Hildesheim - Bei den Arbeiten für den neuen Kanal der Stadtentwässerung (SEHI) im Bereich der Dammstraße sind erneut Teile eines historischen Bauwerks entdeckt worden: Archäologen haben auf dem Gelände des Johannisfriedhofs das Fundament eines bis zu 500 Jahre alten Wehrturms freigelegt, der zur einstigen Stadtbefestigung zählte.
Zuvor waren die Bauarbeiter bereits auf den Chor der früheren Johanniskirche, einen unbekannten Friedhof nahe der Bischofsmühle und eine unterirdische Brücke aus dem Mittelalter gestoßen – Letzteres hatte Ende Mai zur Sperrung der Dammstraße geführt. Wie lange diese dauert, ist nach wie vor offen.
Wehrturm stand in alten Karten – aber das muss nichts heißen
Die Entdeckung der historischen Brücke Ende Mai war auch für die Experten von der Firma Archaeofirm eine Überraschung gewesen. Dass auf dem Gelände des Johannisfriedhofs einst ein Wehrturm stand, ging dagegen aus mehreren Karten hervor. Doch das heiße noch lange nicht, dass sich dieser dann auch wirklich an der Stelle befunden haben müsse, die in den Unterlagen markiert sei oder davon noch etwas im Boden zu sehen sei, sagt Archaeofirm-Mitarbeiter Gregor Brose.
Im Falle des Turms aber war das so: Dieser liegt genau unter dem Weg, der bis dato nahe des westlichen Innerste-Ufers über das einstige Friedhofsgelände führte. Die oberste Kante des Fundaments beginnt etwa zwei Meter unter der Erde, bislang haben Brose und seine Kollegen etwa 1,50 Meter davon nach unten freigelegt. „Und wir sind noch lange nicht am Ende angekommen“, berichtet Archaeoform-Mitarbeiterin Lina Oppermann.
Archäologen sichten nur jenen Teil, der dem Kanal im Weg liegt
Der Durchmesser des bisher ausgegrabenen Abschnitts beträgt etwa sechs Meter. Wie breit der aus Sandstein gefertigte Turm war, werden die Archäologen dagegen wohl nicht herausfinden: Sie befassen sich nur mit jenen Resten des Bauwerks, die dem neuen SEHI-Kanal im Weg liegen – der östliche, vermutlich eher größere Teil des Fundaments in Richtung Innerste bleibt unberührt.
Doch was passiert nun mit dem Turm? Die Archaeofirm-Crew legt ihn zunächst weiter frei, zeichnet und fotografiert ihn, fertigt ein 3D-Modell. Was danach geschehe, sei Sache der Stadt, betont Brose. Die ist über den Fund informiert. Doch eine Entscheidung über das weitere Vorgehen stehe noch aus, sagt Rathaussprecher Helge Miethe.
Heimatexperte Abromeit meint: Man sollte den Turm ausstellen
„Es wäre schön, etwas davon zu bewahren und auf der Wiese neben dem Johannisfriedhof zu zeigen“, sagt Sven Abromeit, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins. Er hatte sich bereits für den Erhalt der Reste des Chors der Johanniskirche eingesetzt – allerdings vergeblich.
Nach Ansicht Abromeits handelt es sich bei dem Turm um einen so genannten Zwinger, der 1518 bei der Verstärkung eines Burgfrieds der damaligen Stadtbefestigung am Ziegelhof entstanden ist. Auf dem Grundstück des Johannisfriedhofs sei auch Platz, um neben den Zwinger-Teilen auch Elemente der historischen Brücke unter der Dammstraße zu zeigen.
Tatsächlich hat die SEHI bei deren Abbruch darauf geachtet, genug Steine zu erhalten und zu kennzeichnen, um daraus später eine Ansicht des Bauwerks zusammensetzen zu können. „Falls die Brücke gezeigt werden soll“, erklärt Michael Ködding, Bereichsleiter der Stadtentwässerung.
Die hat allerdings von ihrer Baufirma nur den Bereich der historischen Brücke abtragen lassen, der auf der Kanaltrasse liegt. Tatsächlich erstreckt sich das mehrere Jahrhunderte alte Bauwerk unter der Dammstraße aber noch bis über die Innerstebrücke in Richtung Innenstadt, zuletzt war von acht Gewölbebögen die Rede. Sie sind der Grund für die Sperrung der Straße: Weil unter dem ersten entdeckten Bogen ein Hohlraum lag, befürchten SEHI und Stadt, die Fahrbahn könnte einbrechen, wenn der Verkehr weiter darüber fließen würde.
Das Bauunternehmen, das den Kanal baut, hat der Verwaltung inzwischen ein Angebot vorgelegt, was der Abbruch der Brücke, das Auffüllen des Bodens und die Wiederherstellung der Straße kosten würde. Die Stadt prüfe die Unterlagen derzeit, erklärte Sprecher Miethe auf Anfrage der HAZ.
Was bedeutet: Während die SEHI sich in ihrer Baustelle weiter nach Süden vorarbeitet, könnte es noch dauern, bis in der Stadt-Baustelle in der Dammstraße etwas passiert – eine Ende der Sperrung ist jedenfalls noch nicht in Sicht, zumal nach Ansicht von Experten unter der Erde weitere Unwägbarkeiten lauern könnten. So könnte der Baugrund recht feucht sein.
Archäologe stellt Politikern im Herbst Dammstraßen-Funde vor
Die Stadt werde die Öffentlichkeit informieren, wenn klar sei, wie es mit der Brücke weitergehe, kündigt Miethe an. Stadtarchäologe Christoph Salzmann werde zudem wie von Baudezernentin Andrea Döring jüngst im Rat angekündigt im Herbst über die bisherigen Dammstraßen-Funde im Ausschuss für Stadtentwicklung sprechen. Döring war darum von Politikern gebeten worden.
Immerhin: Die Entdeckung des Wehrturms auf dem Johannisfriedhof führt zu keinen Verzögerungen im Bauablauf, sagt Bereichsleiter Ködding. Denn dort, wo die Archäologen gerade im Einsatz seien, stehe noch keine Verlegung des Kanals an.
Eine Veränderung gibt es indes bei der Beschilderung der Dammstraßen-Sperrung: Die Vorsperre ist von der Ecke Bohlweg/Pfaffenstieg zum Roemer- und Pelizaeusmuseum versetzt worden. Wegen der Öffnung der Kardinal-Bertram-Straße könne der Verkehr jetzt ja auch über die Strecke Burgstraße – Langer Hagen wieder aus dem Gebiet ausfahren, erklärt Stadtsprecher Miethe. Auch die Sackgassenbeschilderung am PvH sei entfernt worden: „Die Sackgasse gibt es ja derzeit nicht mehr.“

