Die Menschen hinter den Zahlen

Schon Eltern und Großeltern waren bei Bosch in Hildesheim: Sechs Beschäftigte sprechen über ihre Geschichte – und ihre Ängste

Hildesheim - Hunderte bangen bei Bosch in Hildesheim um ihre Stellen. Die HAZ hat mit Menschen gesprochen, deren Familiengeschichte eng mit der Firma verknüpft ist. Und die erklären können, warum Bosch für sie mehr ist als ein Arbeitgeber.

Hildesheim - 750 Arbeitsplätze will Bosch bis 2032 allein im Elektromotoren-Werk im Hildesheimer Werk abbauen, 600 davon bis Ende 2026. Hinzu kommen wohl Hunderte im Software-Bereich Bosch XC sowie bei der Tochtergesellschaft Etas. Es wäre längst nicht der erste Kahlschlag bei Hildesheims größtem Arbeitgeber. Schließlich beschäftigte der vor 40 Jahren noch rund 14.000 Menschen in der Stadt. Heute sind es noch 3500.

Und doch trifft die aktuelle Ankündigung viele Beschäftigte besonders hart, sorgt vor Weihnachten für Verunsicherung und Zukunftsängste. Die HAZ hat mit sechs langjährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gesprochen, deren Eltern und teilweise schon auch Großeltern „beim Bosch“, wie man dort sagt, beschäftigt waren. Es ging um eine außergewöhnliche Verbundenheit mit dem Arbeitgeber, um das Ringen zwischen Dankbarkeit, Enttäuschung und Stolz, aber auch um sehr konkrete Sorgen angesichts der Entwicklung: Das bewegt die Menschen, um die es jenseits der nackten Zahlen eigentlich geht.

Torsten Bente

Torsten Bentes erste Erinnerungen an Bosch rühren aus seiner frühesten Kindheit. Wenn die Schicht des Vaters schon begonnen hatte, die der Mutter aber noch nicht beendet war, wartete der kleine Torsten mit vielen anderen Kindern unter Aufsicht nahe dem Werkseingang, ehe es dann mit der Mutter zu einem der vielen Werksbusse ging, um nach Hause in die Werkswohnung in Drispenstedt zu fahren.

Bosch war immer Thema in der Familie.

Torsten Bente

„Sie sehen, das Werk war schon damals immer dabei, Bosch war immer Thema in der Familie“, erinnert sich Bente. Jahre lang arbeitete seine Mutter bei Bosch, der Vater zwei Jahre lang. Torsten Bente selbst macht seine Ausbildung woanders und arbeitet dort zunächst auch. Doch dann stirbt der Vater früh. Mutter und Sohn stehen vor der Frage, ob sie das Haus halten können. „Meine Mutter hat dann alle Hebel in Bewegung gesetzt, um mich bei Bosch unterzubringen – weil dort viel besser gezahlt wurde“, erinnert sich Bente. Bosch, das bedeutet gerade damals auch soziale Sicherheit, ein gewisser Lebensstandard – in einem Maß, das andere Arbeitgeber selten bieten können.

Torsten Bente ist seit 35 Jahren bei Bosch. Er arbeitet 15 Jahre lang im Drei-Schicht-Betrieb, baut Lenkmotoren, bildet sich dann intern weiter. Heute ist er im Qualitätsmanagement im Bereich Sensorik zuständig für interne Prüfungen und für die Bearbeitung von Reklamationen. „Ich bin immer gern zur Arbeit gegangen, gerade in den vergangenen Jahren hat sich für mich viel bewegt“, sagt er. Bosch als Arbeitgeber, der das Haus sichert, der Chancen bietet, sich hochzuarbeiten – ein Motiv, dass viele Beschäftigte anführen.

Die Ausbildung bei Bosch hat überall Türen geöffnet.

Torsten Bente

Und nicht nur das: Auch Torsten Bentes Sohn hat bei Bosch gelernt – und davon profitiert, wie der Vater sagt: „Die Ausbildung bei Bosch galt immer als Qualitätssiegel, das hat einem überall Türen geöffnet.“ Auch das habe ihn stolz auf seinen Arbeitgeber gemacht.

