Nordstemmen/ Pattensen - Im Grunde verbindet sie mit diesem Schloss eine Art Liebesbeziehung: „Die Marienburg begleitet mich seit meiner Schulzeit“, sagt Tatjana Pohl. Schon als kleines Kind ist sie, damals noch in Filzpantoffeln, fasziniert durch das Welfenschloss geschlappt.
Als später einmal finnische Austauschschüler da waren, zeigte sie diesen die Burg – und beschwerte sich anschließend beim Hausmeister, weil sie die Führung so langweilig fand. „Der drückte mir kurzerhand einen Katalog in die Hand und sagte: ,Mach’s doch besser!‘“, erzählt sie lachend. So kam sie mit 15 Jahren zu ihrem ersten Job als Schlossführerin.
Später organisierte sie eigene Touren für Kinder, und vor 15 Jahren begann sie, Gruppen bei Theaterführungen als Königin Marie oder als Kammerzofe durch die Räume zu geleiten. Dabei griff sie selbst auch zur Harfe oder zur Laute.
Es begann an der Bismarckschule
Tausende erlebten Tatjana Pohl so als Entertainerin in der Kulisse der Marienburg. „Man braucht dafür schon fundiertes historisches Wissen“, sagt sie, „aber die Leute wollen sich auch amüsieren.“
Tatjana Pohl sitzt im Ostflügel der Burg zwischen Gewändern und Perücken. Hier hat die Schauspielerin ihren Kostümfundus. Mit ausladender Gestik und viel Leidenschaft erzählt die quirlige Frau von ihrem Leben. Dabei wird schnell klar, dass für sie eigentlich die ganze Welt eine Bühne ist.
Sie wuchs in Hannover auf. An der Theater-AG der Bismarckschule lernte sie den mittlerweile verstorbenen Bühnenenthusiasten Till Büthe kennen. „Er hat mich sehr gefördert“, sagt sie. Bald stand sie im Mittwoch-Theater und im Ballhof auf der Bühne. Mit 16 Jahren war sie bereits Synchronsprecherin beim NDR, außerdem übernahm sie Hörspiel- und kleine Fernsehrollen.
„Ich war beseelt davon, Schauspiel zu studieren“, erzählt sie. Dann aber lernte sie herausragende Bühnenkünstler kennen, die sich mühsam von einem Engagement zum anderen hangeln mussten. „Deshalb entschied ich mich für Logopädie.“
Drei Esel als Hilfstherapeuten
Heute lebt Tatjana Pohl in Schulenburg und betreibt eine eigene Praxis, in der sie auch tiergestützt arbeitet: „Ein Hund, eine Katze und drei Esel sind meine Kotherapeuten“, sagt sie lachend. Mit ihrer Unterstützung hilft sie beispielsweise Kindern mit Down-Syndrom oder Erwachsenen nach Schlaganfällen, (wieder) sprechen zu erlernen.
Ihre große Liebe ist jedoch immer die Marienburg geblieben. „Sie ist das romantische Relikt einer Welt, die es nicht mehr gibt“, schwärmt sie. Auch nach vielen Jahren kann sie immer noch begeistert und ausdauernd davon erzählen, wie der blinde König Georg V. das Schloss einst für seine Frau Marie erbauen ließ – ein Monument steingewordener Liebe.
„Sperrung war ein Schock“
Einen ihrer schönsten Auftritte hatte sie selbst hier im Schlosshof, als ihr Freund Oliver Rohrbeck (bekannt als Justus Jonas aus der Serie „Die drei ???“) mit ihr bei einem Livehörspiel gemeinsam auf der Bühne stand. „Das war schon großartig“, sagt sie.
Über die Jahre wurde das Schloss ihr persönliches Biotop. Ihr natürlicher Lebensraum. Darum traf sie auch die Nachricht im Sommer so hart. „Die Sperrung der Innenräume war für uns alle ein Schock“, sagt sie ernst. Wie die meisten Beschäftigten hielt sie es für überzogen, dass die Behörden große Teile der Burg wegen baulicher Mängel für den Besucherverkehr schließen ließen.
„Ich sehe hier keine Stelle, an der Einsturzgefahr drohen würde“, sagt sie trotzig. Tatjana Pohl wurde eine der Wortführerinnen des Protestes gegen die Maßnahmen. Mit einer Petition sammelten sie Unterschriften, um eine komplette Schließung der Burg während der anstehenden Sanierung zu verhindern. Vergeblich.
Weiterhin im Theater
Vom 5. bis zum 7. Januar geht dort noch einmal das Wintermärchen-Event mit der Aktion „Baumplündern“ über die Bühne. Dass das Schloss danach womöglich für Jahre geschlossen komplett bleiben wird, ist für sie eine Tragödie. „Die Marienburg ist eines der schönsten Juwele Niedersachsens“, sagt sie beschwörend.
Mehr als 70 Beschäftigte wurden entlassen. Auch für Tatjana Pohl hat die Schließung der Innenräume gravierende Folgen gehabt: Sie musste etwa zahlreiche Führungen absagen.
Sie hofft noch immer, dass wenigstens einzelne Teile der Burg für Besucher wieder geöffnet werden – und dass Sie dann wieder kostümiert durch die Räume führen kann. Vor 18 Jahren habe sie einen schlimmen Autounfall überlebt, erzählt sie. „Ich musste Essen und Sprechen ganz neu lernen – seitdem weiß ich, dass es immer irgendwie weiter geht“, sagt sie. „Ich bin eben eine hoffnungslose Optimistin.“ Bis sie wieder Schlossführungen organisieren kann, will sie verstärkt als Logopädin arbeiten. „Ich werde auch weiter Theater machen“, sagt sie. „Aber das Schloss wird mir unendlich fehlen.“
Vom 5. bis 7. Januar ist auf der Marienburg noch einmal das Event „Wintermärchen“ zu erleben. Dabei wird das Schloss farbenprächtig illuminiert. Beim „Großen Baumplündern“ steht dabei der Verkauf von Weihnachtsdekoration auf dem Programm. Der Eintritt ist frei.
von Simon Benne


