Schellerten - Das Thema Windkraft bewegt weiterhin viele Menschen in der Gemeinde Schellerten. Rund 300 Bürgerinnen und Bürger kamen am Dienstagabend zu einer Info-Veranstaltung der Kommune in die Sporthalle. Und erfuhren, dass es neben dem bereits bekannten und heiß diskutierten Projekt „Ilse“ der Firma Innovent zwischen Hildesheim und Ottbergen noch zwei weitere Ideen für Windparks im Gemeindegebiet gibt. Eine davon war auch Bürgermeister Fabian von Berg noch neu. Der Verwaltungschef machte ohnehin einen gewissen Unmut über beide Projektentwickler deutlich und betonte mehrmals, Schellerten sei zwar bereit für mehr Windkraft, werde sich aber gegen eine „Überfrachtung“ wehren.
Gebiet östlich von Ottbergen
Der zweite aktuell im Raum Schellerten aktive Projektentwickler ist die Hildesheimer „Firma JL re Erneuerbare“. Sie gehört dem Lamspringer Unternehmer und stellvertretenden Landrat (CDU) Justus Lüder. Im Gegensatz zu Innovent hat er das Gemeindegebiet östlich von Ottbergen in den Fokus genommen – ein Gebiet zwischen Wöhle, Dingelbe, Farmsen und eben Ottbergen. Allerdings sei man noch in einer ziemlich frühen Planungsphase und habe unter anderem noch keine Erkenntnisse darüber, ob die Bundeswehr den Bereich für Tiefflug-Übungen nutze. Auch, wie viele Windräder dort denkbar seien, könne man noch nicht sagen.
Tatsächlich hat das niedersächsische Umweltministerium jetzt für jeden Landkreis Karten mit Potenzialgebieten für Windkraft veröffentlicht – und da schneidet der von Lüder in den Blick genommene Bereich im Gegensatz zum „Ilse“-Gebiet zunächst eher schlecht ab.
Lüder wirbt für Regionalität
Das gilt nicht für ein mögliches Mini-Projekt, dass Lüders Unternehmen schon etwas weitgehender geplant hat. Es soll aus ganzen zwei Windrädern bestehen, die zwischen Wendhausen und Uppen in dem Streifen zwischen Autobahn 7 und Bundesstraße 6 errichtet werden könnten – eines auf Hildesheimer und eins auf Schellerter Gebiet. Dieser Bereich wird wie „Ilse“ mit „vollständig geeignet“ bewertet, beide Vorhaben würden sich wohl auch nicht ausschließen.
Justus Lüder betonte vor allem, dass sein Unternehmen in Hildesheim angesiedelt sei und die gesamte Wertschöpfung in der Region verbleiben werde. Ferner sprachen seine Mitarbeiter verschiedene Beteiligungsmöglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger von der Genossenschaft über Crowdfunding bis zum Pfandbrief an. Zudem nannte sein Mitarbeiter Malte Johannes vergünstigte Stromtarife für Anwohner als Option.
Von Berg übt Kritik
Die Innovent-Vertreter Dirk Ihmels und Thorsten Walther hielten im Wesentlichen jenen Vortrag, den sie bereits in mehreren Ortsräten präsentiert hatten. Eine Neuerung war allerdings dabei: Sie erklärten sich bereit, die Windräder im Fall ihres Baus so zu steuern, dass zu keinem Zeitpunkt ein Schlagschatten von den Rotoren über Wohngebäude zieht. Gesetzlich erlaubt sind eine halbe Stunde Schlagschatten pro Tag oder 30 Stunden im Jahr.
Schellertens Bürgermeister Fabian von Berg übte Kritik an beiden Unternehmen. Innovent habe Kommunen und Öffentlichkeit nicht in der richtigen Reihenfolge informiert und agiere überhaupt intransparent: „Sie haben den Eindruck erweckt, als sei alles schon beschlossen, und die Bagger würden noch dieses Jahr rollen. Es gab in der Folge Anfeindungen und Unterstellungen gegen Amtsträger.“
Innovent wehrt sich
Firmenvertreter Ihmels räumte Fehler bei der Kommunikation gegenüber der Gemeinde ein, wies die anderen Vorwürfe aber entschieden zurück. Tatsächlich hatte Ihmels bei seinen Präsentationen zum Windpark „Ilse“ in mehreren Ortsräten stets betont, dass aktuell die rechtlichen Voraussetzungen für das Projekt noch gar nicht bestünden und ein Baustart, wenn überhaupt, frühestens in drei Jahren denkbar sei.
Justus Lüders Firma wiederum fing sich einen Rüffel des Bürgermeisters ein, weil sie in der info-Veranstaltung erstmals überhaupt die Idee eines Mini-Windparks an der A7 präsentierte. „Das war eine Überraschung, aber keine schöne“, murrte von Berg.
Sorge um Entwicklung
Der Rathaus-Chef betonte, Schellerten sei bereit, der Windkraft mehr Platz einzuräumen, und habe deshalb bereits die Aufstellung eines Flächennutzungsplans dazu beschlossen. Es dürfe aber nicht dazu kommen, dass die Ortsteile in ihrer Entwicklung gehemmt würden oder mögliche neue Baugebiete nur noch durch die Lage von Windparks bestimmt würden.
Das Publikum verfolgte die Veranstaltung aufmerksam und interessiert, in der Fragerunde wurden auch kritische Anmerkungen meist sehr sachlich vorgetragen. Mehrere Bürger äußerten die Sorge, ihre Häuser könnten an Wert verlieren. Dem widersprach Dirk Ihmels und verwies auf eine Studie der Katasterämter in Ostfriesland: „Ein solcher Wertverlust ist nicht nachweisbar.“ Moniert wurde auch der Lärm durch die Windräder. Die Feldmark falle für die Naherholung quasi aus, klagte eine Anwohnerin.
Nächste Debatte in Dinklar
Mehrfach wurde insbesondere Innovent auch gefragt, ob es nicht auch mit weniger oder niedrigeren Windrädern gehe. Eine geringere Höhe schloss Ihmels aus, bei der Anzahl hielt er sich bedeckt. Unterdessen gibt es neben den Dinklarern Thomas Kaschel und Andreas Reim inzwischen offenbar eine weitere Kritiker-Gruppe: Bürgerinnen aus Wendhausen überreichten Bürgermeister von Berg Unterschriften gegen den Windpark. Massenhafter Widerstand ist in der Kommune allerdings weiterhin nicht zu spüren, eher kritische Neugier.
Die Gemeinde will nun ihre Planung weiter vorantreiben – um selbst bestimmen zu können, wo am Ende neue Windrädern hinkommen. Dass welche kommen, scheint unstrittig. Die nächste öffentliche Debatte ist am Dienstag, 21. März, im Ortsrat Dinklar (19 Uhr, Feuerwehrhaus).



