Hildesheim - Wer in Hildesheim an Geschäften vorbeigeht, an der Bücherei oder der Arneken Galerie, dem begegnet immer wieder ein Sticker. Darauf: drei Comic-Kinder und das Wort Notinsel, darunter „Wo wir sind, bist du sicher“. Die Sticker sollen Kindern, die sich in einer Notsituation befinden, den Weg zur Hilfe weisen. Wenn es nach dem Hildesheimer Verein Queerbeet geht, soll es so etwas auch für queere Menschen geben. Die Linken-Fraktion schließt sich der Idee an und will einen entsprechenden Antrag am Montag im Stadtrat stellen.
Forderung um schwule Ampelmännchen löste Debatte aus
Hinter dem Antrag steckt der Wunsch nach einem größeren Sicherheitsgefühl für queere Menschen, vor allem in Zeiten steigender Queerfeindlichkeit – also der Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität. „Es gibt die Notwendigkeit“, sagt Linken-Fraktionschef Maik Brückner. „Wir haben gesehen: Selbst im Rat ist es möglich, offen gegen queere Leute zu hetzen. Das können wir so nicht stehenlassen.“
Zuletzt hatte der Vorstoß für homosexuelle Ampelmännchen in der Politik für Diskussionen gesorgt. Ratsherr Enver Sopjani von der Interkulturellen Liga (IKL) beschwerte sich erst im Rat über den Vorschlag, reichte dann eine Klage gegen die schwulen Leuchtsymbole ein.
Grund genug für Brückner, ein erneutes Signal gegen Diskriminierungen zu setzen. „Umso lauter gegen queere Leute gehetzt wird, umso mehr werden wir uns für sie einsetzen“, sagt er. Neben den Anfeindungen im Rat hätten auch die vermehrten Angriffe auf queere Menschen bundesweit zu dem Vorstoß beigetragen, so Brückner.
Zahl queerfeindlicher Übergriffe steigt landesweit an
Tatsächlich sprechen die Zahlen der Übergriffe in Niedersachsen eine klare Sprache. Verzeichnete das Landeskriminalamt Niedersachsen (LKA) im Jahr 2013 gerade einmal 14 Übergriffe aufgrund der sexuellen Orientierung, waren es voriges Jahr 64. Angriffe gegen Menschen aufgrund geschlechtsbezogener Diversität, also etwa, wenn es sich um transgeschlechtliche Personen handelt, werden überhaupt erst seit 2022 aufgeführt. In dem Jahr waren es 36.
Problem eher in größeren Städten
In Hildesheim zeigt sich die Lage nicht ganz so dramatisch. Laut Polizeisprecher Jan Makowski hat es in der Vergangenheit lediglich vereinzelte Anzeigen in diesem Bereich gegeben, „einen Schwerpunkt bildet dieses Deliktfeld nicht“. Eine Einschätzung, die auch Andreas Küster, Vereinsvorsitzender von Queerbeet, für Hildesheim teilt. Es seien eher die größeren Städte wie Braunschweig und Hannover, in denen die Anfeindungen gegenüber queeren Menschen zunehmen würden – zumindest bislang. „Wir finden, dass jetzt etwas passieren muss, bevor sich die Lage bei uns ändert“, sagt Küster.
Attacken mit mutmaßlich queerfeindlichem Hintergrund
Der Verein Queerbeet war im August beim Christopher-Street-Day (CSD) in Braunschweig, bei dem fünf Personen einen jungen Mann attackiert und verletzt haben. Die Täter sollen den Ermittlern zufolge den 22-jährigen Besucher des CSD aufgrund seines Erscheinungsbildes angesprochen haben, ehe sie ihn zusammenschlugen. Ein 16-jähriger Tatverdächtiger wurde kurze Zeit später von der Polizei gefasst, gegen ihn läuft ein Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung.
Einen ähnlichen Vorfall hatte es in einem Metronom von Hamburg nach Hannover gegeben. Dort sollen Anfang August fünf Besucherinnen des Hamburger CSD von einer Gruppe Männern mit Faustschlägen und Tritten verletzt worden sein, wie die Deutsche Presseagentur meldet.
Sticker schon länger im Umlauf
Küster ist entsetzt von den Geschehnissen. Umso wichtiger, queeren Menschen eine Möglichkeit zu geben, Schutzräume zu finden, meint er. Dabei sollen die Sticker helfen. Außerdem zeigten sie von vornherein, welche Läden queere Menschen willkommen heißen. „Im Grunde ist es ein kleiner Aufkleber, der in der queeren Welt viel bedeutet“, sagt Küster.
Ganz neu ist die Idee nicht: Bereits vor Corona hatte der Verein Sticker kreiert und angefertigt, war schon mit einigen Hildesheimer Geschäften im Gespräch dazu, mit positivem Feedback, wie er sagt. Dann, nach der Diskussion um die homosexuellen Ampelmännchen, sei die Linken-Fraktion auf den Verein zugekommen. Mit der Frage: Was können wir tun? „So ist die Idee entstanden, die Aktion mit den Aufklebern noch mal größer anzugehen“, sagt Küster.
„Eigentlich ist das ein Antrag, den man nicht ablehnen kann“
Er hofft nun, dass die Idee auch bei anderen Parteien ankommt. „Ich hoffe natürlich, dass die Politik positiv reagiert“, sagt er. „Aber wenn ich an die Sache mit den Ampelmännchen denke, muss ich sagen: Das wird eine zwiegespaltene Geschichte.“
Auch Linken-Fraktionschef Brückner ist gespannt auf die Sitzung am Montag. Die Reaktionen müssten positiv ausfallen: Immerhin handele es sich es um eine Aktion, die vielen Menschen helfen könnte und die mit 300 Euro relativ günstig sei. „Eigentlich ist das ein Antrag, den man nicht ablehnen kann – außer, man hat offensichtlich etwas gegen queere Menschen.“