Und nun? „Krisen und Stellenabbau gab es immer wieder“, sagt Bente. „Wir sind natürlich nicht die ersten, denen das droht.“ Doch habe sich die Kultur geändert: „Ich finde, früher haben Firma und Arbeitnehmerseite sich eher zusammengesetzt und gemeinsam Lösungen gesucht.“ Und wer dann doch habe gehen müssen, sei meist weich gefallen. Das werde nun anders, fürchtet er mit Blick auf den Arbeitsmarkt. Und räumt ein: „Natürlich ist die Angst um den Lebensstandard da.“

Kai Bettels

Kai Bettels lässt die Zahl für sich sprechen: „91 Jahre bei Bosch in Hildesheim, das ist unsere Familientradition!“, sagt er. Die Zahl kommt heraus, wenn er zusammenrechnet, wie lange sein Großvater, sein Vater und er selbst bei Bosch waren oder sind. 22 Jahre sind es bei ihm.

Auch wenn er nicht bei Bosch gelernt hat, ist Bettels’ Weg eng mit der Firma verknüpft. Ein wichtiges Gespräch über seine berufliche Zukunft führt er mit seinem Vater in der Bosch-Kantine, als er gerade wieder einmal dort jobbt. Er studiert – und bewirbt sich danach im Hildesheimer Wald. Doch zunächst droht er den Schritt zu bereuen. Kaum ist Kai Bettels da, kündigt Bosch den Abbau von 830 Stellen an. „Ich hatte für Bosch Daimler und der Bahn abgesagt und war noch in der Probezeit“, erinnert sich Bettels. Doch er darf bleiben und wird ein stolzer Boschler, der die Bosch-DNA, wie der Bereichsvorstand das gern nenne, in sich spürt. Und betont, dass ihm die Struktur der Firma viel bedeutet: „Die Gewinne von Bosch fließen in die Robert-Bosch-Stiftung, die sich weltweit für Bildung und soziale Gerechtigkeit einsetzt – dafür arbeite ich gern, viel lieber als für irgendwelche Aktionäre.“

Die Situation berührt mich emotional mehr, als ich es für möglich gehalten hätte.

Kai Bettels

Auch deshalb schmerzt ihn die aktuelle Situation. Der Blaupunkt-Verkauf sei „ein schwarzer Tag“ gewesen, erinnert er sich. Dennoch sei die aktuelle Krise „gefühlsmäßig die schlimmste, weil es nicht um eine möglicherweise nicht mehr aktuelle Technologie geht, sondern weil wir ja schon Zukunftsprodukte machen“.

Doch es ist nicht nur dieser logische Ansatz, der ihn fassungslos macht. „Ganz ehrlich: Die Situation berührt mich emotional mehr, als ich es für möglich gehalten hätte.“ Auch deshalb ist seine Antwort auf die Frage, ob er eventuell mit einer hohen Abfindung freiwillig gehen soll, zwiespältig: „Der Bauch sagt, nimm die Abfindung. Aber das Herz sagt nein.“

Maik-Benjamin Funk

Noch mehr Bosch-Geschichte hat Maik-Benjamin Funk zu bieten. „Das sind sicher mehr als 100 Jahre, sagt der 44-Jährige. Schon die Großmutter war bei Blaupunkt, die Mutter dann auch, der Vater war „ewig“ bei Bosch. Auch Maik-Benjamin Funk lernt dort – und bricht eine Lanze dafür, dass Mitarbeiterkinder bei der Einstellung bis heute bevorzugt werden: „Manche nennen das Vetternwirtschaft. Ich sage: Wenn schon die Eltern und vielleicht sogar die Großeltern beim Bosch waren, hat man schon bestimmte Einstellungen und Werte von Haus aus eingeimpft bekommen – und das weiß das Unternehmen auch.“ Da ist sie wieder, die Bosch-DNA, der feste Glaube, einer ganz besonderen Firma anzugehören.

Da sitze ich in meiner Wohnung und überlege ...

