Musical-Klassiker

Rocky Horror Show-Premiere am Hildesheimer tfn: Mehr als nur Time Warp

Hildesheim - Ein Traum in Latex und in Seide: Die Musical Company bringt eine Eigeninterpretation des Kultklassikers auf die Bühne, die sich sehen lassen kann. So lief die Premiere – und das sagen die Fans.

Das Rocky-Horror-Show-Ensemble überzeugt: Samuel Jonathan Bertz (Riff-Raff), Jürgen Brehm (Phantom), Louis Dietrich (Brad Majors), Lucía Bernadas Cavallini (Janet Weiss), Katharina Wollmann (Columbia), Elisabeth Köstner (Magenta)

Hildesheim - Es ist eben doch mehr als „just a jump to the left“. Das Team hinter der „Rocky Horror Show“ am Theater für Niedersachsen (tfn) hätte nach einer Blaupause arbeiten können. Ein buckeliger Diener und ein Doktor in Strapse, Konfetti und „Time Warp“ - die Leute wären befriedigt gewesen. Aber mit der Premiere in Hildesheim am vergangenen Montag haben die Verantwortlichen auf und hinter der Bühne gezeigt, dass der Anspruch ein anderer war. Der „Rocky Horror Show“ am tfn gelingt – selbst auf den höchsten Absätzen und im engsten Lederanzug – der Spagat zwischen einer Inszenierung, die der Vorlage treu bleibt und eigene künstlerische Impulse setzt. Ach so: Und verdammt viel Spaß macht der Abend auch!

Statt in einem spinnenwebenverhangenen Gruselschloss finden sich die Partygäste vor einer Kulisse wieder, bei der „Big Brother“ stilsicher auf Expressionismus trifft. Ein riesiges Augenpaar mit langen Wimpern starrt durch Tüll auf das Treiben auf der Bühne. Dass Bühnenbildner und Ausstatter Sebastian Ellrich eine Kulisse entwerfen musste, die sich leicht durch ganz Niedersachsen karren lässt, stört nicht. Im Gegenteil. Zum einen sind Kostüme und Bühne Hingucker, zum anderen braucht Regisseur Oliver Pauli keine Rücksicht auf Umbaupausen nehmen. Stattdessen drückt er mit den ersten Tönen der Band, geleitet von Andreas Unsicker, das Gaspedal durch und lässt es dort bis zum Schlussakkord.



Es gibt immer etwas zu sehen

Denn obwohl sich die Szenerie nie ändert, gibt es in dieser „Rocky Horror Show“ immer etwas zu sehen: die verzerrten Kostüme von Riff-Raff und Magenta; wie aus einem Bilderrahmen und zwei Statisten mit Glühbirnen und Luftballons ein Auto entsteht; die sagenhaften Choreographien von Farid Halim. Das ist nicht „just a jump to the left“ – wobei der selbstredend auch gefordert ist. Aber was das Ensemble sonst noch aufs Parkett legt, ist so halsbrecherisch wie beeindruckend. Man möchte die Augen nie schließen, um keinen Moment zu verpassen.

Apropos Ensemble: Wie begeistert die Musical Company – die fast vollständig an der Produktion beteiligt ist – von der Inszenierung ist, merkt das Publikum mit jeder Pose und Grimasse. Selbst Jack Lukas schafft es in der zwar titelgebenden, aber tatsächlich doch recht kleinen Rolle als Rocky Eindruck zu hinterlassen – nicht nur wegen eines glitzernden Sixpacks. Louis Dietrich und Lucía Bernadas Cavallini sind knuffig als überfordert-neugieriges Pärchen Brad und Janet. Elisabeth Köstner und Samuel Jonathan Bertz zeigen stimmlich als Magenta und Riff-Raff die stärksten Darbietungen des Abends. Katharina Wollmann und Jürgen Brehm sorgen als Columbia und Dr. Scott für die komischsten Rollen. Daniel Wernecke schließlich erfüllt die Erwartungen aller, die seit seinem Auftritt als irrer Professor im „Toxic Avenger“ von vor drei Spielzeiten auf eine „Rocky Horror Show“ mit ihm gehofft haben. Sein Frank’n’Furter, vielleicht die schwierigste Rolle, weil die Darstellung in der Filmadaption so präsent ist, gelingt ihm nah an den Erwartungen und doch mit eigenem Touch.

Es gibt einen heimlichen Star

Heimlicher Star ist außerdem Karsten Oliver Wöllm. Als Erzähler hat er die meisten Berührungspunkte mit dem Publikum. Mit trockenem Humor reagiert er auf Zurufe und führt durch die absurde Handlung. Das Publikum nimmt die Spielbälle dankbar auf. Vor einem halben Jahrhundert Provokation, heute Pop. Auch schön. Dem tfn gelingen auch noch subversive Einschübe. Hier können Männer schwanger sein. Eine sichere Bank war die „Rocky Horror Show“ fürs tfn also nicht. Die Erwartungen an eine Inszenierung des Kult-Klassikers sind schließlich hoch. Das tfn-Team hat sich aber die Kernaussage des Musicals zu eigen gemacht: Don’t Dream It – Be It!


Und das sagen die Fans:

Desi & Fiona Klak: „Wir fanden es super! Auch, weil es wirklich etwas Experimentelles war. Besonders haben uns die Interaktion mit dem Publikum und die Leistung der Tänzer gefallen. Die beste Figur ist und bleibt natürlich Frank, der beste Tänzer war heute Riff-Raff. Vor allem fanden wir die Schatten aber klasse. Die haben alles mitgemacht und waren echt gut!“

Mike Bartlett: „Ich fand es sehr gut. Die Ausstattung ist super, weil sie so nah ans Original kommt, aber trotzdem eigenes Flair versprüht. Ich würde sagen, 99 Prozent vom Publikum sind mitgegangen. Dadurch war die Atmosphäre toll. Eddie war mein Favorit. Ich liebe auch das Original von Meat Loaf!“

Gabriele Lohmann & Melanie Neugebauer: „Wir sind sehr begeistert: gute Stimmung, gute Sänger, gute Musik und gute Kostüme! Für uns beide war es live die erste Rocky Horror Show. Ein bisschen wussten wir also schon, worauf wir uns einlassen. Aber es zu erleben ist dann doch nochmal was anderes. Es war ein rundum gelungener Abend!“

Manuela „Columbia“ H.: „Mir fehlen die Worte! Bombastisch! Einmalig! Wie die das umgesetzt haben! Das war meine Jugend! Ich habe Wochen an meinem Kostüm genäht und jeden Stein selbst auf die Schuhe geklebt. Am liebsten würde ich jetzt sofort den Time Warp tanzen.“

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