Sottrum - Bauer will er werden. Dabei sind seine Eltern Akademiker. Magdalene Deicke Oberschullehrerin und Wilhelm Deicke Doktor der Volkswirtschaft. Das Paar hat drei Kinder, der Zweitgeborene Wilhelm, den alle nur Peter nennen, will also Bauer werden. Als Kleinkind bekommt er einen Bauernhof mit Holztieren, mit elf Jahren liegt Neyes Tierzuchtlehre auf dem Gabentisch. Da weiß Peter Deicke schon alles über Ackerbau und Fruchtfolgen. Als erwachsener Mann wird Peter Deicke Land bestellen. Nur anders als ein klassischer Landwirt. Er pflanzt kein Gemüse oder Getreide an, sondern sät Fantasie und Spielfreude. Geerntet wird im Familienpark Sottrum. Doch wie kam dieser Park eigentlich zustande? Im Gespräch mit der HAZ begibt sich der 94-Jährige auf eine Reise in die Vergangenheit.
Zuerst ging es nach Heiligenhafen
Das erste Kapitel Parkgeschichte spielt nicht im Landkreis Hildesheim, sondern in Heiligenhafen. „Ich wollte an die See“, erinnert sich Deicke. Also schrieb er 1972 etliche Seebäder an und erklärte, dass er dort eine Ponyfarm einrichten wolle. „Nur aus Heiligenhafen und vom Steinhuder Meer kam überhaupt eine Antwort“, erinnert sich Deicke. Also ging es nach Heiligenhafen. Dort konnte er sich auf einem städtischen Grundstück ausbreiten. Was ihm nach kurzer Zeit schon nicht mehr genügte. „Ich annektierte immer mehr Fläche“, erzählt Deicke. Eines Tages hatte er einen Brief vom Bürgermeister der Stadt im Briefkasten. Er habe geglaubt, dass es ein Dankschreiben wäre oder ihm die Pacht erlassen würde. Doch der Inhalt: Deicke sollte große Teile seiner Ranch abreißen. Mittlerweile lebten dort nicht nur Ponys, sondern auch Rentiere und ein paar Raubkatzen – mehr Zoo als Ranch. Das war es für Deicke, mit seiner Familie, zwei Kindern, seiner ersten Frau und den Tieren ging es heim in den Kreis Hildesheim. Dort hatte er das Gut Walshausen gepachtet.
Um den Weg Deickes in die Gemeinde Holle jedoch nachzuzeichnen, muss man einen Umweg über seine Geschichte gehen. Denn gerade verlief bei ihm keine Strecke. Als Deicke 15 Jahre alt ist, endet der Zweite Weltkrieg. Der Junge, der immer noch Bauer werden will, beginnt eine Gärtnerausbildung, weil viele Schulen nur Ruinen sind. Doch als die Einrichtungen wieder aufgebaut sind, muss auch er wieder zur Schule. Ein Jahr vor der mittleren Reife schmeißt er hin. Er versucht sich als Imker, arbeitet bei einem Tischler und wird schließlich Tanzlehrer. Weil er gerne sein Wissen weitergibt, unterrichtet er andere Tanzlehrer. 1950, mit 20 Jahren, gründet der gebürtige Magdeburger seine eigene Tanzschule in Hildesheim. „Das hat Spaß gemacht, war mir aber nicht genug“, sagt er.
Die Tanzschule schloss im Sommer
Und so machte er seine Tanzschule im Sommer dicht und reiste. Work and Travel würde man heute sagen, damals gab es dafür noch keinen Begriff. Sein Freund Rolf Armbrecht hatte Deicke nach Kolumbien eingeladen, auf dem Weg dorthin arbeitete der Hildesheimer als Babysitter und lernte, in Florida Schlangen zu fangen. Seine Ausbilder, zwei humorlose harte Kerle, die sich ihren Teil über den 24-Jährigen in Khaki-Outfit gedacht haben werden. Nach Kolumbien schaffte er es übrigens nie. Und schon ist die Geschichte einen Abzweig weiter, als es eigentlich brauchte. Denn es war die Tanzschule, in der Menschen wie der Orchideenzüchter Hennies oder der Holler Gemeindedirektor Heinrich Meyer sich im Tanzen übten. Deicke fragt Meyer, ob er nicht einen alten Bauernhof in der Gemeinde hätte, auf dem ein Mehrgenerationenprojekt starten könnte. Er bekommt den Rat, sich doch mal in Sottrum auf dem alten Ziegeleigelände umzusehen. Das macht er prompt. Doch das Land hat sich zu dem Zeitpunkt schon ein anderes Familienunternehmen gesichert, das dort einen Freizeitpark bauen will.
„Ich bin dann trotzdem zum Katasteramt und habe mir Karten von dem Areal geholt. Da habe ich Fotos vom Park in Heiligenhafen reingeklebt und gesagt: So was mache ich hier“, erzählt Deicke. Die Leute, denen er seinen Plan präsentiert, verfolgen mit ihrem Eulenspiegelpark aber ein anderes Konzept, mit Berg-und-Tal-Bahn und anderen Fahrgeschäften. Für Deickes Idee ist kein Platz mehr. Wohl könnte er einen kleinen Bauernhof einrichten, aber dafür haben Freizeitpark-Leute kein Geld. Also verkauft Deicke, was möglich ist und bekommt 100.000 Mark zusammen. 1985 ist der Kinderbauernhof als selbstständig betriebener Teil auf dem Parkgelände in Sottrum fertig.
