Hildesheim - Die Küken sind zum Fressen da. Für die Raubtiere, die Wildkatzen und Wildschweine. Hellgelb und mit gefrorenem flauschigen Federkleid kommen sie aus der Tiefkühltruhe, Werner Ziaja füllt sie in einen Eimer. Obendrauf legt er Grünzeug, Salatkopf, Äpfel, Möhren. Muss ja nicht jeder gleich sehen, was er mit sich rumträgt auf dem Weg durch die Gehege des Wildgatters. Obwohl: Wer sollte ihm um diese Uhrzeit schon in den Eimer gucken? Es ist früher Morgen, Fütterungszeit, die Besucher kommen erst in ein paar Stunden.
Kein Gedanke daran, dass dieser Rundgang einer seiner letzten ist. Kein Gedanke an die bevorstehende Rente, die kommenden Tage und Jahre ohne das Wildgatter, ohne Rothirsche, Falken, Raben, Kaninchen, Waschbären, Wildkatzen, Enten, Ziegen und Kamerunschafe, ohne die riesigen Schottischen Hochlandrinder. Ohne die tausenden Besucher des Wildgatters, von denen ihn viele seit Jahrzehnten kennen, und er sie.
Die Legende steht im Matsch und sagt: Dann wollen wir mal
Ab September ist Schluss für Werner Ziaja, doch bis dahin geht es in jeder Minute genau so weiter wie in den letzten 38 Jahren. Wenn man als Tierpfleger zur Legende werden kann, dann steht die an diesem Morgen mit einem Eimer Küken und Salat auf einem matschigen Weg am Steinberg und sagt: „So, na dann wollen wir mal.“ Elan in der Stimme und der Anflug eines polnischen Akzentes, und schon stapft sie los, die Legende.
Komm her! Und du geh da mal weg, ey ey, weg da, hab ich gesagt!
Zu den Schweinen geht Ziaja am Morgen als Erstes. Schweine sind immer hungrig, sagt der Tierpfleger. Er geht schnell, auf diese Tanzbär-Art, mit ganzem Oberkörper vom linken Bein aufs rechte tretend. Der Eimer in seiner Hand schunkelt mit. Sie würden problemlos auch den gesamten Inhalt verputzen, sagt Ziaja, Fleisch oder Früchte, das ist ihnen wurst, immer her damit. Aus einem zweiten Eimer bekommen sie heute Körner, Mais hauptsächlich.
Ziaja trägt Arbeitskluft, eine dieser Hosen, die ein heimlicher Werkzeugkasten sind. In lauter Taschen stecken Dinge, Messer, Bleistift, Taschenlampe, Leckerli, Schlüssel. Er greift ins richtige Fach, dreht einen Schlüssel mehrmals im Schloss des Geheges – da kommen die Schweine auch schon auf ihn zu. „Ey ey ey!“, ruft Ziaja und klappert mit dem Körnereimer, während er gleichzeitig Händevoll daraus den Schweinen hinwirft. Wie ein Karnevalsprinz Kamelle schmeißt. Die Tiere fressen, grunzen, schmatzen. Ziaja dirigiert das Rudel laut. „Komm her! Und du geh da mal weg, ey ey, weg da, hab ich gesagt!“ Die Großen sollen die Kleinen nicht vom Futter verdrängen, alle sollen etwas abbekommen.
Sein Liebling ist Paula. Paula hatte er schon als Frischling, als Neugeborenes, das von der Mutter verlassen wurde. „Sie war tagsüber im Wildgatter, aber am Abend konnte ich sie nicht hierlassen, dafür war sie noch zu klein. Also hab ich sie mit nach Hause genommen, nach Söhre, und am nächsten Morgen wieder mit zur Arbeit. Auf der Fahrt im Auto saß sie immer auf meinem Schoß.“ Werner Ziaja lacht, halb kess, halb schuldbewusst. Wie ein Junge, der gerade nochmal davongekommen ist mit dem, was er ausgefressen hat.
Ein Malocher. Einer, der nicht labert, sondern loslegt
Er ist ein Witzemacher, sagen die, die ihn schon lange kennen. Ein Malocher. Einer, der lieber loslegt statt zu labern. Der nicht nur Tiere pflegen, sondern auch Sachen bauen kann. Wenn du dem morgens sagst, dass das Wildgatter eine neue Sitzbank braucht oder das Klettergerüst kaputt ist, dann hast du nach dem Mittagessen beides: eine fertige Bank und ein heiles Gerüst. Ein Witz, den Thomas Hagenhoff gern macht, Vorsitzender des Wildgatter Fördervereines. „Das Wildgatter hat Werner richtig viel zu verdanken“, sagt Hagenhoffs Vorgänger im Amt, Hans-Uwe Bringmann.
