Hildesheim - Bereits im März hat die Stadt in der Fußgängerzone und drumherum insgesamt 20 Sitzmodule aufgestellt – nun ist zusätzlich eine Sitzwelle in der Bahnhofsallee angekommen, auf einer Fläche, die ursprünglich ein Parkplatz war. Diese Aktion aber ist vor allem Teil eines ganzen Katalogs an Maßnahmen, die das Ziel haben, sowohl die Bahnhofsallee als auch die Bernwardstraße und den Angoulêmeplatz wiederzubeleben.
Dafür gibt es seit anderthalb Jahren regelmäßige Treffen der Quartiersgemeinschaft und der Stadt, aus der bereits verschiedene Initiativen hervorgegangen sind: die Aufstellung von mehr Mülleimern ebenso wie eine höhere Schlagzahl bei der städtischen Straßenreinigung, die Förderung von Fassadensanierungen oder die Installation von Veranstaltungen.
Bereits viele Beschwerden wegen des Parkplatzes
Die Sitzwelle als Schritt auf dem Weg zum Ziel steht gegenüber der Bäckerei Duygu und will mit Holzelementen zum Bleiben einladen. „Wir finden die Elemente super“, sagt Inhaber Selahattin Duygu, „auch wenn es bereits mehrfach Beschwerden wegen des fehlenden Parkplatzes gegeben hat.“ Die kann Duygu nicht nachvollziehen: Immerhin gebe es um den Bahnhof genug Einstellplätze, draußen oder im Parkhaus. „Wichtiger ist doch die Aufenthaltsqualität. Dass Leute hier entweder zum Essen Platz nehmen oder Ältere sich ausruhen können. Hier sind so viele Ärzte ansässig, da gibt es immer Menschen, die nicht gut laufen können.“
Dass der neue Platz angenommen wird, könnte trotz der vielbefahrenen Straße klappen, denn das Ganze wirkt eher wie eine Außenterrasse der Bäckerei, die auch drinnen mit Sitzplätzen eher wie ein kleines Café als wie ein schnell umgenutzter Parkplatz funktioniert. Was Duygu sonst noch in der Umgebung fehlt: weitere Mülleimer – und Toiletten. „Wir brauchen hier um den Bahnhof herum unbedingt Toiletten, das ist seit Jahren ein Problem, und es wird einfach nicht gelöst“, sagt er.
Gravierend ist nach wie vor das Toilettenproblem
Das ärgert auch andere Anlieger links und rechts des Bahnhofsplatzes. Birgit Borchert, Direktorin des Intercity-Hotels, beobachtet oft Leute, die auf der Rückseite des Amts für regionale Landesentwicklung Leine-Weser stehen. „Die haben auf Ansprache aber nicht reagiert“, sagt sie. „Nicht mal, als ich sie darauf hinwies, dass man sie aus dem Gebäude oder aus dem gegenüberliegenden Hotel sehen kann.“
Szenen, die auch Melanie Hoppe immer wieder beobachtet, Geschäftsführerin des Modeparks Röther. „In unserer Umgebung gibt es auch Ecken, die regelmäßig aufgesucht werden.“ Dass das keineswegs eine Übertreibung sei, sehe man bereits deutlich an den Hauswänden und in den Ecken. Und so ist es auch: Spätestens hinter der ehemaligen Postfiliale ist das Problem nicht mehr zu leugnen.
Hoffentlich fällt die Sitzwelle nicht Vandalen zum Opfer
Eine Lösung gibt es dafür bislang nicht. Dennoch will sich die Quartiersgemeinschaft weiterhin für das Viertel einsetzen. „Und erste Erfolge sind nach anderthalb Jahren auch schon zu sehen“, so Duygu., der vor allem hofft, dass die neuen Möbel vor seiner Tür jetzt Bestand haben und nicht etwa nächtlichem Vandalismus zum Opfer fallen.
Entworfen und gefertigt wurde die Sitzwelle von den Architekturstudenten Ibrahim Nayir und Stefan Raven der HAWK, finanziert aus Zuwendungen der Stadt sowie Spenden. Ines Lüder, Professorin für Städtebau, Regionales Bauen und Entwerfen an der HAWK-Fakultät Bauen und Erhalten, begleitete den Entstehungsprozess. Die Umsetzung unterstützte auch Stefan Könnecke von der Kulturfabrik Löseke.
„Solche Objekte sind extrem wichtig für ganz viele verschiedene Menschen“, betont Ines Lüder die Relevanz solcher Wohlfühloasen für eine Innenstadt. „Sie wirkt hier im Grunde wie eine Auflockerung der Verkehrsschneise“. Ein Jahr dauerte die Planung und Realisierung des Sitzmöbels, in den letzten Wochen montierten die beiden Studenten die Bank in der Modellbau- und Holzwerkstatt der HAWK.
Kommentar: Kleines Zeichen
So eine Sitzwelle ist ein überschaubarer Schritt, wenn es darum geht, ein Viertel wiederzubeleben. Oft ist das Bernward-Quartier totgesagt worden, aller Bemühungen und Treffen von Anliegern und Stadt zum Trotz, die nicht nur eine feste Institution geworden sind, sondern auch Ergebnisse gebracht haben. Mehr Sauberkeit. Feste, die stattfinden. Geld für Fassadensanierungen. Oder eben Sitzgelegenheiten. Dass es noch genug gravierende Probleme zu lösen gibt, klar: Der Bahnhof braucht Toiletten, die Leute können nicht auf Höfe und Parkplätze gehen. Mehr Müllkörbe müssen her, der Leerstand weg. Ja. Doch auf dem Weg dahin erfüllt so eine Sitzwelle doppelt ihren Zweck: als Pausenangebot und als Zeichen, dass es Leute gibt, die gar nicht daran denken, das Quartier abzuschreiben.