Maik-Benjamin Funk

Funk ist lange im Musterbau beschäftigt. Dort, wo Neuentwicklungen in die Praxis umgesetzt, Prototypen gebaut werden. Funk liebt den Job: „Man ist daran beteiligt, etwas Neues zu schaffen und zur Serienreife zu bringen. Das fand ich immer erfüllend.“

Doch im Musterbau ist auch früher als anderswo zu spüren, wenn es bergab geht: Keine neuen Muster, keine neue Produktion. Funk macht inzwischen etwas völlig anderes, kümmert sich um die Grünpflege auf dem Gelände und ist auch damit zufrieden: „Ich arbeite auch gern im Garten.“ Doch die Angst ist auch bei ihm präsent: „Da sitze ich in meiner Wohnung und überlege: Kannst du dir das noch leisten, wenn es dich trifft?“

Janina Brinkmann

Über diese Frage möchte Janina Brinkmann am liebsten gar nicht nachdenken: „Ich will bleiben bis zur Rente, Bosch war für mich immer schon ein Stück Familie und Heimat!“ Obwohl sie deutlich jünger ist als Torsten Bente, hat auch sie noch Kindheitserinnerungen an die Zeit, als noch viel mehr Menschen bei Bosch gearbeitet haben. „Manchmal haben wir mein Vater von der Arbeit abgeholt – das waren unglaubliche Menschenmassen, die einem da entgegenströmten! Da war man immer ganz aufgeregt, ob man den Papa überhaupt findet.“

Wieso leuchtet mein Bosch nicht mehr?

Janina Brinkmann

Anfang des Jahrtausends erlebt Janina Brinkmann als junge Boschlerin die erste große Starter-Krise mit, die Debatte um einen Verlauf der Sparte, letztlich die Sanierung mit massivem Personalabbau. „Schon damals habe ich manche Träne vergossen“, erinnert sie sich. Der Stolz, Boschlerin zu sein, der sei aber geblieben. Als das Unternehmen irgendwann die große Leuchtreklame über dem Hochhaus abgeschaltet habe, habe sie das persönlich genommen: „Wieso leuchtet mein Bosch nicht mehr?“

Doch bleibt es „ihr“ Bosch? Auch wenn sie es eigentlich gar nicht will, Gedanken macht sie sich natürlich trotzdem. „Heute mit Familie hat man natürlich viel mehr Verantwortung, da liegt man nachts wach und denkt: Mit der Abfindung wäre man schuldenfrei – aber wo findet man einen neuen Job?“ Um mit seinen Überlegungen doch wieder am gleichen Punkt zu landen: „Ich will das gar nicht! Ich will da bis zur Rente bleiben.“

Michael Ritschel

Sicherheit fürs Leben. Das ist es, was ein Arbeitsplatz bei Job in Hildesheim lange verspricht, was andere neidisch macht – daran erinnert sich auch Michael Ritschel. „Heute sagen die Leute eher: „Bei Bosch? Ach du Ärmster ...“ Das sei natürlich übertrieben, sagt der 60-Jährige, Bosch sei nach wie vor ein guter und gut zahlender Arbeitgeber. Nur die Sicherheit fürs Leben, die bietet die Firma nicht mehr.

Man hat auch privat viel zusammen gemacht.

Michael Ritschel

Ritschel ist seit 1986 bei Bosch, gefühlt aber schon länger. Denn schon im Zuge seiner Klempner-Ausbildung bei der Firma Ehlert ist er fast permanent auf dem Bosch-Gelände eingesetzt. Vertraut ist ihm das Unternehmen da schon lange. Großmutter Elly Noetzel arbeitet von 1950 bis 1980 bei Blaupunkt im Hildesheimer Wald, Ritschels Mutter ist von 1974 bis 1998 bei Blaupunkt am Römerring. Wo heute Kaufland seine Waren anbietet, arbeiten Mitte der 1980er-Jahre noch 3800 Menschen im Blaupunkt-Hochhaus.