Als Paula ein Neugeborenes war, hab ich sie jeden Abend mit nach Hause genommen, und am Morgen wieder mit zur Arbeit ins Wildgatter. Auf der Fahrt im Auto saß sie auf meinem Schoß.
Doch zurück zu Paula: Ein kleines Wildschwein mit der Milchflasche aufziehen, das klingt wie die Erfüllung eines Kindertraumes. Es erinnert an Bernhard Grzimek, den großen Tierprofessor und Zoodirektor der 60er und 70er Jahre, in dessen Haus neben seinen Kindern so viele Tiere lebten, dass sich Sohn und Schimpanse auch mal zugleich die Zähne putzten oder gemeinsam Hausaufgaben machten. Ein inniges bis grenzwertiges Beieinandersein: grenzend an die Vermenschlichung der Tiere.
Doch die ist so gar nicht Ziajas Ding. Die wenigsten Tiere im Wildgatter haben Namen, bei Paula kam er nicht drumherum, die war noch so klein, dass sie tatsächlich unter seinem persönlichen Schutz stand. „Die Mutter hatte sie allein gelassen“, sagt er, „und ohne unsere Hilfe hätte sie nicht überlebt.“ Nur dann, wenn sie in der Natur keine Chance hätten, nimmt er sich Tieren auf diese Weise an. „Ich habe Waschbären aufgezogen, vor vielen Jahren schon, Falken, überhaupt sehr viele Vögel.“ Alles Jungtiere, alle verletzt oder verstoßen.
Inzwischen ist Paula neun Jahre alt, sie hat viele Frischlinge zur Welt gebracht und war selbst immer eine verlässliche Mutter. Jetzt wühlt sie mit ihrem Rüssel auf dem Beton und im Schlamm nach Maiskörnern. Zwischen ihr und den anderen Schweinen fegen gleich mehrere Nachwuchs-Generationen durchs Gehege, gepunktet oder gestreift und ein absoluter Publikumsmagnet. „Ey ey“, ruft Ziaja wieder, dann sagt er: „Die Schweine, die waren von Anfang an im Wildgatter.“
Im März 1899 wurde der Steinberg zum Ausflugsziel
Von Anfang an: Ausflugsziel war der Steinberg schon vor 125 Jahren. Mit der heutigen Kupferschmiede fing es an. Im März 1899 hatte der Hildesheimer Magistrat beschlossen, ein stadtnahes Ausflugsziel im Steinberg zu bauen. Ein Jahr später konnte der Steinberg, ein Gasthaus im elsässischen Landhaus-Stil mit Panoramablick über die Stadt, eröffnet werden. Bald wurde es in Kupferschmiede umbenannt. Weil der erste Pächter ursprünglich Kupferschmiedemeister von Beruf war.
Ich habe Waschbären aufgezogen, vor vielen Jahren schon, Falken, überhaupt sehr viele Vögel.
Doch die Hildesheimer ließen sich bitten. Was denn, in schönen Sonntagskleidern auf unbefestigten Waldwegen in ein Lokal gehen? Durch Schlamm im Herbst und Staub im Sommer? Nein, nein, nein, das war nichts für die Gesellschaft, damals noch nicht. Langsam aber wandelte sich das Bild. Und 1968, als mit der Eröffnung des Wildgatters auch die ersten Tiere zu bewundern waren, da sah die Sache anders aus, ab da wuchs Hildesheims kleiner Zoo zum Familien- und Zauberort heran. Mit einem wichtigen Unterschied zu vielen ähnlichen Einrichtungen in der Region: Der Eintritt ist kostenlos.
Viele Kilometer östlich, in Polen, wuchs zur selben Zeit Werner Ziaja heran. Aus Oberschlesien stammt er, aus Groß Zeidel, das heute Groß Stanisch heißt, seine Eltern führten einen landwirtschaftlichen Betrieb. Draußen sein, das war für ihn schon als Kind der Normalzustand. Jede Jahreszeit brachte ihre eigene harte Arbeit mit sich. Und ihre eigene Magie. Werner kannte die Felder und den Forst, kannte Rehe und Hirsche genauso wie Hühner und Schweine, und er konnte schon als Junge aus Holzbrettern einen Stall bauen. Anpacken, was zimmern, improvisieren, wenn nötig: In Oberschlesien gab es immer was zu tun, da ging ihm die Arbeit nicht aus.
