Hildesheim - „Und täglich grüßt das Murmeltier“ – am Theater für Niedersachsen (tfn) hatte das Publikum zuletzt kaum Grund, das zu sagen. Denn der Ausspruch beschreibt das Gefühl von Wiederholung und davon, immer das Gleiche zu erleben. Im Gegenteil war die Programmauswahl der Theaterleitung bemüht, jede Spielzeit europäische oder deutsche Erstaufführungen zu präsentieren. Auch an diesem Samstagabend steht eine deutsche und deutschsprachige Erstaufführung auf dem Programm: „Und täglich grüßt das Murmeltier“.
Die Musical Company des tfn startet mit der Adaption des gleichnamigen Films in die neue Saison. Eine Mammutaufgabe: Denn die Zeitschleifen-Komödie war im Old Vic Theatre in London und am Broadway jeweils mit einer Besetzung zu sehen, die mehr als dreimal so groß ist als die komplette Musical Company von Hildesheim zu bieten hat. Das Kreativteam um Regisseur Jens Daryousch Ravari und Andreas Unsicker als musikalischer Leiter war also gefordert, die fast dreistündige Aufführung über die Bühne zu bringen. Aber nicht nur das: Als Landesbühne muss das tfn ja auch jede Mehrzweckhalle und jedes Dorfgemeinschaftshaus zwischen Aurich und Herzberg bespielen können. Entsprechend kompakt muss die Inszenierung dieses gigantischen Stückes sein. Ist das gelungen?
Ein Schneesturm aus dem Haartrockner
Tatsächlich! Schon um zu sehen, wie oft die Ensemble-Mitglieder von der Bühne abgehen, um Sekunden später in einem anderen Kostüm zurückzukehren, würde sich ein Besuch lohnen. Das Gemeindeleben von Punxsutawney, einer Kleinstadt im tiefen Westen des US-Bundestaats Pennsylvania, bringen die zehn Schauspielerinnen und Schauspieler nach Hildesheim – inklusive Blaskapelle, Gesundheitswesen und Polizeikräften (Kostüme: Sybille Gänßlen-Zeit). Das Bühnenbild (Felix Wienbürger) besteht dafür lediglich aus fünf Boxen auf Rollen. Daraus entstehen Hotelzimmer, Kneipen und sogar ein Karussell. Dazu kommen immer wieder Kleinigkeiten: Ein Schneesturm pustet aus einem Haartrockner und für die Anreise nach Punxsutawney rollt ein Spielzeugauto über die Bühne. Aber, Moment, Punxsutawasjetztbitte?
Die Vorlage stammt von 1993. Der Titel hat sich als geflügelter Ausdruck erhalten. Den über 30 Jahre alten Film haben sicher nicht alle Menschen noch im Kopf. Das ist auch nicht nötig, um das Musical zu sehen. Das Stück und die Aufführung in Hildesheim erklären die Idee nämlich geschickt, so dass jede und jeder schnell versteht, worum es geht. Es geht um Phil Connors. Der Wetteransager ist sarkastisch, selbstverliebt und gar nicht begeistert, schon wieder über ein Volksfest in der Provinz berichten zu müssen. Das lässt er seine Mitmenschen – angefangen bei Produktionsleiterin Rita – entsprechend spüren. Ob ihn das Schicksal deswegen straft? In jedem Fall hält ihn erst ein Schneesturm am Drehort fest und, damit nicht genug, wacht er jeden Morgen wieder am Anfang des selben Tages auf. Aber er ist der Einzige, der sich daran erinnert.
Von der Komödie zur Tragödie
Diese Prämisse erklärt „und täglich grüßt das Murmeltier“ rasant und genauso rasant geht es weiter: Phil wechselt von Unglaube zu Eigennutz (wenn es kein Morgen gibt, gibt es auch keine Konsequenzen) zu Verzweiflung zu Läuterung. Das Tempo ist hoch, aber das Timing stimmt. Durch gekonnte Wiederholungen und Kürzungen weiß das Publikum immer, was Sache ist. Denn „und täglich grüßt das Murmeltier“ ist vor allem sehr lustig, ohne dabei in Klamauk zu verfallen. Mal ist der Humor trocken in einem Nebensatz versteckt, mal bekommt ein aufdringlicher Vertreter auf die Nase. Filmfans freuen sich außerdem, dass zahlreiche Einfälle und Sprüche es von der Leinwand auf die Bühne schaffen.
Dass der Sprung vom Kino ins Theater gelingt, liegt auch und vor allem an Jürgen Brehm und Elisabeth Köstner. Als Hauptdarsteller schultert Brehm das Stück schauspielerisch und gesanglich, dass es eine Freude ist. Der Vergleich mit US-Star Bill Murray stellt sich gar nicht, so souverän präsentiert er sich. Köstner wiederum bekommt eine facettenreichere Frauenrolle als in der Kinovorlage und bietet einen gelungenen Gegenpart zu Brehm. Sowohl ein Tritt in die Weichteile als auch die Lovestory zwischen den beiden lässt das Publikum mitfühlen. Denn in der zweiten Hälfte schafft das Musical bemerkenswert den Wechsel von der Komödie zur Tragikomödie. Ohne Kitsch oder Rührseligkeiten erforscht das Stück die emotionalen Seiten der Geschichte und der Figuren. Wenn der Schnee fällt oder die Sonne aufgeht, ist das wirklich berührend.
Was macht das Musical schlecht?
So viel Gutes, macht das Musical denn auch was schlecht? Leider ja. Die Musik, ausgerechnet. Wobei, nein, so stimmt das nicht. Die Musik ist großartig. Mitreißend, eingängig, vielfältig. Die Band um Unsicker macht einen tollen Job, das Ensemble schwingt herrlich die Tanzbeine (Choreografie: Doris Marlis). Aber die Abmischung stimmt – zumindest bei der Premiere – kaum. Die Musik bläst so laut aus dem Orchestergraben, dass sogar das Ensemble übertönt. Solisten haben bei großen Nummern gar keine Chance. Sehr schade, denn Musik und Gesang und Lieder stehen der Inszenierung in nichts nach. Das ist am tfn leider oft ein Problem. In der Hinsicht heißt es leider: „und täglich schmerzt die Murmel mir“.


