Offener Brief

„Existenzielle Gefahr für die wirtschaftliche Entwicklung der gesamten Innenstadt“: Hildesheimer Kaufleute kritisieren Verkehrspolitik der Stadt

Hildesheim - Geschäftsleute aus Hildesheim schlagen Alarm: Die aktuelle Verkehrspolitik in der Stadt sei nicht mehr hinnehmbar, heißt es in einem offenen Brief der Freundlichen Hildesheimer an den Oberbürgermeister. Die Kritikpunkte – und die Befürchtungen. (Mit Kommentar)

Wer von der Hildesheimer Schützenallee in die Kardinal-Bertram-Straße will, muss demnächst statt eines Zebrastreifens eine Ampel passieren. Foto: Chris Gossmann

Hildesheim - Geschäftsleute aus Hildesheim schlagen Alarm: Die aktuelle Verkehrspolitik in der Stadt sei nicht mehr hinnehmbar, heißt es in einem offenen Brief der Freundlichen Hildesheimer an den Oberbürgermeister. Unterzeichnet ist er von der IHK Hannover/Hildesheim, der Kreishandwerkschaft Hildesheim, dem Dehoga Kreisverband, dem Verein Unternehmer Hildesheim, der Arneken Galerie, der Andreas Passage und Hildesheimer Taxibetrieben.

Sie alle befürchten, dass die sogenannten „Netzwiderstände“, die die Stadt aktuell nach und nach an vier Knotenpunkten im Zentrum installiert, eine „existenzielle Gefahr für die wirtschaftliche Entwicklung der gesamten Innenstadt“ darstellen. Mit geänderten Ampelschaltungen und neuen Fahrspuren will die Stadt den Durchgangsverkehr aus dem Stadtzentrum heraushalten – und dafür eine schnellere Fahrt auf den Alternativrouten ermöglichen. Zum Beispiel an der Ecke Schützenallee/Kardinal-Bertram-Straße. Dort laufen gerade die Arbeiten, den Zebrastreifen durch eine Ampel für Rechtsabbieger zu ersetzen.

Sorgen der Geschäftsleute

Holger Höfner, Centermanager der Arneken Galerie und Unterzeichner des Briefs an den OB, fürchtet, dass dies Folgen für die Einkaufspassage hat. So habe die Stadt in einem Treffen erklärt, dass der Verkehr auf der B1 schneller fließen soll – was für ihn bedeutet, dass Autofahrer und -fahrerinnen langsamer aus der Kardinal-Bertram-Straße herauskommen werden.

Die für ihn sichere Konsequenz: Mehr Stau vor dem Parkhaus der Arneken Galerie. Wer aus dem Parkhaus raus will, braucht länger. Für die Gesamtwirkung der Innenstadt sei das fatal, ist Höfner sich sicher. Er fürchtet, dass weniger Menschen aus dem Landkreis zum Shoppen nach Hildesheim fahren, wenn sich die Parksituation verschlechtert. Schon jetzt gebe es zu Stoßzeiten lange Autoschlangen in der Parkspindel. „Wir sind keine Gegner des alternativen Verkehrs, wir wollen ja auch, dass die Umwelt geschont wird“, versichert Höfner. „Aber wir unternehmen viel Anstrengung, um die Innenstadt zu beleben – da muss man feiner an die Sache rangehen.“

„Das ist nicht bis zu Ende gedacht“

Für Carsten Paulick, Geschäftsführer der Andreaspassage, ist die Reihenfolge die falsche. Vor „Netzwiderständen“ bräuchte es andere Maßnahmen wie ein Parkleitsystem. „Erst die Innenstadt töten und dann sagen, wie kriegen wir das mit den Parkplätzen hin – das geht nicht“, meint er. Wenn die Stadt die Verkehrsführung in der Kardinal-Bertram-Straße ändert, damit die Autos aus der Schuhstraße rausgehalten werden, gebe es keine schnellen Zufahrten mehr zu den Parkhäusern der Andreaspassage, im Kläperhagen, in der Arneken Galerie und am St. Bernward-Krankenhaus.

„Das ist nicht bis zu Ende gedacht“, sagt er. Nachhaltiger wäre es für ihn, wenn Autofahrer und -fahrerinnen die Parkhäuser gut erreichen könnten – und dort dann ein Mobilitätshub zu installieren, sprich: Die Weiterfahrt mit gemeinsam genutzten Fahrzeugen wie E-Bikes zu ermöglichen. „Die Betreiber haben der Stadt gesagt, wir beteiligen uns an Verkehrsleitsystemen, an einem Mobilitätshub“, sagt er.

Stadt äußert sich auf Anfrage der HAZ nicht

In ihrem offenen Brief kritisieren die freundlichen Hildesheimer auch den Zeitpunkt der Maßnahmen. „Das Konzept ist zwölf Jahre alt, dass das jetzt auf einmal umgesetzt wird, wo das Dammtor langfristig gesperrt ist, halte ich für unüberlegt“, erklärt Paulick. Die klare Forderung an den OB: Die Maßnahme an der Kreuzung Kaiserstraße/Kardinal-Bertram-Straße soll ausgesetzt, der Abschluss der Baustelle in der Dammstraße abgewartet werden.

Die Stadtverwaltung äußert sich auf HAZ-Anfrage nicht zum offenen Brief. „Offene Briefe kommentieren wir grundsätzlich nicht über die Presse, sondern bevorzugen den direkten Austausch“, heißt es aus der Stadtverwaltung. Auch die Frage, weshalb mit der Maßnahme in der Kardinal-Bertram-Straße nicht gewartet werden kann, bis die Dammstraße wieder offen ist, blieb unbeantwortet.



Meinung: Ein guter Vorschlag

Die Kritik der Kaufleute ist klar und einstimmig – und deshalb muss die Stadt sie ernstnehmen. Denn die Forderung, die Maßnahme an der Kardinal-Bertram-Straße zu verschieben, bis wieder Autos auf der Dammstraße fahren, ist absolut nachvollziehbar. Die Kaufleute sind bereit, bei Maßnahmen wie einem Parkleitsystem oder Mobilitätshub mitzuziehen, ja, sie sogar mitzufinanzieren. Dieses Angebot nicht ernsthaft zu prüfen, wäre ein Fehler.

Reicht die Stadt den Kaufleuten aber die Hand und verschiebt die Maßnahme, verschafft sie sich Zeit. Zeit, um abzuwarten, welche Folgen die neue Verkehrsführung am Hindenburgplatz hat. Geht die Rechnung auf und die Innenstadt wird ohne negative Folgen für die Geschäfte entlastet, schafft es die Stadt eher, Geschäftsinhaber zu überzeugen. Ist die Prognose falsch, könnte noch größerer wirtschaftlicher Schaden verhindert werden.

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