Die Katze heißt Mischka, und die andere Katze auch
Hier auch nicht. Nicht nur die Schweine haben Hunger am Morgen, also weiter zu den anderen Tieren, zu den Wildkatzen nebenan. Die haben sogar schon Besuch. Eine Frau steht am Gehege und würde die Katzen offenbar gern fotografieren. Doch nur eine Katze ist da, und auch nur halb sichtbar, sie versteckt sich immer wieder. „Wie heißt die denn?“, fragt die Besucherin den Tierpfleger. „Was?“, fragt er, konzentriert auf Schlüssel und Eimer. Ach so, die Katze, ja, sagt er, die heißt Mischka. „Mischka!“, ruft die Frau, so als ließen sich Wildkatzen rufen. „Mischka, komm mal her!“ Die Katze guckt an ihr vorbei. „Oh“, ruft die Frau noch einmal, die sich nun fast an den Zaun presst, um alles genau sehen zu können, „da ist ja noch eine! Und wie heißt die?“ – „Die heißt auch Mischka“, brummt Ziaja ungerührt.
Erst dann sieht er die Frau an, deren Augen sich in diesem Moment zu großen, blinkenden Fragezeichen verformt hätten, wäre das hier ein Zeichentrickfilm. „Nein, Quatsch, sie haben natürlich richtige Namen“, beruhigt er sie schnell. „Nur ich nenne sie alle Mischka.“ Nur ich: als wäre er eine Art Aushilfe, ein linkischer Anfänger, einer, der es halt nicht besser weiß.
Nein, Quatsch, die Wildkatzen haben natürlich richtige Namen. Nur ich nenne sie alle Mischka.
Mit 27 kam er nach Hildesheim und fing bei der Stadt an, 1988 muss das gewesen sein, überlegt er jetzt, jaja, dochdoch. „Und so ein Jahr später, da haben die einen gesucht, der sich mit Tieren auskennt“, sagt er, und mit Tieren kannte er sich aus. Seither war sein Arbeitsplatz wieder draußen. Das hat sich alles sehr richtig angefühlt damals, schicksalhaft beinahe, eine Fügung. Geld kriegen für etwas, das ganz und gar der eigenen Natur entspricht. Die Kehrseite der Medaille war, dass er immer zur Stelle war und sein musste. Frühmorgens, abends, nachts, an jedem Wochenende. Tiere warten nicht drei Tage, bis sie wieder Durst und Hunger haben, sie werden auch um halb drei morgens krank und kriegen auch sonntags Junge.
Es geht immer weiter, im Wildgatter wie im Leben
„Inzwischen haben wir hier natürlich ein richtig gutes Team, das mache ich nicht alleine“, sagt Werner Ziaja, „die sind eingespielt, das läuft sehr professionell.“ Er mag sie alle, aber am meisten freut es ihn, dass sein Sohn Damian Ziaja mittlerweile auch im Wildgatter arbeitet. Hauptamtlich, versteht sich, und ehrenamtlich im Förderverein des Wildgatters. Der Vater, der genau diese Positionen so lange innehatte, übergibt sie nun an seinen Sohn. „Darauf bin ich sehr stolz“, sagt Werner Ziaja. Es geht weiter, im Wildgatter wie im Leben selbst. Der ewige Kreis, Damian führt ihn fort.
Gerade hat der Sohn das neue Gehege für Rebhühner gebaut, so wie auch sein Vater Gehege gebaut hat. Als Werner hier anfing, war sogar der große Spielplatz noch Wald, der heute Mittelpunkt des Wildgatters ist. Er hat Baumstämme so lange behauen, bis eine Eisenbahn draus geworden war. Er hat Kastanien und Eicheln gepflanzt, um mit den Früchten die Tiere zu ernähren, hat Wiesen angelegt, um Heu zu ernten.
Tiere fressen Tiere, Menschen essen Tiere. Auch wenn manche Leute das nicht hören wollen, aber so ist es.
Doch all das hat ihn nie davon abgehalten, gleichzeitig Jäger zu sein. Ein gegrilltes Wildschwein oder ein Reh, innen schön zart und außen kross, das ist bis heute etwas Wunderbares. Für Ziaja ist das kein Widerspruch. Die Schweine fressen gelbe Küken, die Menschen essen das Schwein. Und wenn sie genug Zeit haben, die Menschen, dann warten sie vielleicht sogar, bis aus dem Küken ein Hähnchen geworden ist, auch das kann man ja prima grillen. „So ist das“, sagt Werner Ziaja schlicht. „Auch wenn manche Leute das nicht hören wollen, aber genau so geht es.“ Wichtig ist, sagt er, dass die Tiere es gut haben, solange sie leben.
Er wird schon noch manchmal ins Wildgatter kommen. „Vielleicht aushilfsweise. Oder wenn mal Not am Mann ist.“ Er ist ja nicht aus der Welt. Seine Schweine, die erkennt er am Gang, und das wird auch immer so sein.