Das wird nichts, Karinchen, die machen Pleite.
Und so beginnt sein Wirken auf dem Areal, dass zu diesem Zeitpunkt noch eine andere Familie zu einem Unternehmen aufbauen will und in das sie nach Deickes Angaben 18 Millionen Mark investiert. „Als ich vor dem Eröffnungstag sah, dass der Chef am Eingang noch etwas strich, fragte ich ihn, was er da mache“, erinnert sich Deicke. Denn viel mehr hätte der Unternehmer Deickes Meinung nach dafür sorgen sollen, dass Busse Kundschaft in den Park bringen. Da habe er zu seiner Tochter gesagt: „Das wird nichts, Karinchen, die machen Pleite.“
Drei Jahre später ist es so weit. 25,5 Millionen Mark Miese seien zusammengekommen, und das Areal kommt unter den Hammer. Es folgt eine stille Versteigerung. Das bedeutet, die Gebote werden in verschlossenen Umschlägen abgegeben. Deicke verkauft die Ranch in Heiligenhafen, eine Ferienwohnung und kommt auf 250.000 Mark, die er für das Gelände bietet. Er bekommt den Zuschlag für 200.000 Quadratmeter Land. „Das sah hier aus wie Flandern nach dem Ersten Weltkrieg“, erinnert sich Deicke. Die Besitzer reißen alle Fahrgeschäfte aus den Verankerungen, sprengen Löcher. Zusätzlich zu den Gruben, die es vom Ton-Abbau der einstigen Ziegelei noch gibt.
„Da stand ich nun mit meinen Tieren, den Ziegen, Kühen, Pferden und dem Krokodil. Ohne Geld und mit zerstörten Gebäuden“, sagt Deicke. Dann lacht er und reißt seine blauen Augen auf und scheint sich über seine geniale Idee von damals noch heute zu freuen. „Ich rief alle Tiefbauunternehmen von Kassel bis Uelzen an und bot denen an, ihren Schutt hier kostenlos abzuladen.“
Für das Verfüllen hat er keine Genehmigung
Innerhalb von acht Jahren, mit unzähligen Lastwagenladungen werden 100.000 Kubikmeter Schutt in die Löcher und Schluchten auf dem Areal gefüllt. Dabei achtet Deicke darauf, dass keine Schadstoffe bei ihm verklappt werden. Für das Verfüllen hat er keine Genehmigung. Der damalige Chef des Umweltamtes Helfried Basse habe Deicke aber auf dem Radar gehabt, erinnert sich der Senior-Chef. Wohl wegen Deickes Umsicht habe er beide Augen zugedrückt.
Ich besitze nur ein paar Schuhe, habe kein Auto, keinen Fernseher oder Computer.
Neben dem Bauernhof, für den Deickes damals 90-jährige Mutter Magdalene am Eingang 50 Pfennig kassiert, legt der Unternehmer Wohnwagenstellplätze an. Er richtet einen Ungeziefer-Zoo ein, durch ein Rohr, das in der Erde steckt, können die Gäste sehen, was ein Maulwurf beim Graben sieht – nichts. Aus altem Kleiderschrankholz zimmert Deicke das Meerschweinchen-Dorf, das noch heute am Eingang seinen Platz hat. „Gleich im ersten Jahr 1989 war das Norddeutsche Fernsehen hier, und es hieß: Wenn dies kein Paradies für Kinder ist, dann gibt es keines auf der Welt“, erinnert sich Deicke. Mit seiner zweiten Frau Christa und seinem dritten Kind Sonja, 1988 geboren, zieht Deicke in ein – heute würde man Tiny-House sagen – Häuschen mit 36 Quadratmetern auf dem Gelände. Jede Mark, später jeden Euro, investiert er in seine Pläne. Deicke legt sein Bein auf den Tisch und tippt auf den schwarzen Schnürschuh: „Ich besitze nur ein paar Schuhe, habe kein Auto, keinen Fernseher oder Computer. Wir essen und leben sehr einfach“, sagt er. 15 feste Mitarbeiter, darunter ganz besondere Holzkünstler, sorgen dafür, dass Deickes Pläne Gestalt annehmen. Ob es der Hund am Eingang ist, Baumhäuser, die Villa Kunterbunt oder das Zwergenbergwerk.
Bäume gab es nicht
Die ersten Jahre habe man vom Eingang bis zum Ende des Parks schauen können. Bäume gab es nicht. Im Gegensatz zu heute. Deicke bekam von einer Hildesheimer Gärtnerei die Bäumchen, die am Eingehen und nicht mehr zu verkaufen waren. In Sottrum wuchsen sie an.
Der Park – und darauf ist Deicke stolz – ist schuldenfrei. Geld verdiente Deicke nicht nur mit dem Eintritt. Er gab unter anderem Managerseminare, schrieb über seine vielen Reisen Berichte, trainierte Tiere für Filme und schrieb Bücher. Er stand mit Rudi Carrell vor der Kamera, mit Frank Elstner und Ranga Yogeshwar. Aber das ist noch einmal ein ganz anderes Kapitel aus dem bunten Leben des Park-Bauern Peter Deicke.






