Mehrum - Die Pläne des Kraftwerks Mehrum, nach dem Abriss des alten Kohlekraftwerks an gleicher Stelle ein Gaskraftwerk zu errichten, haben eine erste Hürde genommen. Das Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig hat jetzt einen positiven Vorbescheid zu einem entsprechenden Antrag des Betreiber-Unternehmens erteilt – und zwar für die größte vom Kraftwerk Mehrum angedachte Lösung.
Umwelt und Nachbarschaft
Eine Baugenehmigung ist das noch nicht. Gleichwohl war der Vorbescheid mit Spannung erwartet worden. Denn das Gewerbeaufsichtsamt stellt damit klar, dass der Bau eines riesigen Gaskraftwerks auf dem Gelände am Mittellandkanal grundsätzlich möglich ist. Es gebe jedenfalls „keine von vornherein unüberwindbaren Hindernisse“, heißt es in dem Dokument. Und wörtlich: „Der Vorbescheid umfasst die vorläufige positive Gesamtbeurteilung für die Errichtung und Betrieb eines Gaskraftwerkes.“ Der Standort sei geeignet, schädliche Umwelteinwirkungen oder erhebliche Belastungen von Allgemeinheit und Nachbarschaft könnten nicht hervorgerufen werden.
Lückenbüßer für Erneuerbare?
Das gilt für beide vom Kraftwerk Mehrum angedachten Varianten – en Gas- und Dampfturbinenkraftwerk mit einer Leistung von 1,2 Gigawatt oder ein reines Gasturbinenkraftwerk mit zwei Turbinen mit je 550 Megawatt Leistung. Rechnerisch könnte eine solche Anlage bis zu 7,2 Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr produzieren. Das wäre das Niveau eines Atomkraftwerks und genug für 2 Millionen Durchschnittshaushalte.
Kraftwerks-Geschäftsführer Armin Fieber hat allerdings bereits erklärt, dass diese Zahlen „erst einmal Theorie“ seien. Zum einen werde das Gaskraftwerk kaum 6000 Stunden im Jahr laufen, sondern vor allem bei Mangel an Wind- und Solarstrom einspringen. Zum anderen gebe es vergleichbar große Gaskraftwerke noch gar nicht. Die Verantwortlichen wollten mit ihrem Antrag allerdings ausloten, was in Mehrum maximal möglich wäre. Bis zu einer tatsächlichen Baugenehmigung wären indes noch viele Fragen zu klären.
Wichtig für Kohleausstieg?
Sicher ist aber, dass die Mehrumer die Pläne weiter vorantreiben können. Das Steinkohle-Kraftwerk war Ende März dieses Jahres endgültig abgeschaltet worden. Voraussichtlich im Oktober soll der Abriss beginnen, die weithin sichtbare Anlage soll bis auf einige kleine Nebengebäude dem Erdboden gleichgemacht werden.
Neue Gaskraftwerke sind ein zentraler Bestandteil der Energiewende, wie sie die Bundesregierung aktuell plant. Sie sollen im Zuge des Kohleausstiegs für den Teil der Stromproduktion einspringen, den erneuerbare Energiequellen zumindest vorerst noch nicht liefern können. Die neuen Anlagen sollen später möglichst mit grünem Wasserstoff betrieben werden können – was das Kraftwerk Mehrum für seine Anlage auch plant. Sie könnten dann auch langfristig als klimaneutrale Pufferkraftwerke genutzt werden.
Warten auf Bundesregierung
Allerdings sind die Bedingungen, zu denen neue Gaskraftwerke entstehen sollen, nach wie vor nicht ganz klar. Das betrifft die Verteilung der Anlagen in Deutschland ebenso wie ihre Finanzierung. Kritiker der Mehrumer Pläne fordern viele kleinere, dezentrale Kraftwerke, die zugleich als Wärmelieferanten für umliegende Orte genutzt werden können. Die Befürworter argumentieren mit dem bereits bestehenden Kraftwerks-Standort und der zentralen Anbindung an zahlreiche große Übertragungs-Stromleitungen. Die neue Anlage könne bestenfalls schon 2028 ans Netz gehen und damit vor der ab 2030 befürchteten „Stromlücke“ durch den Kohleausstieg.
