Hildesheim - Die Stadt hat im April und im Mai Fahrradfahrende am Klingeltunnel und an der Innerstebrücke zur Lucienvörder Straße gezählt. Vielleicht ist einigen Passantinnen und Passanten das Zählgerät aufgefallen, ein silberner Kasten mit zwei Schläuchen, die quer über Rad- und Fußweg verliefen. Das Gerät war eine Leihgabe der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen Niedersachsen/Bremen (AGFK), teilte Stadtsprecher Helge Miethe mit.
Inzwischen sind die Daten ausgewertet worden, sie sollen nun Pläne für „eine dringend erforderliche neue Wegeführung des Rad- und Fußverkehrs“ am Klingeltunnel stützen. Dort komme es immer wieder zu Konflikten zwischen Radfahrenden und Fußgängern und Fußgängerinnen, betonte Miethe bereits im April. Unterdessen hat die Polizei in 2022 keinen einzigen Unfall am Klingeltunnel registriert. Trotzdem stufte sie ihn zuletzt als nur bedingt verkehrssicher ein.
So viele Radfahrende kommen täglich durch den Klingeltunnel
Durchschnittlich kommen laut der Zählung am Tag etwa 2000 Radfahrende durch den Klingeltunnel. In der Spitze waren es 2191. Besonders im Alltagsverkehr wird der Tunnel viel genutzt. Zwischen 7 und 18 Uhr fahren dort pro Stunde durchgängig mehr als 100 Radfahrende entlang.
Das Dezernat für Stadtentwicklung, Bauen, Umwelt und Mobilität kommt im Rahmen seiner Auswertung zu einem Schluss: Die Alternativstrecke über das Spindelbauwerk an der Feldstraße, im Volksmund „Schnecke“ genannt, sei nicht „intuitiv“ und bedeute einen Umweg von etwa 300 Metern.
Fast die Hälfte der Radfahrenden fährt auf falschem Weg in den Tunnel
Wer den Klingeltunnel von der Marienburger Höhe aus erreichen und sich dabei an die Verkehrsordnung halten will, muss eigentlich auf der gegenüberliegenden Straßenseite daran vorbeifahren, dann die Marienburger Straße überqueren und an der Kniphofstraße wenden.
Wie die Radverkehrszählung nun ergeben hat, ist das ein Umweg, den nur wenige in Kauf nehmen. So würden 45 Prozent der Radfahrenden entgegen der vorgeschriebenen Richtung in den Tunnel fahren. Das Phänomen ist schon lange bekannt, nun gibt es dafür belastbare Zahlen. Auf deren Grundlage empfiehlt das Baudezernat, die Radverkehrsführung am Klingeltunnel anzupassen.
Wie könnte eine neue Radverkehrsführung am Klingeltunnel aussehen?
Aber wie könnte so eine Anpassung aussehen? Vor gut zwei Jahren hatte die Stadt einen Pop-Up-Radweg an der Trogstreckenauffahrt zur Marienburger Straße getestet. Ähnliches ist zurzeit auch für die Zingel und die Alfelder Straße im Gespräch. Wird es am Klingeltunnel letztlich auf eine solche Lösung hinauslaufen?
„Es gibt noch nicht finalisierte Überlegungen, den Fußgänger- und Radverkehr zwischen dem Südausgang des Klingeltunnels und der Einmündung Mellingerstraße/Freiherr-von-Stein-Straße zu trennen“, teilt Stadtsprecher Miethe mit. Was das konkret bedeutet, müsse die Planung zeigen, eine finale Aussage zur künftigen Radverkehrsführung könne an dieser Stelle noch nicht getroffen werden.
Entsprechende Planungen sind in Hildesheim schon länger im Gespräch. Auch was eine Verbesserung der Radinfrastruktur entlang der Lucienvörder Straße betrifft, sei noch nicht absehbar, wann damit zu rechnen sei. Dort hatte die Stadt sechst Tage lang ebenfalls Fahrräder gezählt. Das Zählgerät war dafür auf der Innerstebrücke installiert worden.
Zu diesem Ergebnis kommt die Zählung an der Lucienvörder Straße
Aufgrund des begrenzten Zeitraums ließen sich zunächst aber nur Tendenzen erkennen, heißt es in der Vorlage des Baudezernats. Am Spitzentag seien 1857 Radfahrende über die Brücke gekommen, der Schwerpunkt liege im Alltagsverkehr. Das Baudezernat sieht auch hier dringenden Handlungsbedarf. Bei der CDU im Stadtrat dürfte es damit offene Türen einrennen. Die Christdemokraten hatten schon mehrfach die Einrichtung eines Fahrradstreifens gefordert, der von der Jo-Wiese über die Lucienvörder Straße und den Gelben Stern bis zur Wollenweber Straße führen würde. Bislang ist sie mit entsprechenden Anträgen aber während der Haushaltsberatungen an der Mehrheitsgruppe gescheitert. Die hatte diesbezüglich immer auf das Radverkehrskonzept der Stadt verwiesen. Darin ist die Lucienvörder Straße nicht als Schwerpunktstelle ausgewiesen.
Wer die Straße kennt, weiß, dass viele Radfahrende dort auf dem relativ breiten Gehweg fahren, um das holprige Kopfsteinpflaster zu meiden. Einen Radweg gibt es nicht. Wann die Situation für Radfahrende dort letztlich verbessert werden soll, ist laut Stadtsprecher Miethe noch nicht absehbar.
Kommentar: So einfach könnte man die Lucienvörder Straße für Radfahrende attraktiver machen
Die Stadt zählt Fahrräder am Klingeltunnel und in der Lucienvörder Straße. Endlich passiert da mal was, denkt man. Aber dann die Ernüchterung: Die Planungen für den Klingeltunnel? Seit Jahren erst in einer ganz frühen Phase, da lässt sich noch nichts Konkretes sagen. Und an der Lucienvörder Straße? Gibt es noch nicht mal Planungen. Die müssten erstmal aufgenommen werden, bevor man einen Zeitpunkt für Verbesserungen ins Auge fassen könne, heißt es aus dem Rathaus.
Dabei könnte es doch gerade in der Lucienvörder Straße so einfach sein. Die meisten Leute fahren dort eh schon auf dem Gehweg; das kaputte Kopfsteinpflaster der Straße schreckt viele ab, zumal es bei Regen oder Schnee enorm rutschig wird. Gerade für ältere Radfahrende, die vielleicht sogar an Arthrose oder ähnlichen Gebrechen leiden, dürfte das Kopfsteinpflaster hoch zur Godehardikirche als unbezwingbar gelten.
Der Gehweg, auf dem deshalb so viele radeln, ist zumindest im unteren Abschnitt der Lucienvörder Straße einer von der breiteren Sorte. Warum also nicht dort einfach unbürokratisch handeln und das Gehwegradeln möglich machen? Das wäre doch, wenn auch vorerst nur als Zwischenlösung, ohne längere Planungen möglich.