Auch Ritschel erinnert sich an „Karawanen von Bussen“, die seinerzeit auf dem heute verwilderten Busbahnhof gegenüber des Werks starten und ankommen. In einer Zeit, als die Frauen ihre Männer abholen, wenn es die Lohntüte gibt – um zu verhindern, dass die Gatten gleich allzu viel vom neuen Lohn in der nächsten Kneipe ausgeben. Eine Zeit, in der Bosch nicht nur gefühlt, sondern auch praktisch Heimat ist weit über die Arbeit hinaus: „Betriebssport war ganz wichtig, es gab Fußball, Kegeln, Segeln, Tauchen, zudem einen Werkschor, die Gemeinschaft wurde gefördert und gelebt. Man hat auch privat viel zusammen gemacht.“

Die Ausbildung liegt mir wirklich am Herzen.

Michael Ritschel

Doch Michael Ritschel ist keiner, der nur in der Vergangenheit schwelgt. Im Gegenteil. Im Betriebsrat ist der Logistiker für die Auszubildenden zuständig, mithin für die Zukunft des Unternehmens: „Das liegt mir wirklich am Herzen“, sagt er. Dass Bosch die Ausbildung in Hildesheim massiv kürzen will, treffe ihn hart.

Thomas Barbarat

Thomas Barbarat wiederum gehört zu jenen, die zwar „ewig“ bei Bosch sind, zwischendurch aber nicht mehr dazugehören. Barbarat ist Teamleiter in der Starterproduktion, als Bosch den gesamten Bereich zum Jahresbeginn 2018 an den chinesischen ZMJ-Konzern verkauft, der die neue Firma SEG Automotive gründet. Hunderte Boschler gehen mit, „die Chinesen haben uns das Blaue vom Himmel versprochen“, erinnert sich Barbarat. „Es hieß, wir gehen mit euch in die E-Mobilität!“

Das ist mein Recht, ich will hier wieder arbeiten!

Thomas Barbarat

Doch im Sommer 2020 fällt SEG eine ganz andere Entscheidung. Die Produktion in Hildesheim wird weitgehend geschlossen. Barbarat und viele andere haben allerdings ein vertraglich zugesichertes Recht auf eine Rückkehr zu Bosch. „Das hat mir und vielen anderen den Hintern gerettet“, sagt Barbarat. Doch der alte Arbeitgeber hat zunächst keine Verwendung für die rund 200 Ex-Boschler, die nun wieder auf der Matte stehen, bietet Abfindungen an.

Barbarat will das nicht, wie viele andere auch. „Das ist mein Recht, ich will hier wieder arbeiten“, verkündet er. Und zwar möglichst wie früher als Teamleiter. Anfangs zeigt Bosch wenig Entgegenkommen. Doch dann kommen immer mehr Aufträge für Elektromotoren, plötzlich wird wieder Personal gesucht, Barbarat und die anderen Rückkehrer sind auf einmal wieder hochwillkommen. Auch die Teamleiter-Stelle gibt es jetzt wieder. Wenn auch mit bitterem Beigeschmack.

Was sollen erst die jungen Familienväter sagen?

Thomas Barbarat

Der verstärkt sich, als Bosch nun seine neuen Kürzungspläne verkündet. „Es fühlt sich so an, als würde Bosch einen schon zum dritten Mal nicht mehr wollen“, sagt der 57-Jährige. „Erst, als wir an SEG verkauft wurden, dann, als man uns nicht zurücknehmen wollte, und jetzt, weil man viele von uns loswerden will.“ Er sei „immer noch ein stolzer Boschler“, sagt Barbarat, dessen Vater und Bruder ebenfalls über Jahrzehnte im Unternehmen gearbeitet haben. „Aber die letzten Jahre haben schon einen Knacks verursacht.“

Und Bangen vor der Zukunft: „Wo kriegt man in meinem Alter noch so gutes Geld?“, fragt der 57-Jährige. Schließlich zahle Bosch ohne Frage mehr als ordentlich. Doch er wolle gar nicht so sehr seine eigenen Sorgen in den Vordergrund rücken: „Was sollen erst die jungen Familienväter sagen, die im Vertrauen auf ihre Arbeitsplätze bei Bosch vielleicht gerade erst ein Haus finanziert und gebaut haben? Um die tut’s mir leid!“

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