Barcelona/Söhre - Die erstaunliche Geschichte des Neu-Handballprofis Tim Alex setzt sich fort. Zurzeit macht er aber Pause – er weilt gemeinsam mit Freundin Louisa in den Bergen Südtirols. Ein paar Tage ausspannen von den wilden, vergangenen sechs Monaten. „Ein bisschen Winterurlaub“, sagt der Rückraumspieler des FC Barcelona. Ski-fahren ist für Tim Alex aber nicht drin. „In meinem Vertrag mit Barca steht, dass ich das nicht darf.“ Damit er sich nicht verletzt und womöglich ausfällt. Fußball-Torwart Manuel Neuer lässt grüßen. Der hatte sich vor einem Jahr bei einem Ski-Unfall den Unterschenkel gebrochen – nicht gerade zur Freude der Bosse des FC Bayern München.
Aber zurück zu Tim Alex und seiner Geschichte. Wie berichtet, hatte er noch bis Frühjahr 2023 für den Handball-Drittligisten SF Söhre gespielt. Außerdem studiert der 27-Jährige in Hildesheim auf Lehramt und plante für Herbst und Winter 2023/24 gemeinsam mit Freundin Louisa ein Auslandssemester. Die beiden entschieden sich für Barcelona.
Freilich wollte sich Alex auch in Spanien fit halten. Dafür suchte er einen Klub. Sein damaliger Söhrer Trainer Sven Lakenmacher schaltete sich ein. Er kennt Barcas Chefcoach Carlos Ortega gut. Es folgten ein großes Missverständnis (Ortega hatte verstanden, dass Alex nicht bloß trainieren will, sondern ein neues Team sucht, für das er spielen kann) sowie einige Leistungs-Checks – und plötzlich stand der einstige Söhrer Rückraummann beim katalanischen Champions-League-Sieger unter Vertrag. Allerdings für die zweite Mannschaft des Vereins in der 2. Liga. Das alles ist jetzt gut ein halbes Jahr her.
Und es läuft für Tim Alex in Barcelona: Er ist Stammspieler, bringt in der Deckung sowie im Angriff gleichermaßen gute Leistungen und hat bis kurz vor Abschluss der Hinserie bereits 58 Tore geworfen. Sein Team rangiert vier Punkte hinter Spitzenreiter Burgos auf Platz vier.
Das sind die nüchternen Fakten von sechs Monaten in Spanien.
Es war schon viel zu tun: das Training, die Spiele und dann die Uni. Die Klausuren habe ich bestanden
Und sonst so? „Ich fühle mich sehr wohl. Mir gefallen die Stadt, die Menschen hier und die Teamkollegen – eine coole Truppe. Und ich habe viel gesehen“, erzählt Alex. Auch das Auslandsstudium läuft. „Es war schon viel zu tun: das Training, die Spiele und dann die Uni. Die Klausuren habe ich bestanden.“
Das Zweitliga-Team von Barca ist die Talentschmiede des Klubs. Wenn es gut läuft, schaffen es nach einer gewissen Zeit ein paar Youngsters in die erste Mannschaft des Champions-League-Siegers. Alex wurde im Sommer verpflichtet, da es in einem Kader von Jungspunden auch den einen oder anderen erfahrenen Handballer benötigt.
„Handball-Opa“ Tim Alex
„In Söhre lag ich vom Alter her immer im Durchschnitt, bei Barca II bin ich mit 27 der Älteste“, sagt er. Und manchmal wird Tim Alex deshalb von seinen Team-Kollegen „Abuelo“ gerufen – übersetzt aus dem Spanischen heißt das Opa. „Ist schon in Ordnung“, meint er, lacht und schiebt dann lakonisch hinterher: „Zumindest muss ich nach dem Training nicht die Bälle einsammeln und wegtragen.“ Das ist in Mannschaftssportarten meist den Küken im Team vorbehalten. Ein Abuelo braucht das nicht.
Allerdings sei die erste Zeit sportlich nicht ganz so einfach gewesen. Alex: „Die Mannschaft ist im Sommer ziemlich neu zusammengestellt worden – mit zwölf neuen Spielern. Zunächst holperte es, wir mussten uns erst finden.“ Doch dann lief es wie geschnitten Brot. Barcelona II ist seit zehn Partien ungeschlagen (neun Siege, ein Unentschieden).
Anfang Dezember, während des Auswärtsspiels beim RCD Mallorca, wurde Tim Alex übrigens von einen guten Bekannten überrascht. In der Halle tauchte plötzlich sein früherer Trainer Sven Lakenmacher auf. Lakenmachers Lebensgefährtin lebt auf der Balearen-Insel – und er selbst wird im Sommer Hildesheim und die Sportfreunde Söhre verlassen, um ganz zu ihr zu ziehen. „Laki war mit meiner Leistung sehr zufrieden“, so Alex. Obwohl Barca II beim 31:31 einen Punkt auf Mallorca ließ.
Dann kommt Tim Alex so richtig ins Schwärmen. Eines nachmittags im Herbst erhielt er einen Anruf von den Verantwortlichen der ersten Mannschaft des FC Barcelona: „Ich sollte am nächsten Morgen um 9.30 Uhr bei denen zum Training erscheinen – mit vier anderen aus dem zweiten Team. Da ging mir schon die Düse.“ Für Alex einer der Höhepunkte der vergangenen Monate: „Wenn du plötzlich mit Barcas Superstars wie den Halbrechten Melvyn Richardson und Dika Mem trainierst oder ein Trainingsspiel gegen die machst – Wahnsinn! Ich konnte mithalten, das schon.“ Trotzdem sei es vom Tempo und von der Körperlichkeit her noch einmal eine ganz andere Hausnummer gewesen. Am Ende gab es ein Lob – von keinem Geringeren als FC-Chefcoach Ortega.
Auch Tim Alex’ Freundin Louisa fühlt sich in Barcelona wohl. „Wir leben in einer Wohnung, und an der Uni läuft es bei ihr ebenfalls“, so der 27-Jährige. Louisa wird Anfang April nach Hildesheim zurückkehren, um an der HAWK ihr Studium abzuschließen. Tim Alex muss dann in jedem Fall noch in Spanien bleiben – die Saison zu Ende spielen.
Ehrlich, ich weiß noch nicht, wie es genau weitergeht
Wie es danach weitergeht mit ihm und dem FC Barcelona, ist noch unklar. Alex hat nur einen Ein-Jahres-Vertrag. „Die Vertragsgespräche werden hier später geführt als in Deutschland“, sagt der gebürtige Braunschweiger. Und was wird, wenn es ein neuerliches Angebot gibt? Da schlagen zwei Herzen in seiner Brust: „Dass ist schon alles klasse bei Barca. Aber ich will auch mein Masterstudium beenden.“ Dafür müsste er zurück nach Hildesheim. „Ehrlich, ich weiß noch nicht, wie es genau weitergeht.“


