurchschnittlich stark gefragt. 498 Millionen Kilowattstunden Strom produzierte das Steinkohle-Kraftwerk von Jahresbeginn bis Ostern – das entspricht dem Bedarf von mehr als einer halben Million Durchschnitts-Haushalten in diesem Zeitraum. Im Jahr 2022 hatte die Anlage nach ihrem Neustart im August noch einmal rund eine Milliarde Kilowattstunden Strom produziert. Im gesamten Vorjahr war der Bedarf an Kohlestrom aus Mehrum merklich geringer und lag „nur“ noch bei 610 Millionen Kilowattstunden, in diesem Jahr ist er – in Relation zur Zeitspanne – wieder gestiegen. Doch nun ist endgültig Schluss. Erneuerbare Energien und Stromimporte sollen das ausgleichen.
Die Verlängerung des Kraftwerks-Betriebs in Mehrum hatte auch Auswirkungen auf die Umwelt. Allein durch die Stromproduktion in den ersten drei Monaten dieses Jahres wurden noch einmal knapp 462.270 Tonnen CO2 in die Atmosphäre gepustet. Das entspricht grob dem CO2-Ausstoß von gut einer Million Mittelklasse-Autos im gleichen Zeitraum.
Ein Drittel profitiert vom Sozialplan
In den nächsten Monaten bereitet die Belegschaft in Mehrum nun den Abriss ihres eigenen Arbeitsplatzes vor. Zum 1. Oktober übernimmt ein dafür engagiertes Unternehmen das Areal. Es soll fast alle Gebäude abreißen, vor allem alle markanten: Schornstein, Kühlturm, Kesselhaus und Co. müssen weichen, am Ende soll fürs erste eine große grüne Wiese bleiben. „Wir erhalten lediglich das Pförtnerhaus und das Lagergebäude, weil wir die noch brauchen“, erklärt Fieber. Er selbst und die über den 30. September hinaus verbleibenden Mitarbeiter richten sich dann in einem Bauleitungsgebäude im südlichen Teil des Kraftwerkgeländes ein.
Die 123 gekündigten Beschäftigten haben allerdings unterschiedliche Perspektiven. Einige Dutzend von ihnen haben aufgrund des bestehenden Sozialplans die Möglichkeit, zum früheren Miteigentümer Enercity in Hannover zu wechseln. Eine weitere Gruppe kann in Altersteilzeit oder in den Ruhestand gehen. Geschäftsführer Fieber schätzt, dass etwa ein Drittel der Betroffenen eine dieser Optionen nutzen kann.
Jobbörse im Kraftwerk
Die anderen zwei Drittel erhalten Abfindungen und sind auf der Suche nach neuen Arbeitsplätzen. Dabei hilft der Kraftwerks-Betreiber, wie Fieber betont: „Wir organisieren hier zum Beispiel eine Jobbörse, bei der sich potenzielle neue Arbeitgeber vorstellen können. Wir haben ja hier viele zum Teil hoch qualifizierte Fachkräfte.“
Was Fieber hingegen nicht kann: Mit Blick auf die Pläne des Eigentümer-Konzerns EPH für ein Gaskraftwerk am gleichen Standort zumindest einen Teil des Fachpersonals einfach an Bord zu behalten. Zu unsicher sind die Aussichten, zu langfristig die Perspektiven.
Warten auf den Vorbescheid
Derzeit wartet der Geschäftsführer auf einen Vorbescheid des Gewerbeaufsichtsamtes Braunschweig, ob und in welcher Größe das angestrebte Gaskraftwerk in Mehrum aus umweltrechtlicher Sicht grundsätzlich möglich wäre. Dieser Vorbescheid soll in den nächsten Wochen kommen. Eine tatsächliche Baugenehmigung wäre damit aber immer noch weit weg. Noch immer liegt zum Beispiel keine Kraftwerks-Strategie des Bundes vor. Sie sollte unter anderem darlegen, wie viele – und zumindest grob auch wo – Gaskraftwerke entstehen sollen und ob Mehrum dabei eine Rolle spielen kann.
Auch die Frage, wie sich potenzielle Betreiber in Ausschreibungen bewerben können, ist noch ungeklärt. Im Falle eines Zuschlags innerhalb der Kraftwerks-Strategie und der Erteilung aller noch offenen Genehmigungen könnte ein neues Kraftwerk wohl frühestens 2028 in Betrieb gehen.
